FaschingAlle für Elsa und niemand für Anna

Viele Kinder verkleiden sich nicht nur zu Fasching gerne. Die Wahl des Kostüms ist dabei kein Zufall, sagt die Entwicklungspsychologin Elisabeth Sternbacher-Gabriel.

(Fast) alle wollen Eiskönigin "Elsa" sein © Fotolia
 

Der Höhepunkt des Faschings naht und für 90 Prozent der vierjährigen Mädchen im Kindergarten ist klar, dass sie als „Elsa“* gehen werden. Weder ihre – nach Ansicht sämtlicher Mamas – nettere Schwester „Anna“, noch der lustige Schneemann „Olaf“ dürfen es sein, nur die Eiskönigin. Blaues Kleid, weißer Zopf, Handschuhe, Eiszapfen im Gesicht. Die Entwicklungspsychologin Elisabeth Sternbacher-Gabriel findet eine logische Erklärung für die klare Wahl der Kinder: „Die Rolle, in die ein Kind schlüpfen will, sagt meistens auch etwas über seine aktuelle emotionale Situation, über innere Wünsche, Hoffnungen oder Interessen aus.“ Da Kinder immer wieder ihrer „Kleinheit“ und manchmal auch Machtlosigkeit ausgesetzt sind, ist das Verkleiden eine Möglichkeit, sich daraus zu befreien.

Der Vergleich

Im direkten Vergleich schneidet „Elsa“ nun einmal deutlich besser ab: Der Königinnen-Status, ein eigener Eispalast und gefährliche Zauberkräfte stehen auf ihrer Habenseite, ein sonniges Gemüt findet man bei „Anna“.
Die Klassiker Feen, Polizisten, Cowboys und Prinzessinnen sind auch heute noch sehr beliebt, weil sie der eigenen Ich-Steigerung dienen, weiß die Psychologin: „Das sind für Kinder besondere Momente, auch dank ihrer Fantasie.“

Zur Person

Elisabeth Sternbacher-Gabriel ist Klinische und Gesundheitspsychologin mit entwicklungspsychologischem Schwerpunkt. Sie arbeitet als Vertragspsychologin in Hermagor. Seit 2003 hält sie Vorträge zu den Themen Entwicklungspsychologie, Kinder- und Jugendpsychologie. Sie ist verheiratet und hat einen Sohn.

Die Zeit des Rollenspiels

Bei den meisten Kindern beginnt die Lust am Verkleiden in der Zeit des Rollenspieles, etwa um den dritten Geburtstag und dauert bis zum Ende der Grundschulzeit. Diese Art des Spiels ermöglicht es Kindern, sich intensiv mit Rollen auseinanderzusetzen – nicht nur während der Faschingszeit. Es liegt auf der Hand, dass Rollenspiele für die soziale und emotionale Entwicklung wichtig sind: Kinder lernen so, die Wirklichkeit zu verstehen, an ihrer Identität zu arbeiten.

Indem sie sich in Rollen erproben, lernen sie, sich in andere einzufühlen, ihr Verhalten abzustimmen und sich an Regeln zu halten. Außerdem werden so affektgeladene Erfahrungen verarbeitet und Ängste überwunden. Letzteres sieht man laut Sternbacher-Gabriel zur Krampuszeit ganz deutlich, „wenn vor allem Burschen gerne Krampus spielen“.

Fantasielose Erwachsene

Sollten Eltern nun fürchten, ihr Kind wird einmal ein empathie- und fantasieloser Erwachsener, weil es sich weigert, das neue Batman-Kostüm zum Faschingsfest im Kindergarten anzuziehen, so gibt die Psychologin Entwarnung: „Sich zu verkleiden ist eine Möglichkeit von vielen, Empathie und Fantasie zu schulen. Wesentlichen Einfluss hat aber auch die Umwelt, in der ein Kind aufwächst, sowie positive Rollenvorbilder enger Bezugspersonen.“

Typisch Mädchen?

