Bezirks- und Gemeindesuche
Ortsnamen voller Geheimnisse
Ob man deutsche, aktuelle oder beide Namen von Ortschaften verwendet, ist mehr als eine Stil-Frage. Es geht um Kultur-, Siedlungs- und Sprach- geschichte - und eine gehörige Portion Ideologie.

Foto © PeutzHeinz-Dieter Pohl, Sprach-Professor der Uni Klagenfurt im Ruhestand
Wenn ein Bild mehr sagt als tausend Worte, dann können auch Ortsnamen tausend Geschichten erzählen.
Pettau zum Beispiel. Deutsch-Verfechter empfinden die Übertragung ins Slowenische, schnippisch klingende Ptuj geradezu als schmerzhaft. Dabei hieß der Ort bei den Römern Poetovium, bei den frühen Slawen, die kein langes O kannten und es durch U ersetzten, Petuj. Dann machten Deutschsprachige aus der Endung -uj das deutsche -au. Heute ist es Ptuj, immer noch ohne O.
"Solche Namen spiegeln eine gemeinsame Vergangenheit wider, die zeigt, dass dieser Ort in beiden Sprachgemeinschaften eine Rolle gespielt hat", erklärt Heinz-Dieter Pohl, pensionierter Sprachen-Professor der Uni Klagenfurt. Das gilt - dank der Ausbreitung der österreichisch-ungarischen Monarchie - für viele geografische Bezeichnungen in Europa.
Lisboa bleibt Lissabon
Doch Pohl hat eine interessante Beobachtung gemacht. "Bei osteuropäischen Namen neigen wir stärker dazu, die Bezeichnungen der jeweiligen Landessprache zu verwenden als bei westlichen." Typisches Beispiel: die nordische Schi-WM 2009, die in Liberec stattfand. Pohl: "Fast niemand wusste, dass es sich da um die nordböhmische Stadt Reichenberg handelte." Niemand hingegen käme auf die Idee, von Venezia, Milano oder Lisboa zu sprechen; die bleiben Venedig, Mailand und Lissabon.
Der Sprachforscher hat sogar eine mögliche Erklärung für unsere Verwendung slawischer Namen für Orte in Osteuropa und deutscher Namen im Westen. "In der DDR mussten - abgesehen von den Hauptstädten - die Ortsnamen verwendet werden, die in den jeweiligen Ländern benutzt wurden. Ich vermute, dass das nach dem Ende der DDR auf den ganzen deutschen Sprachraum übergeschwappt ist."
Doch ist das auch okay - pardon: in Ordnung? Pohls originelles Urteil: "Laut Verfassung ist Deutsch die Amtssprache in Österreich. Also sollten die Medien, die viel zum Sprachgebrauch beitragen, bei Orten mit gemeinsamer Geschichte beide Bezeichnungen bringen."
Derartige Sprach-Finessen sind nicht auf Kärnten oder Mitteleuropa beschränkt, sondern global verbreitet. "Weltweit bekannte Orte wie Peking, Athen oder Rom haben sogar in allen Sprachen ihre eigenen Namen. Und kein Russe würde schreiben, Kant habe an der Universität in Kaliningrad gelehrt, sondern in Königsberg. Die sind da offen."
Bleibt die Frage, warum man die verblassenden Ortsnamen nicht einfach in Frieden dahinscheiden lässt. "Man sollte die alten Namen aus historischen Gründen erhalten", sagt Pohl mit Leidenschaft. "Sonst versteht man in 20, 30 Jahren nicht mehr, was gemeint ist. Das sollte zur Allgemeinbildung gehören."
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