22. November 2014, 17:51 Uhr | Aktualisiert vor 2 min | Als Startseite
Zuletzt aktualisiert: 03.02.2013 um 10:48 UhrKommentare

Wer gewinnt das Bruderduell?

Erstmals in der NFL-Geschichte stehen sich im Superbowl zwei Brüder als Head Coaches gegenüber: Die San Francisco 49ers von Jim Harbaugh treffen in der Nacht auf Montag (ab 00:30 Uhr, live auf Puls 4) in New Orleans auf die von John trainierten Baltimore Ravens. Von Stefan Tauscher.

Foto © APA

Jack und Jackie Harbaugh werden am Sonntag das tun, was alle Eltern an ihrer Stelle tun würden: hoffen, dass alles gut ausgeht und auf keinen Fall Partei für einen ihrer Schützlinge ergreifen. Im Gegensatz zu früher, als die Harbaugh-Söhne noch im heimischen Garten miteinander wetteiferten, stehen sich John und Jim nun aber auf der größtmöglichen Bühne, vor einem Millionenpublikum gegenüber. John ist Head Coach des Football-Teams Baltimore Ravens, sein exakt 15 Monate jüngerer Bruder Jim trainiert die San Francisco 49ers. Die beiden Klubs bestreiten am Sonntag den Superbowl, das größte Einzel-Sportereignis der Welt, und nur einer der beiden Harbaughs kann gewinnen.

Der historische Showdown im Superdome von New Orleans (Montagfrüh ab 00:30 Uhr, live auf Puls 4) begeistert seit den Conference Finals vor knapp zwei Wochen die US-Medien: Bros' Bowl, Harbowl, SuperBaugh, wurde das Endspiel der National Football League (NFL) umgetauft, das nicht nur wegen seiner sportlichen Dimension, sondern auch wegen dem Showcharakter (Halftime-Auftritt, millionenschwere Werbung) einen ganz besonderen Platz in der amerikanischen TV-Landschaft einnimmt.

Football als Familienangelegenheit

Jack und Jackie Harbaugh mussten in den vergangenen Tagen unzählige Fragen zu ihren Söhnen beantworten, genossen aber sichtlich das plötzliche Interesse. Es ist überhaupt das erste Mal, das sich in einem großen Finale des US-Profiports zwei Hauptverantwortliche als Brüder gegenüberstehen, aber nicht die erste "Harbaugh Bowl": Zu Thanksgiving 2011 besiegten die Ravens von John die 49ers von Jim mit 16:6, einen Tag vor dem 50. Hochzeitstag der Eltern.

"Nehmt diesen Tag mit einem Enthusiasmus in Angriff, der der Menschheit noch unbekannt ist", soll Vater Jack seinen Buben mit auf den Weg gegeben haben, als er sie bei der Schule absetzte. Jack Harbaugh war selbst mehr als 40 Jahre lang als Football-Trainer tätig, vornehmlich auf College-Ebene, Mutter Jackie managte währenddessen das Familienleben, immerhin galt es, 17 Umzüge zu organisieren. Nach der gemeinsamen Kindheit und Jugend trennten sich die beruflichen Wege der Harbaugh-Söhne, wenn sie auch dem Football treu blieben.

John musste die Ochsentour auf sich nehmen: Mit 22 im Trainerstab seines Vaters gestartet, kam er schließlich nach zehn Jahren bei den Philadelphia Eagles endlich am Ziel seiner Träume, einer Position als Head Coach, an. Mit den Baltimore Ravens erreichte er in den vergangenen fünf Jahre immer die Play-offs. Bruder Jim hingegen schlug nach seiner Zeit an der renommierten University of Michigan eine Profi-Laufbahn ein. 1987 von den Chicago Bears gedraftet, spielte er insgesamt 14 Jahre lang als Quarterback in der NFL, 1996 führte er die Indianapolis Colts beinahe in den Superbowl.

