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Zuletzt aktualisiert: 16.01.2013 um 15:25 UhrKommentare

Ex-Profi packt aus: "Mir drohte Beinamputation"

Der ehemalige NFL-Star Jason Taylor enthüllt erstmals die brutalen und gesundheitsschädigenden Schattenseiten des Milliardengeschäfts Profi-Football: Beinahe musste ihm ein Bein amputiert werden. Von Stefan Tauscher.

Foto © GEPA

Mit "Any Given Sunday" ("An jedem verdammten Sonntag") betitelte Meister-Regisseur Oliver Stone 1999 seinen mehr als gelungenen Versuch, den Wahnsinn Profi-Football auf Zelluloid zu bannen. Die National Football League (NFL) verbat Stone vorsorglich schon vor Drehbeginn, reale Klubnamen zu verwenden oder in NFL-Stadien zu filmen – man befürchtete nicht zu Unrecht eine nicht gerade vorteilhafte Darstellung. Dass die Schilderungen Stones durchaus auf realen Gegebenheiten beruhen, davon durfte man schon damals ausgehen, dass sich die Wirklichkeit aber als noch viel brutaler und schonungsloser erweist, das enthüllt nun erstmals ein Gespräch mit einem ehemaligen NFL-Star (siehe Link rechts).

Jason Taylor weiß, wovon er redet. Der Defensive End und Linebacker spielte 15 Jahre lang Profi-Football, die meiste Zeit bei seinem Stammklub Miami Dolphins. 2006 wurde der heute 38-Jährige zum "Defensive Player of the Year" gekürt, seine allerletzte Partie absolvierte er am Neujahrstag 2012. Er berichtet nun offen und offensichtlich ohne Bedauern vom Raubbau am eigenen Körper, vom unbedingten Willen, auf dem Spielfeld zu stehen. Taylors Erzählungen, die mehr an eine medizinische Krankenakte denn an ein Sportler-Interview erinnern, machen klar, dass der größte "Feind" jedes Profis weder der Gegenspieler noch der Ball ist, sondern der eigene Schmerz. Um im Rampenlicht stehen zu können, begeben sich die modernen "Gladiatoren" ab und zu auch ins Dunkel.

Ein barbarisches Spiel

Als ihm auch beschädigtes Gewebe in beiden Füssen nicht davon abhalten kann, eine Pause einzulegen, landet Taylor in einen versteckten Raum innerhalb des Stadions, von ihm als Verließ bezeichnet. Dort wird der Dolphins-Legende ein Handtuch für den Mund ausgehändigt – um die Schreie zu unterdrücken und zu verhindern, dass sich Taylor selbst in die Zunge beißt. Dann werden ihm je zwei große Spritzen voller Schmerzmittel mitten in die Fußsohlen gejagt. Wie er danach spielte? "Nicht gut, aber besser, als mein Backup gespielt hätte."

Alle beteiligen sich an dieser Tortur, schließlich geht es um den sportlichen Erfolg, ums Prestige, aber auch um viel Geld. Die Athleten, die um ihren Job und ihre finanzielle Sicherheit bangen, denn nur die allerwenigsten verbringen mehr als zwei, drei halbwegs lukrative Jahre als Profi. Die Trainer und Klubeigner wollen ihre besten Spieler und nicht deren Ersatzleute auf dem "Gridiron" sehen, um den Traum vom Superbowl-Triumph am Leben zu erhalten. Die medizinischen Abteilungen der Teams machen bei diesem barbarischen "Spiel" gefällig mit. Die Akteure werden mittels Schmerzmitteln fitgespritzt, die Gesundheit steht da klar im Hintergrund.

Nur einmal hinterfragt Taylor den hohen Preis, der er für seine Profession und seine Leidenschaft zahlt: als er nach einer weiteren Spritze in den Rücken – wegen eines Bandscheibenvorfalls – am Parkplatz vor der Ordination seines Arztes weinend zusammenbricht und Probleme hat, in den Wagen zu steigen. Dank der Hilfe seiner Frau kehrt Taylor in die Praxis zurück – für eine weitere Spritze. Fast zwei Jahre lang ist es Taylor nicht möglich, seine drei Kinder ins Bett zu bringen, er kann sie nicht tragen, ohne Rückenschmerzen zu bekommen.

"Be a player, not a patient!"

Bei einer Partie für die Washington Redskins erleidet der Defensivspieler einen heftigen Bluterguss in der Wade, doch einige Medikamente lindern vorerst die Beschwerden. In der Nacht kann Taylor jedoch lange nicht einschlafen, die Schmerzmittel verlieren an Wirkung. Einzig im Stiegenhaus an eine Wand gelehnt, kann Taylor einzige Zeit lang schlafen. Schließlich ruft er seinen Coach an und bittet um ein weiteres Medikament. Der Trainer sagt Nein und überredet Taylor, ein Krankenhaus aufzusuchen, wo ein exorbitant hoher Blutdruck festgestellt wird.

Die Ärzte wollen sofort operieren, doch Taylor weigert sich, um seine Karriere nicht zu gefährden. Als ihm ein bekannter Doktor bestätigt, dass eine OP unumgänglich ist, willigt Taylor schließlich ein: zwei Stunden mehr und sein Bein hätte amputiert werden müssen. Beim Kompartmentsyndrom führt ein erhöhter Druck zu Durchblutungsstörungen und somit zu einer dauerhaften Schädigung von Nerven und Muskeln. Wenig später erhält Taylor Post von Fans, die ebenfalls am Kompartmentsyndrom leiden, einige von ihnen sitzen im Rollstuhl.

Danach spielt Taylor zweitweise mit einer Leitung, die unterhalb des Football-Jerseys von der Achsel zum Herzen führt und Antibiotika in seinen Körper pumpt, entgegen dem Rat seiner Ärzte. Im Besprechungsraum der Dolphins hängt übrigens ein passendes Zitat der Klubikone: "Be a player, not a patient!" Ob er alles noch mal machen würde? "Ja, auch wenn ich 15 Jahre lang stehend auf einer Treppe schlafen müsste."

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Zur Person

  • Jason Taylor, geboren am 1. September 1974, spielte insgesamt 15 Jahre als Defensive End und Linebacker in der NFL: 13 Jahre bei seinem Stammklub Miami Dolphins sowie je eine Saison bei den Washington Redskins und den New York Jets.

    Taylor nahm sechs Mal am Pro Bowl, dem alljährlichen All-Star-Game, teil, 2006 wurde er als "Defensive Player of the Year" ausgezeichnet. Aufgrund dieser Erfolge gilt Taylor als realistischer Kandidat für die Pro Football Hall of Fame.

    Der ehemalige Teilnehmer an der Show "Dancing with the Stars" arbeitet heute als Football-Analytiker für den Sportsender ESPN. Taylor ist verheiratet und hat drei Kinder.

Kollisionen & Klagen

  • Die NFL verstärkte zuletzt ihre Bemühungen, gegen die gefährlichen Head-to-Head-Kollisionen vorzugehen, die oftmals zu schweren Gehirnerschütterungen führen. Zahlreiche Ex-Spieler klagen zurzeit die Profi-Liga auf Schadenersatz, mit der Argumentation, nicht ausreichend vor gefährlichen Verletzungen geschützt geworden zu sein.

    Wie auch bei anderen Kontaktsportarten (Eishockey, Boxen) werden regelmäßig Fälle bekannt, bei denen Ex-Profis an schweren Hirnschäden und Depressionen leiden. Jüngstes trauriges Beispiel ist Junior Seau: Der ehemalige Top-Linebacker der San Diego Chargers nahm sich im Mai des Vorjahrs das Leben.

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