KärntenTurn-Urteil löst in Kärntner Kindergärten Unruhe aus

Schadenersatz für Fünfjährige, die sich den Ellbogen im Kindergarten brach. Das steirische Urteil löst auch in Kärnten Verunsicherung aus: „Wir wollen uns nicht einschränken lassen.“

Bewegung und Spaß im Kindergarten. Bei einer solchen Turneinheit verletzte sich das Kind
Bewegung und Spaß im Kindergarten. Bei einer solchen Turneinheit verletzte sich das Kind © Fotolia
 

"Wenn man von so etwas hört, löst das natürlich Unbehagen aus“, sagt Elisabeth Hoffmann, Leiterin des Kindergartens St. Martin in Villach. Es geht um eine Turneinheit, wie sie in Kindergärten zum Alltag gehört.

Die Kleinen durften in einem steirischen Kindergarten über ein Seilgitter auf eine Sprossenwand klettern und über eine dort eingehängte Langbank hinunterrutschen.

Als zwei Mädchen zu zweit rutschten, fiel eine Fünfjährige auf den Boden und brach sich den Ellbogen. Der Vater verklagte den Kindergarten, es liege eine Verletzung der Aufsichtspflicht der Kindergärtnerin vor. Er begehrte Schadenersatz von rund 15.400 Euro und die Feststellung, dass der Kindergarten für sämtliche Spät- und Dauerfolgen aus dem Unfall hafte. Der Oberste Gerichtshof (OGH) bestätigte im Sommer das Urteil des Oberlandesgerichts (OLG) für Zivilrechtssachen in Graz, das von einer Verletzung der Aufsichtspflicht ausging. Der Anspruch auf Schadenersatz besteht zu Recht.

Verunsicherung in Kärntner Kindergärten

Das Urteil verursacht nun auch in Kärntner Kindergärten Verunsicherung. „Es ist oft eine Gratwanderung für die Pädagoginnen“, sagt Iris Raunig, Kindergarteninspektorin des Landes Kärnten. Einerseits wolle man die Kinder in die Selbstständigkeit führen, anderseits so gut wie möglich auf sie Acht geben. In der Steiermark fürchten jetzt viele, dass in Kindergärten seltener und weniger intensiv geturnt werden wird. Aus Angst vor dem rechtlichen Risiko. Zumindest im Kindergarten St. Martin wird das nicht so sein: „Wir wollen uns nicht einschränken lassen. Wir wollen weiterhin mit den Kindern nach draußen gehen und spielen“, sagt Kindergartenchefin Hoffmann. 

Jetzt im September leisten wir viel Basisarbeit und sehen, was wir den Kinder schon zutrauen können.

Elisabeth Hoffmann, Kindergartenleiterin
Jetzt im September werde viel Basisarbeit geleistet: „Man sieht, was den Kindern schon zugetraut werden kann.“ Doch auch wenn noch so gut aufgepasst wird, könne natürlich immer etwas passieren. Mitunter deshalb, weil die Kinder anders sind als früher. „Heutzutage sitzen viele zuhause auf der Couch und bewegen sich wenig“, sagt Hoffmann.

Manche Kinder seien es gar nicht gewohnt, im Freien zu spielen. Auch weil sie von den Eltern sehr behütet werden. „Die Gesellschaft hat sich geändert. Für das, was meine Eltern uns damals alles machen haben lassen, wären sie heute wohl ein paar Mal verhaftet worden“, sagt Kindergarteninspektorin Raunig und lacht.

Für jene steirische Kindergärntnerin gab es keine strafrechtlichen Folgen. Die Erstinstanz muss nach dem Spruch des OGH über die Höhe des Schmerzensgeldes entscheiden und darüber, ob der Kindergarten auch für mögliche Folgeschäden haftet. Das ärztliche Gerichtsgutachten setzte die Höhe des Schmerzensgeldes mit rund 2000 Euro an, die Gefahr von Folgeschäden sei nicht gegeben.

Kärntner Kindergarten auch schon verurteilt

Ein gebrochener Arm hat auch schon einen Kärntner Kindergarten vor Gericht gebracht. Von einem Baum gestürzt war ein fünfjähriges Mädchen damals im Jahr 2012 am Spielplatz des Kindergartens.

Das Zivillandesgericht Klagenfurt urteilte, dass die Aufsichtspflicht verletzt worden war. Die Betreiber des Kindergartens mussten zahlen: 9600 Euro Entschädigung und alle Kosten, die durch Folgeschäden entstehen könnten.

Das Mädchen hatte einen komplizierten Bruch erlitten. Ihrer Betreuerin wurde damals angelastet, dass sie nicht auf die Fünfjährige geachtet habe. Einige Kinder waren auf den Baum gekraxelt, obwohl es ihnen verboten worden war. „Solche Fälle gibt es zum Glück äußerst selten“, sagt Landesschulinspektorin Iris Raunig.

Zuletzt war in Kärnten wegen eines tragischen Unfalls über die Aufsichtspflicht von Betreuern diskutiert worden. Ein Dreijähriger war diesen August in ein Becken im Freibad Bleiburg gestürzt. Der Bub trieb länger als fünf Minuten unter Wasser. Vermutlich wird er ein Pflegefall bleiben. Nach dem Unfall wurde ein Verbot der Badeausflüge von Kindergärten geprüft, aber wieder verworfen.

Kommentare (3)

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edug16
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Verurteilung

Was werfen der Vater, der Rechtsanwalt, die Obersten Richter der Kindergärtnerin vor:
* war sie draußen eine rauchen
* hat sie sich mit einer Mutter unterhalten
* war sie am WC
* ein Kaffeeplauscherl mit einer Kollegin
* Büroarbeiten erledigt
* ....

Sie hat sich um 21 Kinder während der Bewegungsstunde gekümmert - und das ist grob fahrlässig?!?!

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wjs13
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Die Klage des Vaters ist schon grenzwertig

aber die Richter bis zum OGH lassen die weit verbreiteten Zweifel an der Justiz weiter zunehmen. Die tun alles um deren Autorität zu untergraben.

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Momi60
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8
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Ich finde es nicht richtig

Ich finde es nicht richtig, dass man überall versucht "Schuldige" zu finden, die dann verantwortlich gmacht werden für alles, was bei Kinderspielen und Bewegungsbedürfnissen der Kinder einfach so passieren kann. Mit Gewalt Schuldige zu suchen und zu finden ist einfach mehr als unfair. Wir hatten auch Kinder im Kindergarten und da auch mit Ausflügen und es kann immer was passieren-Kinder sind so verschieden... Nur Eigenverantwortung bei Eltern und Kindern wurden nicht immer bei Aufsichtspersonen deponiert! Es heißt ja auch EIGENverantwortung ! Klagende Väter sind halt tolle, laute Beschützer...

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