Hoffnung auf ein Unentschieden

Nach Beendigung seiner aktiven Karriere wirkte Jim längere Zeit in Stanford, bis ihn schließlich der Ruf der San Francisco 49ers ereilte. Der 49-Jährige zeichnet für eine radikale Kehrtwende in der Bay Area verantwortlich, das jahrelang erfolglose Traditionsteam steht nun wieder an der Spitze – und könnte nun mit dem sechsten Superbowl-Triumph mit den diesbezüglich führenden Pittsburgh Steelers gleichziehen, ironischerweise der Erzrivale der Baltimore Ravens.

John gilt als der ruhigere, besonnenere der beiden Harbaughs, während Jim bisweilen als Rumpelstilzchen daherkommt, energischer, emotionaler wirkt als sein älterer Bruder. Ihre Eltern verhalten sich natürlich neutral, Mutter Jackie hofft gar auf ein Unentschieden, auch wenn dies nicht möglich ist. Zu einer amüsanten Szene kam es kürzlich bei einem telefonisch durchgeführten Medien-Interview mit den Eltern und Schwester Joani, als sich plötzlich ein gewisser "John aus Baltimore" meldete, mit der Frage, ob das Ehepaar Harbaugh nicht Jim lieber mögen würde.

So unterschiedlich die Laufbahnen und Temperamente der beiden Harbaughs auch sein mögen, die von ihnen betreuten Mannschaften zeichnen sich durch eine ähnliche Spielphilosophie aus. Sowohl 49ers als Ravens stehen für "Old School"-Football, eine knallharte Defensive sowie ein starkes Laufspiel bilden das Fundament: Die Running Backs Frank Gore (49ers) und Ray Rice (Ravens) gehören zu den besten der Liga. Im ersten Superbowl seit 2003, in dem nicht zumindest einer der beteiligten Quarterbacks Manning (Peyton und Eli), Brady (Tom) oder Roethliesberger (Ben) heißt, stehen aber natürlich auch die Spielmacher im Vordergrund.

Tattoos & eine Riesenschildkröte

Während Ravens' Joe Flacco als klassischer Quarterback gilt, der durch einen starken Wurf-Arm zu überzeugen vermag, ist die Geschichte des Colin Kaepernick durchaus ungewöhnlich. Bereits als Kind träumte der heute 25-Jährige davon, später als Quarterback der Niners oder der Green Bay Packers aufzulaufen, weshalb er auch die Möglichkeit einer Profi-Karriere als Baseballer (2009 von den Chicago Cubs gedraftet) ausschlug. Der einstige Besitzer einer Riesenschildkröte namens Sammy nahm das einzige Angebot an, um College Football spielen zu können (Nevada), nun steht er im Superbowl.

Es ist überhaupt erst Kaepernicks zehnte NFL-Partie von Beginn an. Zur Mitte der Saison hatte er nach dessen Gehirnerschütterung von Stamm-Quarterback Alex Smith übernommen, der nun den Verein wechseln wird. Kaepernick, dessen Arme mit tätowierten Bibelversen übersät sind, ist einer jener Quarterbacks, die derzeit für Furore in der NFL sorgen, kann er doch nicht nur durch Pässe, sondern auch durch seine Läufe eine Begegnung im Alleingang entscheiden.

"Offense wins Games, Defense wins Championships": Die Kernkompetenz beider Franchises liegt jedoch klar in der Verteidigung. Während die Abwehr der Kalifornier erst unter Jim Harbaugh so richtig aufblühte, ist die Ravens-Defensivabteilung schon seit Jahren eine der besten und konstantesten der Liga. Der unumstrittene Chef des Ravens-Teams heißt Ray Lewis, der Middle Linebacker ist neben den Harbaughs die Person, die bei Superbowl XLVII am meisten im Mittelpunkt stehen wird, ist es doch die allerletzte Partie seiner außergewöhnlichen Karriere.

Vom Verbrecher zum Vorbild?

