28. Dezember 2014, 04:52 Uhr | Aktualisiert vor - min | Als Startseite
Zuletzt aktualisiert: 14.02.2013 um 22:32 UhrKommentare

Der Dirigent steht draußen

Kleine Zeitung-Analytiker Heribert Weber beim Fachsimpeln mit WAC-Trainer Nenad Bjelica. Ein Interview der etwas anderen Art.

Foto © GEPA | KLZ/Kanizaj

Wie leicht ist Ihnen der Wechsel vom aktiven Fußballer zum Trainer gelungen?

NENAD BJELICA: Sehr gut, mir geht es als Trainer noch besser. Da habe ich mehr Verantwortung. Das mag ich, ich fühle mich wohl in meiner Haut. Ich genieße jeden Tag. Die Verantwortung, die ich jetzt habe, hat mir als Spieler gefehlt, weil ich in manchen Vereinen nicht immer in der Stammformation gestanden bin.

Hat sich der Stellenwert des Trainers in der Gesellschaft geändert?

BJELICA: Wir leben in einer Zeit, in der der Druck immer sehr hoch ist. Damit müssen wir umgehen. Wenn wir beispielsweise zwei oder drei Mal hintereinander verlieren, geht für mich die Welt nicht unter. Einzelne Spiele zu analysieren, ist schwer. Für mich ist viel wichtiger, unsere langfristigen Ziele zu erreichen.

Was zeichnet einen guten Trainer aus?

BJELICA: Nicht nur die fachliche Kompetenz, sondern in erster Linie menschliche Führungsqualitäten zu haben. Du musst ein Leader sein und die Truppe wie eine Firma führen. Unser Job ist der komplexeste Job überhaupt. Du musst in allen Bereichen, von Technik, Taktik bis hin zur Medizin und Psychologie und vielen anderen Komponenten top ausgebildet sein und dich ständig weiterentwickeln.

Otto Baric hat zu mir einmal gesagt: "Egal, wie lange du aktiver Fußballer bist, du wirst mindestens zehn Jahre brauchen, bist du deinen Weg als Trainer gefunden hast." Wo stehen Sie ?

BJELICA: Ich kann sicherlich noch besser werden. Ich bin nicht derselbe Trainer wie vor fünf Jahren. Ich versuche, mich täglich weiterzuentwickeln. Es geht, glaube ich, in die richtige Richtung, denn der Erfolg gibt mir recht. Ich versuche, viel Literatur zu lesen und führe auch intensive Gespräche mit Experten. Zum Beispiel im sportpsychologischen Bereich.

Stammformation, Hierarchie, Spielerpersönlichkeiten: Nimmt das immer mehr ab im modernen Fußball?

BJELICA: Was meine Trainerphilosophie betrifft, auf jeden Fall. Stammformation gibt es bei mir keine, weil ich 20 Spieler habe, die sich als Stammspieler fühlen dürfen. Hierarchie gibt es schon, aber nur, was das Tragen von Trinkflaschen oder das Mitnehmen von Bällen betrifft. Auf dem Platz gibt es das bei mir nicht. Da kann ein junger Spieler einen Routinier auf die Bank verdrängen, wenn dieser keine Leistung bringt. Und eine gute Mannschaft braucht nicht unbedingt eine Spielerpersönlichkeit. Die Führungsperson steht bei uns in der Coaching-Zone.

In Österreich wird der Erfolg im Fußball oft mit Spaß, guter Laune und Geselligkeit gleichgesetzt. Fehlt es an Professionalismus?

BJELICA: Als Trainer musst du eine ganz klare Grenze zwischen Spaß und Disziplin finden. Die Spieler können von mir abseits des Platzes alles haben, aber auf dem Spielfeld zählt nur der Wille.

Kritisieren Sie Spieler in Anwesenheit der anderen?

BJELICA: Ja, bei der Einzelkritik gibt es keine Ausnahmen. Auch, wenn ich mit dem einen oder anderen privat ein gutes Verhältnis habe. Auf dem Platz bin ich beinhart. Jacobo - als Beispiel - hat zwei Monate bei mir gewohnt. Wenn er schlecht gespielt hat, habe ich ihn auf die Bank gesetzt. Bei mir wissen die Spieler, wenn sie sich falsch verhalten, fliegen sie aus der Mannschaft.

Sie wirken vor dem Spiel unglaublich konzentriert. Brauchen Sie diese innere Anspannung?

BJELICA: Ich bin keiner, der ruhig auf der Bank sitzt. Das bin nicht ich. Wenn ich spüre, dass meine Mannschaft mich braucht, mache ich mich bemerkbar. Die Mannschaft weiß das. Wenn ich einmal nicht emotional bin, spüren sie, dass etwas nicht stimmt. Auch im Training. Die Motivation des Trainers ist die Motivation der Spieler und die Mannschaft ist das Spiegelbild ihres Trainers.

Der WAC ist fünf Punkte von einem Abstiegsplatz entfernt. Beschäftigen Sie sich noch mit dem Abstieg?

BJELICA: Ich will weder über den Abstiegskampf noch über einen Europacup-Platz sprechen, den wir auch noch erreichen können. In erster Linie will ich mich nur auf die tägliche Arbeit konzentrieren.

Die Mannschaft hat sich spielerisch weiterentwickelt. Aber was ich nicht verstanden habe: Auf ein gutes Spiel folgte oft ein schlechtes. Fehlt da noch die Stabilität?

BJELICA: Wir haben im Sommer nur zwei Spieler mit Bundesliga-Erfahrung verpflichtet. Die Legionäre brauchen eine gewisse Zeit, um sich anzupassen. Man sollte nicht vergessen, viele meiner Spieler kamen aus der Regionalliga oder der Erste Liga. Dass sie alle sofort auf Bundesliga-Niveau kommen, geht nicht von heute auf morgen.

Wer hat Ihrer Meinung nach die besten Chancen auf den Titel?

BJELICA: Austria Wien, weil sie die beste Mannschaft und die nötige Ruhe im Verein haben.

Wie sehen Sie Sturm Graz?

BJELICA: Sturm steht in der Tabelle dort, wo man das Team erwarten konnte. Kompliment an Peter Hyballa, er ist dabei, ein schlagkräftiges Team aufzubauen.

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