Bezirks- und Gemeindesuche
Flucht führte sie nach Kärnten
Die meisten Asylwerber in Österreich kommen aus Tschetschenien. Rund 900 von ihnen leben mittlerweile in Kärnten. Drei Flüchtlinge geben der "Kleinen Zeitung" Einblicke in ihr Leben.
Rund 13.000 Tschetschenen haben in Österreich bereits Asyl erhalten, rund 900 Tschetschenen leben in Kärnten. Sie sind nach wie vor die größte Asylwerbergruppe in Österreich. In Tschetschenien sind schwerste Menschenrechtsverletzungen - Verschleppungen, Folter, Verschwinden von Menschen - nach wie vor an der Tagesordnung, prangern Organisationen wie Amnesty International an. Aus den drei Schilderungen geht hervor: Was den Menschen bei der Integration hilft, die es bis Kärnten geschafft haben, ist nichts Überraschendes, Spektakuläres: Freundlichkeit. Unterstützung. Spracherwerb. Und die Möglichkeit einer sinnvollen, adäquaten Tätigkeit.
"Gäste die sich an Regeln halten"
In Grosny war Alash Arsaev Chef von 1360 Polizisten gewesen. Die Polizeiarbeit wurde ab dem Ende der 1990er-Jahre sehr schwierig: "Korruption und Willkür herrschten. Ich wollte nur, dass sich die Leute an die Regeln halten, so wie hier in Österreich. Das war nicht möglich." Seine Familie wurde schikaniert, er selbst entführt und bedroht. Um sein Leben fürchtend entschloss er sich 2003 zur Flucht. Diese endete 2004 in einer österreichischen Polizeistation. Dort suchte er um Asyl an. "Ich wurde absolut korrekt behandelt.", sagt er. Ein Bus brachte die Familie direkt nach Klagenfurt.
Bereits nach drei Wochen war Arsaev als politischer Flüchtling anerkannt. Sein großer Dank gilt dem LKH Klagenfurt: "Dort haben sie mich wieder zusammengeflickt." Arsaevs neue Berufung: "Ich passe auf die jungen tschetschenischen Burschen auf. Ich mache ihnen klar, dass Job und Ausbildung das Wichtigste sind. Und dass wir als Gäste im Land uns an die Regeln hier zu halten haben." Für die hiesige Polizei ist er Ansprechpartner - nicht nur bei Problemen. Er organisiert auch Treffen: "Zum gegenseitigen Kennenlernen. Wir alle profitieren davon, dass wir einander besser verstehen."
"Ich will mehr tun, als Hilfsarbeiter zu sein“
Der tschetschenische Fernsehjournalist Arbi Baidarow las Ende der 1990er in russischen Medien über Österreich, dort sei ein Rechtsradikaler an die Macht gekommen. "Ich habe mir damals gedacht, schrecklich, armes Land. Und nun habe ich gerade in Österreich mit meiner Familie Zuflucht gefunden.“
Die Arbeit als Journalist in Grosny war für Baidarow zunehmend problematisch geworden. Er hatte die Geschichte des Krieges lang begleitet: Der Auszug der Menschenmassen aus Grosny, als ein russischer General drohte, die Stadt dem Erdboden gleichzumachen. Bomben. Ausgangssperren. Checkpoints. Baidarow harrte aus, war dabei, berichtete.
Das erste Mal entführt wurde er in der Nachbarrepublik Dagestan, zusammen mit anderen Journalisten. "Nach neun Tagen Gefangenschaft wurden wir freigelassen.“ Ein anderer Journalist hatte sich für die Kollegen eingesetzt. "Wäre er nicht an die Öffentlichkeit gegangen, wären wir verschwunden wie so viele andere Menschen auch“, ist Baidarow überzeugt. Terror und Verschleppung wurde Alltag, nachts wurde seine Frau Salva, Ärztin, herausgeläutet, damit sie Verletzte versorgte. "Einmal wurde ich inhaftiert, weil ich eine Kamera dabei hatte, und erst gegen Lösegeld freigelassen. Da wurde mir klar, dass ich irgendwann Pech haben und nicht mehr lebend zurückkommen würde.“ Die Flucht 2003 führte das Akademikerpaar mit den beiden Söhnen per Zug und zu Fuß quer durch Osteuropa. Schließlich stand die Familie auf einem österreichischen Bahnhof. "Ich bin zu einem Polizisten hin und habe gesagt "Refugio, Asyl!“ Der Mann hat recht freundlich geantwortet: "So was, ihr seid diese Woche die ersten!“ Nach einigen Tagen wurde die Familie nach Krumpendorf gebracht. In der ersten Zeit in Österreich schliefen alle angezogen – aus Gewohnheit: "In Grosny wollten wir bei Bombenalarm ja nicht in Unterhosen rauslaufen.“
Ein Weihnachtsgeschenk: Am 24. Dezember 2007 erhielt die Familie den positiven Asylbescheid. "Viele Menschen haben sich sehr für uns eingesetzt, darunter Anwalt Paya und ein russischer Universitätsprofessor“, schildert Baidarow. Integration betreibt die Familie aktiv: Der Journalist arbeitet als Hilfsarbeiter am Bau, büffelt Deutsch und studiert Slawistik. "Ich kann und will für Kärnten mehr tun als Hilfsarbeiter sein. Deswegen bilde ich mich weiter“, sagt er. Seine Frau Salva kann nicht als Ärztin arbeiten, da ihr Studium erst nostrifiziert werden muss. Sie besucht ehrenamtlich in Ferlach das Altenheim, um mit den Bewohnern zu plaudern und zu singen. "Ich bin arm, aber zufrieden“, sagt sie, "meine Familie ist in Sicherheit.“
Flucht-Odyssee
Drei Busse standen 2004 vor der Hofburg in Wien. Einer nach Linz, einer nach Salzburg, einer nach Kärnten. Madina Chasarova stieg mit ihrer Mutter und den drei jüngeren Geschwistern in jenen nach Kärnten ein: "Wir kannten Kärnten nicht, aber es klang nett." Zuvor hatte die tschetschenische Familie zwei Wochen in Traiskirchen verbracht, schildert Chasarova: "Stockbetten, mehrere Familien in einem Zimmer. Warum wir dort weg mussten, weiß ich nicht. Wir standen zusammen mit anderen Asylwerbern auf der Straße, deswegen waren wir nach Wien zur Hofburg gefahren, um auf unsere Lage aufmerksam zu machen." Der Bus brachte Madina und ihre Familie nach St. Urban in Feldkirchen. An ihrem ersten Schultag hatte sie einen Satz auf Deutsch auswendig vorbereitet: "Hallo, ich heiße Madina Chasarova, ich bin zwölf Jahre alt und komme aus Tschetschenien." Ein Lehrer engagierte sich besonders für sie: "Er hat mir viel Deutsch beigebracht."
Nach einigen Monaten übersiedelte die Familie von St. Urban nach Villach, wo sie heute noch wohnt. Chasarova besucht nun die Handelsschule, sowie abends Sprach- und Mathematikkurse an der Volkshochschule. Ihr Ziel ist die HAK- Matura. Für 11. Februar organisiert die Schülerin ein Kennenlern-Fest der Kulturen für Österreicher und Tschetschenen. Was ihr beim Fußfassen in Kärnten geholfen hat? "Viel Lesen. Und eine gute Freundin, die sich sehr um mich gekümmert hat. Früher hatte ich furchtbare Angst vor allem. Der Krieg ist in tschetschenischen Kindern einfach drin, die Bilder, die Geräusche. Mittlerweile bin ich ruhiger. Ich habe jetzt Selbstbewusstsein."


















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