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Zuletzt aktualisiert: 03.06.2012 um 20:17 UhrKommentare

Sicherheitscheck im EM-Stadion

Scharfschützen und Sprengstoffscanner im Stadion: Polens Polizei rüstet sich für die Europameisterschaft. In der Ukraine herrscht in Sachen Sicherheit hingegen die "sowjetische Schule".

Foto © Reuters

Böller und bengalische Feuer auf den Tribünen, Fans und Polizisten auf dem Platz: Skandalspiele wie jüngst in Düsseldorf hat der polnische Fußball längst hinter sich. Im Mai 2011 stürmten Tausende Hooligans beim Pokalfinale zwischen Legia Warschau und Lech Posen das Spielfeld und lieferten sich eine martialische Schlacht mit den Sicherheitskräften. Ministerpräsident Donald Tusk reagierte drastisch: "Wenn wir nicht imstande sind, die Sicherheit zu garantieren, ist die Austragung der Fußball-Europameisterschaft gefährdet", sagte er damals.

Hunderte Kameras

Am 8. Juni beginnt die EM in Polen und der Ukraine mit dem Eröffnungsspiel in Warschau. Tusk ist mittlerweile überzeugt, dass seine Polizisten alles im Griff haben. Das Innenministerium hat in einem nie da gewesenen Ausmaß aufgerüstet. Spezialscanner sollen verhindern, dass Fans Feuerwerkskörper in die Stadien schmuggeln oder Terroristen Sprengstoff einsetzen. Hunderte 360-Grad-Überwachungskameras mit 35-facher Vergrößerung kontrollieren das Geschehen nicht nur vor und in den Arenen, sondern auch in den Stadtzentren und auf Zufahrtswegen.

Doch das ist nur ein Teil der sogenannten Vorfeldverteidigung. Die Polizei positioniert in den Stadien Scharfschützen, um Attentäter gezielt außer Gefecht setzen zu können. "Die Sniper werden bei den Scheinwerfern stehen, weil sie von dort eine perfekte Sicht haben und im Flutlicht selbst nicht zu erkennen sind", erläutern Experten in polnischen Medien. Um Terrorgefahren auszuschließen, sollen zudem Laser die Stadionluft auf Spuren chemischer und bakterieller Stoffe analysieren. Jeder Wurstverkäufer und Getränkelieferant wird durchleuchtet.

Im Fadenkreuz befinden sich aber vor allem die Fans. Wer randaliert, kann an Ort und Stelle inhaftiert werden. Die EM-Arenen in Breslau, Danzig, Posen und Warschau verfügen über Gefängnisräume. Die Soforthaft gehört zu einem Gesetzespaket, das die polnische Regierung nach den Hooligan-Krawallen im vergangenen Jahr geschnürt hat. Seither können Schnellgerichte kurzen Prozess mit gewalttätigen Fans machen. Platzverbote werden mit Fußfesseln überwacht.

Unsichtbare Polizei

Für Polizisten gilt im Juni in Polen eine Urlaubssperre. 40.000 Beamte werden im Einsatz sein, um die Fans vor sich und anderen zu schützen. Trotz der Hochrüstung sollen die Sicherheitskräfte möglichst unsichtbar bleiben. "Wir werden keine schwer bewaffneten Polizisten in Kampfmontur rund um die Stadien aufmarschieren lassen", sagt der Warschauer Einsatzleiter Dariusz Dyminski. Spezialeinheiten stehen in den Katakomben bereit. "Die Fans, die zu uns kommen, geben Hunderte Euro für Eintrittskarten und Übernachtungen aus. Die wollen wir nicht verschrecken", erklärt Dyminski.

Die Überwachung beginnt bereits an den EU-Binnengrenzen zu Deutschland, Tschechien, der Slowakei und Litauen. Polen setzt dort nach einer Übereinkunft mit Brüssel für die EM-Wochen die Schengen-Regeln außer Kraft. Die 2007 abgeschafften Kontrollen dürften im Juni auch an Flughäfen wieder zur Regel werden. Einschlägig bekannte Hooligans und andere Verdächtige werden zurückgeschickt oder, falls die rechtliche Handhabe fehlt, von den Fahndern nicht mehr aus den Augen gelassen.

Alles ist vernetzt

Das Lagezentrum der polnischen Polizei in Warschau ist eng mit Europol und Interpol vernetzt. Verzichten wird Polen dagegen auf den Einsatz des umstrittenen europäischen Kontrollsystems Indect. Es wertet Videobilder aus und gleicht diese mit Daten ab, die unter anderem bei Facebook im Internet vorhanden sind. Polnische Netzaktivisten drohten mit Massenprotesten gegen die Überwachung - und hatten Erfolg.

Das Co-Gastgeberland Ukraine setzt auf eine völlig andere Sicherheitsphilosophie als Polen. "Hier herrscht die sowjetische Schule vor", sagen westliche Beobachter im Land. "Knüppel drauf und Schluss", laute die Devise. Im Spielort Lemberg, wo die Deutschen zwei Gruppenspiele absolvieren, sagt Stadtsprecher Oleg Beresjuk: "Polizeikräfte müssen sichtbar sein, sonst schrecken sie niemanden ab."

Wohin das Prinzip Einschüchterung führen kann, zeigen Berichte aus dem ostukrainischen Donezk. In der Heimatstadt von Präsident Viktor Janukowitsch finden fünf EM-Spiele statt, darunter ein Halbfinale. Die Polizei habe den Ultras dort den Krieg erklärt, berichtet der 33-jährige Andri, ein führendes Mitglied der Szene. "Sie haben uns gesagt: Wenn ihr randaliert, brechen wir euch die Beine. Ihr werdet dann sehr lange im Krankenhaus liegen." Kurz vor der EM sollen aus Donezk keine Meldungen über Hooligan-Krawalle ausgehen.

Verschärfte Gefahrenlage

Ob die ukrainische Polizei tatsächlich für den Ernstfall gerüstet ist, ist zweifelhaft. Der heftige innenpolitische Streit um die Inhaftierung von Oppositionsführerin Julia Timoschenko hat die Gefahrenlage erheblich verschärft. Ende April gelang es Unbekannten, in Dnjepropetrowsk mehrere Bomben zu zünden. Es gab Dutzende Verletzte. In den Tagen danach inszenierte die Polizei ihre Anti-Terror-Übungen öffentlich. Eine Spur zu den Attentätern haben die Fahnder bis heute allerdings nicht finden können. Dnjepropetrowsk ist Timoschenkos Geburtsstadt.

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Sicherheitskonzepte

    • Das Sicherheitskonzept in Polen heißt "TTT" und steht für die polnischen Wörter für Vorsorge, Toleranz und Eindämmung. Polen hat sich im Vorfeld der Euro auch Tipps bei den österreichischen Behörden geholt.
    • In der Ukraine wird die Exekutive vor und bei den Spielen in massiver Stärke zur Abschreckung auftreten. Obwohl eine Bombenserie in Dnjepropetrowsk immer noch nicht geklärt ist, versichern die Veranstalter: Die Euro ist sicher.

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