Bezirks- und Gemeindesuche
Albtraum in der Idylle: Familie als Tatort
Mit fünf wurde Frau X. vom Bruder vergewaltigt und keiner half. Sie will, dass man nach Internats- und Kirchenopfern den Tatort Familie nicht vergisst.

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Als X. fünf Jahre alt war, fiel ein Bruder über sie her. Er war älter, stärker, entschlossen, ein Triebtäter im Körper eines gerade noch nicht Rechtsmündigen. "Ich hatte Angst, dass er wiederkommt. Es tat sehr weh, heute spüre ich noch, wie eklig es war." Drei, vier Mal kam er wieder, dann war Schluss. "Ich wollte, dass keiner was merkt." Das ist ihr gelungen; jedenfalls hat niemand mir ihr gesprochen.
Die Bergbauerntochter mit vielen Geschwistern war das Aschenputtel ohne Happyend, eine billige, unbedankte und unbelohnte Arbeitskraft. "Als ich eine Ausbildung machen wollte, habe ich nicht mal die nötigen 1000 Schilling bekommen."
Die Vergewaltigungen hat die heute über 60-Jährige "in einen Sack gesteckt, wie hinter einen Glas- oder Eisvorhang". Mit Ende 20 kann sie endlich weg vom Hof. Sie versucht zu funktionieren, trotz Kopfweh, Panikattacken, Schlafstörungen, Depressionen. Ein Mann, "eine Katastrophe", zwei Kinder, warmherzig, erfolgreich, Akademiker. In ihnen zeigt sich, was aus der Mutter hätte werden können, wenn . . .
Die Nachrichten um den belgischen Kinderschänder und -mörder Marc Dutroux öffneten "den Sack", der sich unbemerkt in einen Vulkan verwandelt hatte. "Ich dachte, ich platze. Konnte nicht arbeiten. Ich musste es loswerden, um nicht verrückt zu werden."
Sie fährt zu einem anderen Bruder und erzählt ihm alles. Dessen Reaktion: "Das glaube ich erst, wenn es der Täter zugibt. Außerdem wäre es längst verjährt und er könnte dich wegen übler Nachrede verklagen. Du hast kein Recht, so zu reden."
"Nächste Watschen"
X. hatte sich einem Priester anvertraut, der ihr seelischen Halt gab. "Ich kenne die gute Seite der Kirche. Seither bin ich noch kritischer gegenüber der schlechten." Zwei Geschwister versuchten, sie bei diesem Priester unglaubwürdig zu machen. "Das war die nächste Watschen!" X. hat den Kontakt zu ihnen abgebrochen, "außer sie entschuldigen sich".
Bis zu einem gewissen Grad versteht X., dass ihre Geschwister, zum Teil hoch angesehene Beamte, Angst um den Ruf der Familie haben. "Aber nicht um den Preis, dass ich noch einmal zum Opfer gemacht werde."
Sie will keine Rache. Der Täter hat ihr später in einer Krise Geld geliehen und es nicht zurückverlangt. "Wir haben nie über die Ereignisse von früher gesprochen, aber das war wohl seine Art, sich zu entschuldigen." Die Verletzungen der Geschwister, die den Täter und sich schützen, ja verteidigen, sitzen tiefer.
X. erzählt ihre Geschichte, "weil ich anderen helfen will". Sie weiß, was das bedeutet: "Sich der Erinnerung stellen, darüber reden, nicht länger schweigen und nachts im Dunkeln die schrecklichen Szenen wie auf einem Bildschirmschoner zu sehen."
Dann, erst dann, kann sich der Vulkan allmählich leer speien . . .


















