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Zuletzt aktualisiert: 14.10.2012 um 21:33 UhrKommentare

Gerald Hüther: "Erziehung als Schatzsuche"

Am Montag gibt der Hirnforscher Gerald Hüther an der Viktor-Frankl-Hochschule klug-einfühlsame neurobiologische Anregungen für den Umgang mit "Kindern auf der Suche nach Sinn und Freiheit".

Überraschende Erkenntnisse von Hirnforscher Gerald Hüther

Foto © KKÜberraschende Erkenntnisse von Hirnforscher Gerald Hüther

Welche Gefahren bedrohen Kinder heutzutage in ihrer Entwicklung zur geistigen Freiheit, Entfaltung ihrer Möglichkeiten und Lebensfreude?

GERALD HÜTHER: In Kindern sind viel mehr genetische Anlagen vorhanden, als sie brauchen. Damit sich möglichst viel von diesem genetischen Angebot stabilisiert, müssen Eltern dafür sorgen, dass die Anlagen der Kinder nicht verloren gehen. Am wichtigsten ist die kindliche Lust am Entdecken und Gestalten. Wenn diese Begeisterung schwächer wird und Kinder aufhören, allein kreativ zu spielen, dann stimmt etwas nicht.

Was führt zu dieser Verarmung?

HÜTHER: Dass Kinder nicht mit dem wahrgenommen werden, was sie selbst leisten und leisten wollen. Frühförderprogramme, die zeigen, dass das Kind so, wie es ist, nicht in Ordnung ist. Und wenn Kinder das Gefühl haben, sie gehören nicht dazu, weil sie den Vorstellungen der Eltern nicht gerecht werden.

Umgekehrt: Was stärkt Kinder?

HÜTHER: Aufgaben, an denen sie wachsen können. Verantwortung, dass sie sich um etwas kümmern, was von Bedeutung ist. So merken sie, dass sie wichtig sind.

Diese Anregungen betreffen in erster Linie die Familie. Worauf kommt es im Kindergarten an?

HÜTHER: Das unterscheidet sich nicht so sehr. Bevor sie in die Schule kommen, ist es für Kinder nicht am wichtigsten, schon lesen, schreiben und rechnen zu können, sondern dass sie sich in sich selbst wohlfühlen, ihren eigenen Körper erkunden und Erfahrungen machen. Auf Bäume klettern, singen, sich bewegen. Die Hirnforschung hat festgestellt, dass Kinder, die gut balancieren können, auffällig oft gut in Mathematik sind.

Der neue Abschnitt "Schule" birgt auch neue Gefahren?

HÜTHER: Was in Schulen vor sich geht, ist furchtbar. Die Kinder kommen voller Begeisterung und nach zwei, drei Jahren ist das alles weg. Das darf nicht passieren, da machen wir etwas falsch.

Was?

HÜTHER: Durch Bewertungen und Schulzensuren wird die Klasse in gute und schlechte Kinder eingeteilt, was hohen Konkurrenzdruck erzeugt. Die Lehrer kümmern sich nicht darum, ob die Klasse zu einem leistungsorientierten Team zusammenwächst. In unserer Ego-zentrierten Zeit versuchen auch die Eltern, ihre Kinder für die Rolle des Einzelkämpfers starkzumachen.

Ist der überhaupt noch gefragt?

HÜTHER: Nein, das Zeitalter ist vorbei. Universitäten und Unternehmen brauchen Menschen, die Probleme lösen, statt sich auf Kosten anderer durchzusetzen. Jemand aus einem Chemiekonzern-Vorstand sagte mir kürzlich: "Seit fünf Jahren merken wir, dass es nie mehr einen einzelnen Chemiker geben wird, der eine produktreife Formel entwickelt. Das geht nur noch im Team."

In letzter Zeit werden - auch von Ihren Fachkollegen - Computer und digitale Medien als schädlich verurteilt.

HÜTHER: Ich halte sie für wunderbare Werkzeuge zur Verbesserung von Leistungen. Gefährlich wird es, wenn jemand dort Ersatzbefriedigung für jene Bedürfnisse findet, die er in der realen Welt nicht findet, wenn er sie zur Affektregulation benutzt.

Welchen Kurztipp im Rahmen so eines Interviews möchten Sie den Wegbegleitern von Kindern, also Eltern, Kindergärtnerinnen und Lehrern geben?

HÜTHER: Sie sollten zu Schatzsuchern werden, statt dem Selbstbild als Wissensvermittler anzuhängen. Was ist das Besondere in jedem Kind? Was will da heraus? In der Vergangenheit haben Lehrer Schüler wie Bäume zurechtgeschnibbelt, statt zu schauen, ob es Aprikosen- oder Zitronenbäume werden. Sie sollten loslassen von ihren eigenen Ideen, was aus dem Kind werden soll.

Sind denn Erwachsene und ältere Menschen überhaupt noch in der Lage zu lernen und umzudenken?

HÜTHER: Zu den jüngsten Erkenntnissen der Hirnforschung gehört, dass Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Ältere neue Verschaltungen im Hirn entwickeln können. Aber nicht durch Anstrengung, sondern durch Begeisterung. Und was Pädagogik-Studierende betrifft: Die müssen versuchen, schon ihr eigenes Studium so zu gestalten, wie sie selbst einmal lehren wollen: indem man sich den Lehrstoff selbst erarbeitet.

JOCHEN BENDELE

Gerald Hüther

Biografie. Geboren 1951, Thüringen. Neurobiologe, Hirnforscher, Autor. Professor Uni Göttingen. Verheiratet, drei Kinder. Sieht sich als "Brückenbauer zwischen wissenschaftlicher Forschung und gesellschaftlicher bzw. individueller Lebenspraxis".

Bücher. (Auswahl) "Jedes Kind ist hoch begabt" (2012). "Was wir sind und was wir sein könnten. Ein neurobiologischer Mutmacher" (2011). "Auf Schatzsuche bei unseren Kindern" (2006).

Internet. www.gerald-huether.de.

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