Der "Original Raven" Ray Lewis ist seit der Gründung des Vereins im Jahr 1996 an Bord, 2001 führte er den Klub zum ersten Superbowl-Titel, Lewis selbst wurde als MVP (most valuable player, wertvollster Spieler) ausgezeichnet. Ein Jahr vor seinem größten Triumph erlebte Lewis jedoch die dunkelste Stunde seines Lebens: Nach dem Superbowl in Atlanta kam es vor einem Club zwischen zwei Gruppen zu einer Messerstecherei, zwei Menschen starben unter bis heute nicht ganz geklärten Umständen. Lewis stand selbst kurz unter Mordverdacht, sagte dann gegen zwei seiner "Freunde" aus und wurde schließlich wegen Behinderung der Justiz verurteilt. Von der NFL setzte es zudem eine Rekordstrafe. Heute hingegen ist der 37-Jährige einer der am meisten respektierten Spieler der Liga.

Lewis kümmert sich um benachteiligte Kinder, hält Motivationsreden und ist Vorbild einer ganzen Spielergeneration. Die sportliche Bilanz nach 17 Jahren Profi-Laufbahn spricht für sich: Lewis wurde zweimal zum "Defensive Player of the Year" gekürt, stand 13mal im ProBowl, dem All-Star-Game der Liga, und ist der einzige Profi der NFL-Geschichte mit mehr als 40 Sacks und 30 Interceptions. Diese Leistungen sichern dem Linebacker einen Fixplatz in Canton, Ohio, dem Heimatort der Pro Football Hall of Fame.

Bevor es jedoch in sechs Jahren so weit ist, möchte die lebende Legende Ray Lewis nun noch einmal die Vince-Lombardi-Trophy in die Höhe recken. Nach einer im Oktober erlittenen Verletzung verkündete Lewis vor den Play-offs, einen Schlussstrich unter seine Karriere ziehen zu wollen. Während der Post Season blühte der Altmeister mit 44 Tackles noch einmal so richtig auf und seine Teamkollegen eint nun der Wunsch, einen der besten Defensivspieler aller Zeiten mit seinem zweiten Superbowl-Ring in die verdiente Pension zu schicken. Nur ganz wenigen Allzeitgrößen wie etwa John Elway, Quarterback der Denver Broncos (1999), war es vergönnt, am absoluten Höhepunkt abzutreten, Ray Lewis könnte der nächste sein.

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TV-Fahrplan

  • Der TV-Sender Puls 4 startet seine Live-Berichterstattung am Sonntag ab 23:15 Uhr, kommentiert wird von AFBÖ-Präsident Michael Eschlböck und Walter Reiterer. Einen deutschsprachigen Kommentar bieten auch SAT1 und Sport1 Plus.

    Auf ESPN America lässt sich das Endspiel im englischsprachigen Original von CBS verfolgen, kommentiert wird von Jim Nantz und Phil Simms. Letzerer konnte mit den New York Giants zweimal den Superbowl gewinnen.

Meiste Super-Bowl-Titel

    • 6 Titel
    • Pittsburgh Steelers
    • 5 Titel
    • Dallas Cowboys
    • San Francisco 49ers
    • 4 Titel
    • New York Giants
    • Green Bay Packers
    • 3 Titel
    • New England Patriots
    • Washington Redskins
    • Oakland Raiders/LA Raiders

Familienbande

  • Jack und Jackie Harbaugh sind seit mehr als 50 Jahren ein Ehepaar. Am 23. September 1962 kam John in Toledo, Ohio, auf die Welt, exakt 15 Monate später folgte Bruder Jim.

    Schwester Joani ist mittlerweile mit Tom Crean verheiratet, Head Coach des Basketballteams der Universität von Indiana. Pikant: Jims Sohn Jay arbeitet unter Onkel John bei den Baltimore Ravens.

Neue Mitglieder der Hall of Fame

    • Larry Allen, Guard/Tackle, Dallas Cowboys
    • Cris Carter, Wide Receiver, Minnesota Vikings
    • Jonathan Ogden, Offensive Tackle, Baltimore Ravens
    • Warren Sapp, Defensive Tackle, Tampa Bay Buccaners
    • Curly Culp, Defensive Tackle, Kansas City Chiefs
    • Dave Robinson, Linebacker, Green Bay Packers
    • Bill Parcells, Coach, New York Giants

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