Auch die oft geschlechterstereotype Wahl der Verkleidung ruft bei Eltern manchmal gemischte Gefühle hervor: Der Schweizer Professor für Kinderheilkunde, Remo H. Largo („Babyjahre“) spricht hier von archetypischen Rollen, die das Kind neu entdeckt und in seinem Spiel auslebt: der starke Held, die schöne Frau, das böse Monster. Und er beruhigt die Eltern: Die Vorliebe für Schwerter, Barbies und Pistolen sei meist von vorübergehender Natur.

Sternbacher-Gabriel gibt außerdem zu bedenken, dass ein striktes Verbot oft zu nur noch mehr Interesse führt: „Aggressionen im Spiel auszuleben gehört dazu, es ist wichtig, dass das sein darf.“ Sollten Grenzen überschritten werden, sollte man aber mit dem Kind darüber sprechen.

Fasching und Waffen

Die Faszination für Waffen ist im Rollenspielalter am größten. Die Kinder erproben damit Stärke und Überlegenheit. Deswegen sind Rollen wie Ritter, Pirat, Cowboy, Polizist so begehrt. Aber: Niemals Kriegsspielzeug kaufen und Regeln für das Spiel aufstellen.


Die Beobachtung, dass sich Mädchen lieber verkleiden als Buben, könne durchaus gesellschaftlich bedingt sein, sagt Sternbacher-Gabriel: „Die erwachsene Frau, für Mädchen ein wichtiges Rollenvorbild, verkleidet sich in dezenterer Weise ja täglich, in dem sie sich schminkt und ausgewählt anzieht.“

Glitzer für die Buben

Eltern sollten ihren Kindern ein breites Angebot beim Verkleiden ermöglichen. Zugang zu Glitzernagellack und Ritterschild sollte jedes Kind haben, egal ob Mädchen oder Bub: „Es gibt Studien, die zeigen, dass geschlechtstypisches Spielverhalten uni–versell ist. Doch das ist nur ein Puzzleteil“, sagt die Psychologin. Ein Kind sollte in die unterschiedlichsten Rollen schlüpfen dürfen, ohne eine Wertung.


Wenn das Kind dann als „Elsa“ durchs Wohnzimmer tanzt, bleibt für den Erwachsenen ohnehin nur „Anna“ übrig. Übrigens: Auch, wenn man als Erwachsener eine echt schlechte „Anna“ ist – „die Hauptsache ist, Spaß zu haben“, sagt Sternbacher-Gabriel.

*aus dem Walt Disney-Film „Die Eiskönigin -
Völlig unverfroren“

Kommentieren

Bei der Erstellung von Kommentaren haben Nutzer rechtliche Bestimmungen (z. B. Privat-, Strafrecht), die Netiquette und Forenregeln einzuhalten. Was wir in diesem Forum nicht dulden: Beschimpfungen, Verspottungen, Belästigungen, Ehrbeleidigungen, Verhetzung, Diskriminierung in jedweder Form, Rassismus, Aufrufe zu Gewalt oder gar Selbstjustiz. Beiträge, die diesen Bestimmungen zuwiderlaufen, werden bei Kenntnis gelöscht, Nutzer im Wiederholungsfall gesperrt. Zudem behalten wir uns die stundenweise oder völlige Schließung von Foren vor. Wir weisen Sie darauf hin, dass wir auch keine Links zu anderen Websites akzeptieren.
Als Nutzer stimmen Sie der Speicherung der von Ihnen angegebenen Daten (Stamm-, Verkehrsdaten, etc.) ausdrücklich zu. Die angegebenen Daten werden an staatliche Stellen (z. B. Polizei, Gericht) bei Untersuchung von vom Nutzer verbreiteten Materialien, oder sonst vorgenommenen ungesetzlichen Aktivitäten, weitergegeben. Weiters werden angegebene Daten (Name und Adresse) an sonstige Dritte bei Verletzung von Rechten oder sofern deren Rechtsverletzung nachvollziehbar behauptet wird (zB gem. § 18 Abs. 4 ECG), weitergegeben. Mit der Erstellung von Kommentaren stimmen Sie dem ausdrücklich zu und verzichten auf die Geltendmachung von jeglichen Ansprüchen. Siehe dazu auch unsere Forenregeln/Betriebsbedingungen in den AGB.