Bezirks- und Gemeindesuche
Jugend leidet an verplanter Kindheit
Die Kinder- und Jugendanwaltschaft schlägt Alarm: Zu viele (Freizeit-)Termine verringern die Entwicklungs-Chancen junger Menschen.

Foto © APA/Wolfgang Kumm (Symbolbild)Kinder sollen Kinder bleiben dürfen
"Du sollst es einmal besser haben als ich", sagen viele Eltern und übersehen dabei, dass der Wunsch manchmal zur Drohung werden kann. Denn Kinder und Jugendliche werden zunehmend überfordert, wenn sie neben acht oder mehr Stunden Schule auch noch ihre knappe Freizeit mit Aktivitäten füllen - die dadurch keine Freizeit mehr ist.
Recht auf Ruhe. Kinder haben ein Recht auf Ruhe, Freizeit, Spiel und altersgemäße aktive Erholung, sagt die UN-Kinderrechtskonvention. "Das kann man zwar nicht einklagen", erklärt Kärntens Kinder- und Jugendanwältin Astrid Liebhauser, "aber wir appellieren an die Eltern, die Kindheit ihrer Töchter und Söhne nicht zu verplanen." Denn was Erwachsenen von der Kindheit vorschwebt, sei von "der Realität oft meilenweit entfernt".
Der Wandel ist unübersehbar. "Manche Kinder haben einen Terminplan wie ein Manager", sagt Liebhauser. Wer mit jungen Menschen zu tun - wie AVS-Psychologe Kurt Kurnig oder Jugendreferentin Iris Binder (s. Interview links) - hat, kann das bestätigen. Vor allem in bildungsnahen Schichten ist der Gruppendruck groß: Fremdsprachen, Computerkurs, was Musisches, was Sportliches zusätzlich zum Freizeitangebote der Schulen - da kommt einiges zusammen.
Zweifelhafte Motive.
In gar nicht so wenig Fällen hat das Engagement der Eltern zweifelhafte Motive, glaubt Kurnig: "Sie wollen Teile ihrer Person, die sie nicht ausleben konnten wie gewünscht, in ihren Kindern zum Leben bringen." Diese Art der Fremdbestimmtheit sei nicht gerade förderlich und "eine Falle, in der man Kinder überfrachtet". Im Idealfall könne man ihnen helfen, ihre Visionen zu erkennen, Ziele zu setzen, den Weg dahin zu planen und die Umsetzung zu schaffen. "Dabei muss man aber ihre Wünsche und Ängste berücksichtigen." Ohne diese Grundlage sei ein Scheitern vorprogrammiert - mit Spätfolgen.
Befürchtung.
"Drei Viertel aller Maturanten haben keinen Berufswunsch, da brennt nichts"; ähnlich sei es bei den Lehrlingen. Was das mit verplanter Kindheit zu tun haben soll? "Wer keine echte Freizeit hat, kann seine Wünsche nicht spüren und sich auch nicht nachhaltig von innen heraus für sie einsetzen", fürchtet Kurnig. Menschen, bei denen das verschüttet worden sei, greifen leichter zu Ersatzangeboten - Fernsehen, Internet, Computer, legale und illegale Substanzen -, die unsere Gesellschaft in scheinbar unendlicher Vielfalt bereitstellt.
Warnung zu Schulbeginn.
"Für die Warnung haben wir bewusst den Schulanfang gewählt", sagt Liebhauser, "weil die Familien sich gerade mit Terminen vollstopfen. Junge Menschen zu fördern, ist ja okay. Aber es ist wichtig für alle, hier die Balance zu finden."
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