Zum Tag der FamilieSie sind ein Lichtblick für Kinder in der Krise

Bei Familie Finster in Zweikirchen herrscht ein stetes Kommen und Gehen kleiner Füßchen. Dorothea und Rudolf Finster sind Krisenpflegeeltern.

Dorothea und Rudolf Finster helfen Kindern, deren Eltern sich in Ausnahmesituationen befinden © Schusser
 

In der Küche der Familie Finster steht ein riesiger Esstisch. An diesem Tisch spielt sich alles ab: Hier wird gegessen, geredet, gespielt, gelacht und getröstet. Mehr als 30 Kinder sind schon an diesem Tisch gesessen, haben hier Suppe gelöffelt und Schnitzel gegessen, sind irgendwann wieder aufgestanden und gegangen.
Dorothea (55) und Rudolf Finster (60) sind Krisenpflegeeltern. Anfang 2013 las Dorothea Finster einen Aufruf darüber in der Kleinen Zeitung. In ihrem großen Haus an einem Hang in Zweikirchen in der Gemeinde Liebenfels finden seitdem jene Kinder ein Zuhause, das es in ihrer eigenen Familie momentan nicht gibt.

Sorgen, schwer wie Mühlsteine

Rudolf Finster hat ein Faible für Mühlsteine, viele stehen, umgebaut zu Tischen oder Hocker, im großen Garten. Schwer wie Mühlsteine sind auch die Sorgen, mit denen die Kleinen dann vor Dorothea und Rudolf stehen. Wenn „Gefahr in Verzug“ ist, dauert es nur wenige Stunden, bis Dorothea Finster das Kind übernimmt: „Manchmal hole ich sie im Krankenhaus ab, manchmal kommen sie mit den Eltern her, manchmal bringt sie auch das Jugendamt“, erklärt die 55-Jährige. Was dann als Erstes passiert? „Wir gehen ins Spielzimmer oder, wenn das nicht geht, bringen ein Spiel mit an den Tisch“, sagt Finster.

Es ist kein Hokuspokus, es geht um Verlässlichkeit, darum, dass das Kind weiß, dass es ein Frühstück kriegt, wenn es aufsteht, und zwar jeden Tag. 

Dorothea Finster


Ist die Trauer der Kinder zu groß, geht Dorothea mit ihnen in den Garten „Tiere schauen“. Zwei Hunde, Schafe, Hühner (und gerade auch viele kleine flauschige Küken) helfen dann etwas über die große Traurigkeit hinweg. Oder Rudolf fährt mit ihnen eine Runde auf dem Traktor.

Viel draußen

„Im Freien wohnt die Fröhlichkeit“ steht auf einem schön gerahmten Schild im Garten. Der Satz ist Programm: Hier gibt es auch Fahrräder in allen Größen, Dreiräder und Tretroller: „Weil ja immer etwas anderes gebraucht wird“, erklärt Finster, der in Altersteilzeit ist und im Klinikum arbeitet. Was man braucht, um Krisenpflegeeltern zu werden? "Hand, Herz und Hirn braucht man, wie überall sonst auch", sagt Rudolf Finster.

Im Moment leben

Dorothea Finster hat noch einen wichtigen Tipp: "Man sollte keine unrealistischen Erwartungen an die Kinder stellen, das sind Fantasien, die sich nicht erfüllen. Jedes Kind bringt eine andere Geschichte mit." In dem Moment, in dem die Kinder bei ihr sind, hilft sie ihnen über die kleinen Hürden, sorgt für ein Lachen und etwas Glück.

 

Dorothea Finster hat immer Schuhe in unterschiedlichen Größen als Reserve zu Hause Foto © Schusser

Zwischen 0 und 10 Jahre alt sind die Kinder, die kommen. Wie lange sie bleiben, hängt von der Krise ab. „Sieben Wochen ist eine gute Zeit für die Kinder und für uns“, sagt Dorothea. Denn wenn ein Kind wieder geht, ist das auch wieder ein kleiner Abbruch, sagt sie. Und was bleibt von den kleinen Besuchern? „Die Erinnerung“, sagt Rudolf Finster, „und Fotos natürlich“.

Auf einen Stehplatz

Weil ihre Tätigkeit 100-prozentige Flexibilität und Rufbereitschaft verlangt, nutzt Dorothea Finster ihre freie Zeit ganz spontan: "Dann fahre ich aufs Geradewohl los, auf einen Stehplatz im Klagenfurter Stadttheater.  - Und wenn ich einen kriege, freue ich mich sehr", sagt sie lachend.
Die Entscheidung, Krisenpflegemutter zu werden, war für Dorothea ein logischer Folgepfeil: „Ich komme aus einer großen Familie, meine Mutter hat 15 Kinder großgezogen, fünf davon hat sie von der verstorbenen Frau des Vaters übernommen“, sagt die ehemalige SOS-Kinderdorfmutter, Tagesmutter und Kindergärtnerin und fügt hinzu: „Meine Mutter ist eine großartige Frau.“ Selbst haben die Finsters drei erwachsene Kinder, ein ebenfalls erwachsenes Pflegekind mit Downsyndrom und vier Enkerln. Da wird es auch so schnell nicht leer um den großen Tisch in der Küche...

Aufruf

Im Einsatz. In Kärnten sind für Notfälle fünf Krisenpflegefamilien im Einsatz. Sie sind beim Pflegeelterndienst des Hermann-Gmeiner-Zentrums im SOS-Kinderdorf angestellt.
Finanziert wird das Angebot zur Gänze vom Land Kärnten, das SOS-Kinderdorf bietet den multiprofessionellen Rahmen während der Krisenunterbringung.
Primäres Ziel der Krisenpflegefamilien ist es, die Situation, in der sich die ihnen anvertrauten Kinder (von 0 bis 10 Jahre und maximal drei Kinder pro Familie) befinden, zu beruhigen und die Kinder zu stabilisieren.
Bewilligt. Landeshauptmannstellvertreterin und Sozialreferentin Beate Prettner hat nun die Finanzierung von drei weiteren Krisenpflegefamilien bewilligt.
Alter. Die Pflegeeltern sollten zwischen 30 und 50 Jahre alt sein. Sie werden für diese Tätigkeit auch entsprechend ausgebildet und entlohnt.
Melden. Familien, die Interesse haben, als Krisenpflegeeltern tätig zu werden, melden sich bitte im Amt der Kärntner Landesregierung bei andrea.hartlieb@ktn.gv.at.

Tag der Familie. Am 15. Mai ist der Internationale Tag der Familie, ein offizieller Gedenktag der Vereinten Nationen.