Bezirks- und Gemeindesuche
Suche nach Wegen aus der Gewalt
In den Sitzungen der Anti-Gewalt-Gruppe des Vereins "Neustart" lernen junge Menschen, dass man nicht immer gleich zuschlagen muss.

Foto © EggenbergerElisabeth Heidegger und Uwe Steinwender trainieren in der Anti-Gewalt-Gruppe seit Monaten mit den jungen Leuten. In jeder Sitzung gibt es kleine Erfolge
Es ist 17.55 Uhr. Im Seminarraum von "Neustart", einem Verein für Bewährungshilfe in der Fromillerstraße in Klagenfurt, ist alles für die kommenden zweieinhalb Stunden vorbereitet. Den Sozialarbeitern Elisabeth Heidegger und Uwe Steinwender sieht man die Anspannung an. Werden heute alle Teilnehmer der Anti-Gewalt-Gruppe erscheinen? Am Beginn des Trainings im Jänner waren es zehn. Junge Menschen, deren aggressives Verhalten zu mehreren gerichtlichen Verurteilungen geführt hat.
Jetzt sind es noch fünf. Nur einer von ihnen, Stefan, ist freiwillig da, weil er sich durch die Teilnahme eine mildere Strafe erhofft. Die anderen vier haben eine gerichtliche Weisung. In der Gruppe sollen die jungen Menschen lernen, mit ihren Aggressionen umzugehen und vermittelt bekommen, dass es andere Möglichkeiten gibt, als gleich zuzuschlagen.
Neue Vorfälle
Nach und nach tauchen alle fünf auf - vier Burschen und ein Mädchen im Alter zwischen 15 und 23 Jahren. Sie kommen aus verschiedenen Bezirken. Die zehnte Sitzung beginnt mit einer Befindlichkeitsrunde. "Ich komme von der Arbeit. Es passt alles, Vorfälle gab es keine in letzter Zeit", eröffnet Stefan. Hermann geht es nicht so gut: "Es hat einen Vorfall gegeben. Ich habe einem die Nase gebrochen, weil ich alkoholisiert war und einem Freund helfen wollte." "Hat es eine Anzeige gegeben?", fragt Trainerin Heidegger. "Ja, und jetzt habe ich auch Stress mit den Schwiegereltern, musste ausziehen", sagt Hermann. Patrick erzählt, dass er einen gut bezahlten Job in einem anderen Bundesland gefunden hat. Zugeschlagen hat er schon länger nicht mehr. Er ist ein "neuer Patrick". Der "alte Patrick" hat seit dem vierzehnten Lebensjahr mehrere Vorstrafen gesammelt. Die häufigste Rechtfertigung: "Der hat mich provoziert, ich habe ja so handeln müssen." Gewalt läuft in dem Fall wie ein Reflex ab.
Dass man auch anders handeln könnte, versuchen die Sozialarbeiter mit der nächsten Übung zu vermitteln. Dazu schlüpfen Stefan und Hermann in die Rollen von Provokateur und Provoziertem. Ziel der Übung: Sie sollen ihr Gehirn einschalten. Stefan fängt an, Hermann zu beschimpfen. "Was spürst du?", will Heidegger von Hermann wissen. "Mir ist heiß und ich habe Herzrasen. Ich täte ihm schon gerne eine geben", sagt er. Steinwender: "Und die Konsequenzen?" "Er wird vielleicht bluten und die Polizei kommt", antwortet Hermann. "Für wen hätte es noch Folgen?", bleibt Steinwender hartnäckig. "Für die Freundin, mein Kind, meine Mama", kommt von Hermann nach kurzer Überlegung. "Also, zuerst denken", sagt Heidegger. "Nüchtern ist das leicht, aber hab mal was getrunken", wirft Patrick ein. "Stimmt, wenn ich rauschig bin, kann ich mich nicht mehr halten, ich gehe durch die Lokale und versuche zu provozieren", erzählt Hermann. Steinwender: "Welche Möglichkeiten außer einer Schlägerei gibt es?" "Weggehen. Heute würde ich nachdenken, bevor ich zuschlage", sagt Patrick.
Rollenspiele
Nach der Pause wird ein Vorfall nachgestellt, der Hubert vor den Richter gebracht hat. "Es hat ,Klack' gemacht und ich habe zugeschlagen", erinnert er sich. Patrick und Stefan spielen die Situation nach. Dann werden in der Gruppe Alternativen erarbeitet, wie man das gerichtliche Nachspiel hätte vermeiden können: Davonlaufen, versuchen, zu beruhigen und Deeskalation durch einen Freund. Die fünf jungen Leute bemühen sich, machen bei allen Übungen mit. Auch als Außenstehender hat man den Eindruck, dass sie gerne etwas an ihrem Verhalten ändern würden. Ob es gelingt? Zwei Sitzungen haben Stefan, Patrick, Vicki, Hubert und Hermann noch vor sich.
Features
DER VEREIN
Gewalt. Bei Gewaltdelikten gehen Jugendliche in den vergangenen Jahren mit immer größerer Brutalität vor. Es gibt immer mehr schwere Körperverletzungen.
Hilfe. Alfred Gschwendner, der Chef der Bewährungshilfe "Neustart" in Kärnten, und sein Team haben unter anderem die Aufgabe, Jugendliche wieder zu resozialisieren, die aufgrund ihrer Taten auch längere Freiheitsstrafen zu verbüßen haben.
Anti-Gewalt-Training. Drei Trainerpaare arbeiten mit Jugendlichen, deren aggressives Verhalten zu einer Verurteilung geführt hat. Die Gruppe trifft sich sechs Monate lang regelmäßig alle 14 Tage.


















