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Zuletzt aktualisiert: 27.12.2008 um 19:11 UhrKommentare

"Es muss im Geiste leuchten"

Was bedeutet in der Weihnachtszeit das Licht für Menschen, die es noch nie gesehen haben? Ottilie Kramer ist blind und hilft, das innere Licht zu finden.

Ottilie Kramer ist seit der Geburt blind. Wenn sie in der Weihnachtszeit die Wärme der Kerzen spürt, ist es hell in ihr. Licht ist für sie Harmonie

Foto © KoscherOttilie Kramer ist seit der Geburt blind. Wenn sie in der Weihnachtszeit die Wärme der Kerzen spürt, ist es hell in ihr. Licht ist für sie Harmonie

Eine Kerze ist für sie etwas ganz Besonderes, obwohl sie ihr Licht noch nie gesehen hat. Träumte sie doch einst von einer Kerze und erhielt dadurch eine Botschaft: das innere Licht zu entdecken, obwohl sie in völliger Dunkelheit lebt. Ottilie Kramer ist seit Geburt blind. In der Weihnachtszeit, wenn sie das Wachs der Kerzen riecht und ihre Wärme spürt, ist es hell in ihr. "Licht ist für mich Harmonie, ein Gemütszustand, Wohlbefinden, Ausgeglichenheit", sagt Ottilie Kramer, Leiterin des Kärntner Blindenapostolats. "Wenn ich in guter Verfassung bin, schöne Musik höre oder die Natur rieche und spüre, dann ist in mir Licht."

Auftrag. Das Dunkle, sagt sie, sei das Gegenteil davon, sei Schmerz, Angst, Unwohlsein. "Wenn ich hin und her gerissen oder zornig bin." Die symbolhaften Worte Jesu' "Ich bin das Licht der Welt" empfindet sie als Auftrag. "Wer Gottes Willen erfüllt und lernt zu leben, wie Christus es gelehrt hat, der ist im Licht. Es muss im Geiste leuchten, dafür haben wir ja ein geistiges Auge", sagt die Neo-Pensionistin, die nach der Ausbildung in einem deutschen Blindengymnasium als Schreibkraft in der Kärntner Landesregierung gearbeitet hat.

Verständnis. Natürlich hat sie sich oft gefragt, warum gerade ihr der Weg durch die Dunkelheit auferlegt wurde. "Es kann eine Prüfung für meine Umgebung gewesen sein. Wir sind oft ein Werkzeug, damit sich andere bewähren können. Mein Vater konnte mich anfangs gar nicht annehmen. Erst, als ich in der Schule sehr gut war, war er stolz auf mich." Die Urgroßmutter habe das blinde Mädchen als Aufgabe, als Bereicherung des Lebens empfunden und Verständnis dafür gehabt, dass es sich beim Besuch des Pfarrers nur für seinen Hund interessierte. Sie habe durch die Erzählung biblischer Geschichten den Grundstein für Ottilies Glauben gelegt, der später schweren Prüfungen unterzogen wurde. "In der Klosterschule, wo wir mit Frühmessen, Rosenkranz und Strafgebeten dressiert wurden, habe ich revoltiert", erinnert sich die Frau.

Lebensvertiefung. Erst mit 30 Jahren fand sie wieder Zugang zum Glauben. Ausschlaggebend war die Begegnung mit einem Tiefenpsychologen, der nach einer Erblindung wieder sehend wurde. Er sagte ihr, dass sie religiösen Themen nicht ausweichen könne. Und so war es auch. Nach der Lektüre von C. G. Jung begann Kramer, sich selbst und ihre Träume zu beobachten. Und eines Nachts entzündete sie sich an ihr selbst. Sie war durch und durch eine Kerze, und zwischen ihren Händen brannte der Docht. Dieser Traum war ihr Sendungsauftrag. "Die Hände beeinflussen unser Handeln", erkannte Ottilie Kramer und begann, sich in Kirche und Blindenverband zu engagieren.

Erkenntnis. Die Erkenntnis, Werkzeug in Gottes Händen zu sein und dennoch nicht untätig warten zu dürfen, prägt ihre pastorale Arbeit mit Blinden. "Wenn man lernt, sein Leben zu meistern, Hilfe anzunehmen und weiter zu geben, kann man auch als Blinde ein erfülltes Leben führen", ist die allein in einem Haushalt lebende Schriftführerin des Blindenverbandes überzeugt. "Gott will uns durch den Weg, den er uns zugewiesen hat, sagen, dass er etwas Besonderes mit uns vorhat. Dass der Weg nicht nur eine Prüfung ist, sondern eine Lebensvertiefung, eine Konzentration auf das innere Licht, das wir sonst nicht kennen lernen würden." Immer wieder liegen Stolpersteine auf dem Weg. "Heiliger Geist, jetzt wäre es Zeit, könntest mir helfen", betet sie, wenn sie sich leer fühlt. "Ich glaube, dass alles einen Sinn hat. Auch wenn er oft erst nach Jahrzehnten erkennbar wird. Am meisten lernt man durch das Leid."

Zeit für alle Sinne. Die Weihnachtszeit ist für Kramer nicht nur eine Zeit, die die Sinne anspricht, weil sie den Duft von Tannenzweigen und Mandarinen riecht, weil sie Schnee unter ihren Füßen spürt und weil sie öfter als sonst Menschen an der Hand fassen und umarmen kann, sondern auch eine Zeit der Hinkehr zum Wesentlichen, der Vorbereitung auf die Ankunft des Herrn, die im "ewigen Licht" ihre Erfüllung findet.

Das Ewige Licht. "Das Ewige Licht ist für mich die Erkenntnis. Die Erkenntnis, warum alles so war, wie es war, Klarheit über das, was man vorher nicht verstanden hat. Es bedeutet für mich auch, dass man mit allen Menschen klar kommt, wenn man mit ihnen vor Gottes Angesicht steht. Das Ewige Licht ist für mich die vollkommene Harmonie."

ELKE FERTSCHEY

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