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Zuletzt aktualisiert: 16.03.2010 um 20:28 UhrKommentare

Brief von Ossi Huber: "Herr Erzieher W., . . ."

Es ist sehr lange her, dass Sie mir eine schwere Verletzung zugefügt haben. Wenn sie nicht so schwer gewogen hätte über all die Jahrzehnte, glauben Sie mir, ich hätte mir diesen Brief gerne erspart. Doch ich bin nun beim Schreiben sehr erleichtert, ein Felsen ist mir sozusagen vom Herzen gefallen, als er endlich fertig war.

Wir schrieben 1965 - das Jahr, in dem Paul Mc Cartney "Yesterday" sang, das Jahr, in dem Sie mir mein Herz aus dem Gesicht schlugen. Was heißt schlugen? Ihr rechter Hammer traf mich mitten im Gesicht, mein kleiner Körper flog regelrecht durch die Luft und krachte einige Meter weiter auf den kalten Steinboden. Wenn ich jetzt an diesen Schlag denke, dann taucht zwar "Yesterday" wieder auf - das hat aber überhaupt nichts mit Paul Mc Cartney zu tun! Dieser Hammer hat mein Leben verändert - das konnte ich damals noch nicht wissen!

Es war das Jahr, in dem ich mit meiner Gruppe - extern - in die Kaserne in Lienz übersiedeln musste, aus Platzgründen. Sie waren der Erzieher der vierten Gruppe, die neben unserer dritten Gruppe auch in der Kaserne untergebracht war. Gott sei Dank dauerte die Kasernierung nur ein Jahr. Es war ein kaltes Jahr - im wahrsten Sinn des Wortes. Es gab keine wirkliche Heizung - nur kleine Ölöfen wärmten unsere Körper wenigstens in den Studierzimmern. In den Schlafräumen gab es keine Heizung und im Sanitärbereich rann nur für kurze Momente lauwarmes Wasser aus den nackten Armaturen. Die Zähne kamen immer zum Schluss dran, weil sie das kalte Wasser am ehesten vertragen haben. Der Duschraum war gespenstisch, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Das Haus war sonst leer, nur im ersten Stock waren unsere beiden Gruppen untergebracht. Der Gang war elend lang und nackt. Weiße Wände hoben sich vom hellgrauen Boden nur wenig ab.

Ich war an diesem Tag sehr gut aufgelegt, wohl, weil mir meine Mutter ein "Fresspaket" geschickt hatte. Zusatzkost. Das war Luxus damals. Wir tollten ausgelassen am Gang herum, es war Studierpause und schon recht düster. Wir von der dritten Gruppe hatten uns mit den Kindern aus Ihrer Gruppe vermischt. Ich hatte mit einigen "Zöglingen" aus Ihrer Gruppe sehr guten Kontakt, saßen wir doch im Gymnasium in der gleichen Klasse. 2 a.

Mit Raimund und Peter (Namen geändert) jagten wir ausgelassen einem kleinen Fußball nach, als Ihre gefürchtete Figur schemenhaft aus dem Stiegenhaus heraus den Gang betrat. Ihr krummer Rücken steuerte bedrohlich auf uns zu, Ihre behaarten Arme hingen herunter wie die eines Gorillas. "Banane" nannte man Sie. Die gefürchtete Banane! Sie brüllten irgendetwas und ich machte den schweren Fehler, lachen zu müssen. Ab und zu muss man lachen - just in dem Moment, in dem es sehr unangebracht, eigentlich verboten ist! Kennen Sie das auch?

Nun, Ihre beiden "Schützlinge" ließen Sie ungeschoren. Ihr schwerer Hammer traf mich völlig unvorbereitet und schleuderte mich durch die Luft. Gott, war das ein Hieb! Blutend und völlig benommen blieb ich einige Zeit am kalten Boden liegen. Niemand half mir, zu groß war die Angst vor Ihnen. Nach einigen Minuten schaffte ich es bis zum Waschraum und wusch mir mit dem kalten Wasser das warme Blut aus dem Gesicht. Die Schwellung war tagelang zu sehen. Unauffällig kroch ich zurück in meinen Gruppenraum - über diesen Vorgang wurde nie mehr gesprochen!

Ich habe diesen Schlag nicht verdaut und ihn jahrzehntelang hinter meiner Fassade versteckt. Erst jetzt kann ich ihn abwehren, auch wenn ich Ihnen keinen Gegenschlag mehr versetzen kann - ich hätte auch gar keine Lust mehr dazu!

Ich glaube nicht, dass Sie jemals wussten, was Sie taten! Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Sie ihr kurzes Erzieherleben jemals überdacht haben.

Ihre zwei Schützlinge - das habe ich erst später mitbekommen - waren genau die zwei Jungs, an denen Sie sich kurz später sexuell vergangen haben. Gott sei Dank ist wenigstens dieser Kelch an mir vorübergegangen! Einer der beiden brachte den Mut auf, seinen Eltern von Ihren unerlaubten Zugriffen zu berichten. Das war ein Eklat damals!

Selbst wenn die Heimleitung versucht war, die grausigen Vorfälle unter den Teppich zu kehren, sickerte es durch. Sie wurden schließlich verhaftet und sogar in ein Gefängnis gesteckt. Einer ihrer beiden "Schützlinge" hat diese Geschichte leider viel zu früh mit in sein Grab nehmen müssen. Stellvertretend für den zweiten melden sich jetzt gerade täglich viele, denen Ähnliches widerfahren ist. Es werden immer mehr.

Sie haben eine Strafe verbüßt - haben Sie das wirklich?

Ich habe mir meine erlittenen Schmerzen von der Seele geschrieben - das lindert. Vielen anderen muss es viel schlimmer ergangen sein, ich wünsche all denen, dass sie ihren Schmerz losgeworden sind . . .

. . . ganz ohne Gruß

Ossi Huber (Nr. 64)

P.S.: Yesterday - all my troubles seemed so far away . . .


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