Rendezvous an der Ekelgrenze

Warum sehen bis zu sieben Millionen Deutsche und hunderttausende Österreicher so begeistert zu, wenn sich Halb-Promis freiwillig in Ekel- und Notsituationen quälen lassen?

 

Neu auf der Speisekarte: Geschlechtsteile vom Krokodil und zum Runterspülen einen Maden-Stinkfrucht-Cocktail. Würden die Dschungelcamp-Leute mit Gewalt zu den Prüfungen gezwungen, wäre es Folter. Trotzdem: Millionen Fans bekommen nicht genug davon.

"Die Sendung ist trashy (schicker Müll) und spektakulär", sagt Uni-Kulturwissenschafter Rainer Winter. "Das Dschungelcamp lebt davon, Alt-Stars und C-Promis in Notsituationen zu bringen und zu beobachten." Das gefällt - wenn man in Sicherheit ist. Mit "Big Brother" fing die Entwicklung an, mit "Dschungelcamp" erreicht sie einen neuen Tiefpunkt, was Winter zu der Frage führt: "Lässt sich das noch steigern?" Dass er sich das nicht vorstellen kann, beruhigt kaum.

Psycho-Faktoren

Wie so oft, stecken auch hinter diesem Massenerfolg unerwartete Psycho-Faktoren. "Ekel ist ein ambivalentes Gefühl, in dem das eklige Objekt auch unbewusst anziehend sein kann." Da Ekel im Kindesalter erworben wird, kann dessen Überwindung einen Teil der verlorenen Kindheit wiederbringen. "Außerdem entsteht Ekel beim Übertreten kultureller Grenzen wie beim Verspeisen von Dingen, die man in der eigenen Kultur nicht isst."

Fremdschämen, Fremdekeln sind erträglich oder regen sogar zum Lachen an, weil die Teilnehmer freiwillig dabei sind. Die Zuschauer brauchen nicht mitzuleiden oder ein schlechtes Gewissen zu haben. Unsichtbare Zwänge wie Geldnot oder der Wunsch, wieder ins öffentliche Bewusstsein zu kommen, zählen da nicht. "Manche machen das aus reiner Verzweiflung", sagt Winter. Und entwickeln erstaunlicherweise sogar Solidarität, wenn sie die Ekel-Aufgaben aufteilen.

Das Dschungelcamp interessiert ihn als Forscher, auch wenn er sich über die Sendung und die "parodistisch angelegten Kommentare" amüsiert. Die Sendung belegt einmal mehr Andy Warhols These, dass heute jeder 15 Minuten - oder 15 Folgen - lang berühmt werden kann. Wenn er nicht vorher hinausfliegt ...

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