Bezirks- und Gemeindesuche
Das Risiko "idealer" Beziehungen
Nach Bluttaten stellt sich Frage nach Motiv. Psychologe spricht generell von Dominanz der Liebe. Negative Gefühle werden ausgeblendet.

Foto © KLZ/Helmuth WeichselbraunPsychologe Kurt Kurnig
Zwei Bluttaten haben in den letzten Tagen für Betroffenheit gesorgt. In Lendorf im Drautal erschlug ein 26-jähriger Masseur seine 29-jährige Lebensgefährtin mit einer Hacke. Anschließend stellte sich der Mann der Polizei. Und in einem Wald in Klagenfurt-Wölfnitz erschoss ein 55-Jähriger eine befreundete 45-jährige Kellnerin in seinem Auto, bevor er Selbstmord beging. Im Zusammenhang mit zunehmendem Individualismus ortet Kurt Kurnig, Psychologe und Psychotherapeut bei der Arbeitsvereinigung der Sozialhilfe Kärnten, eine Dominanz der Liebe. "Der Mensch sucht sich Beziehungen, Jobs, Hobbys nach Neigung aus - und glaubt, dass er das von ihm Gewählte vollkommen lieben muss. Das impliziert auch den Partner oder die Kinder, für die man vermeintlich eine dauernde und stets sich steigernde Begeisterung aufbringen will. Liebe wird zur Pflicht", sagt Kurnig.
Unterdrückte Gefühle
Auf der Strecke bleiben Gefühle, die in der Realität durchaus ihren Platz haben: Langeweile, Leere, Trauer, Zorn, Wut, Hass. "Diese Emotionen werden unterdrückt", erklärt Kurnig. Man wünscht sich intensive, positive Beziehungen. Bei Konflikten, von denen diese Idealwelt im Alltag in der Regel eingeholt wird, kommt es rasch zur Trennung. "Man ist sich nicht darüber im Klaren, dass es in einer Partnerschaft auch Phasen verminderter Begeisterung gibt."
Während man Partnerschaften leicht löst, erfolgt in der Beziehung zu Kindern häufig das Gegenteil. "Immer öfter leben Eltern in Symbiose mit ihren Kindern. Sie glauben, dass es reicht, ein Kind zu lieben und man sonst nichts mehr investieren muss." Spätestens beim Schuleintritt brechen Konflikte auf. Kinder reagieren mit Rückzug oder überzogener Aggression. Im Extremfall kann es sein, dass sie ausbildungs- und beschäftigungsunfähig werden. Gegensteuern kann man, indem man sich von ausschließlich idealen Wunschvorstellungen verabschiedet. "Es ist falsch, zu glauben, dass eine Beziehung entweder super oder nichts wert ist. Man darf Zwischentöne nicht ausblenden."


















