Antonis Samaras macht den Griechen Angst: Ein Sieg des radikallinken Bündnisses Syriza bei der heutigen Parlamentswahl? Dann gerät der Euro in Gefahr, warnt der konservative griechische Ministerpräsident. Die Bankomaten geben dann womöglich kein Geld mehr aus, dem Land droht der Absturz in eine neue, noch schwerere Krise –Staatsbankrott. Alle Opfer der vergangenen Jahre wären umsonst gewesen.


Samaras kämpft heute jedoch nicht nur für seine konservative Nea Dimokratia (ND). Es geht auch um seine persönliche Zukunft: Eine Wahlniederlage würde wohl das Ende der politischen Karriere des 63-Jährigen bedeuten. In umso dunkleren Farben malt Samaras das Schreckensbild eines SyrizaSieges an die Wand.

Doch viele Wähler scheinen unbeeindruckt von den Horrorszenarien des Regierungschefs. Seit Monaten liegt Syriza in den Meinungsumfragen vorn, in der Woche vor der Wahl hat das Linksbündnis sogar seinen Vorsprung ausbauen können. In einer am Freitag publizierten letzten Erhebung liegt die Linke mit einem Abstand von 6,2 Prozentpunkten vorn – das ist doppelt so viel wie noch eine Woche zuvor. „Die Hoffnung kommt“ lautet deren Wahlkampfslogan. Man sei „nur noch einen halben Schritt vom Sieg entfernt“, frohlockt Parteichef Alexis Tsipras. „Nichts kann uns mehr stoppen“, rief der 40-Jährige auf der abschließenden Wahlkampfkundgebung in Athen. „Die Zeit der Linken ist gekommen“, schallte es aus dem Publikum zurück.


Die Wahl wird zu einer Volksabstimmung gegen den Sparkurs, der Griechenland in den vergangenen fünf Jahren ein Viertel seiner Wirtschaftskraft gekostet und eine Million Arbeitsplätze ausradiert hat. Seit Beginn der Krise sind 230.000 Klein- und Mittelstandsbetriebe pleitegegangen. Die Rezession hat die Menschen zermürbt. Die Arbeitslosenquote beträgt 26 Prozent, unter den Jugendlichen sogar 50 Prozent. Tsipras will die Sparpolitik beenden, Pensionen und Mindestlöhne erhöhen. Damit sind Konflikte mit den internationalen Kreditgebern vorprogrammiert.


22 politische Parteien und Parteienbündnisse treten bei der Parlamentswahl in Griechenland an. Aber allenfalls acht von ihnen haben Aussichten, die in Griechenland geltende Dreiprozenthürde zu überspringen und Sitze im 300 Abgeordnete zählenden Parlament zu erobern. Zu ihnen gehört auch die Neonazi-Partei Goldene Morgenröte. Sie ist ein Produkt der Krise. Mit ihren ausländer- und europafeindlichen Thesen konnte die Partei schon bei den Wahlen von 2012 auftrumpfen. Sie erreichte damals fast sieben Prozent der Stimmen. Obwohl fast die gesamte Parteiführung inzwischen in Untersuchungshaft sitzt und auf einen Prozess wartet, bei dem es um Anstiftung zum Mord und Bildung einer kriminellen Vereinigung geht, liegt die Goldene Morgenröte in den Umfragen bei sechs Prozent.
Die sozialdemokratische Traditionspartei Pasok, die das politische Leben Griechenlands seit 1981 dominierte und bei der Wahl von 2009 noch mit 44 Prozent triumphierte, erreicht dagegen in jüngsten Umfragen nur noch vier Prozent. Der beispiellose Absturz der Pasok und der anhaltende Aufstieg der Rechtsextremisten zeigen, wie stark die Krise die Fundamente des politischen Systems erschüttert hat.

Schwierige Partnersuche

Während sich anfangs das Interesse auf das Duell zwischen Samaras und Tsipras konzentrierte, steht inzwischen Tsipras als Gewinner so gut wie fest. Alles andere als ein Syriza-Sieg wäre jedenfalls eine faustdicke Überraschung. Offen bleibt aber, ob Tsipras eine absolute Mehrheit im nächsten Parlament gewinnt. Das wird nicht nur vom Stimmenanteil für das Linksbündnis abhängen, sondern auch davon, wie viele Splitterparteien den Sprung in die Vouli, die Volksvertretung am Athener Syntagmaplatz, schaffen.


Eine Regierungsbildung gegen den voraussichtlichen Sieger Syriza ist kaum möglich, da die stärkste Partei nach dem griechischen Wahlrecht einen Bonus von 50 der 300 Mandate erhält. Deshalb bekommt das Rennen um Platz drei besondere Bedeutung. Ihn belegt in den meisten Umfragen die erst im März 2014 gegründete Partei To Potami (Der Fluss). Initiator der dezidiert pro-europäischen Mitte-links-Bewegung ist der bekannte griechische Fernsehjournalist Stavros Theodorakis.

Mögliche Koalition

Bei der Europawahl 2014 erreichte Der Fluss auf Anhieb einen Stimmenanteil von 6,6 Prozent, in der jüngsten Umfrage liegt die Partei bei 6,3 Prozent. Theodorakis gilt als möglicher Koalitionspartner für Syriza, falls Tsipras die absolute Mehrheit verfehlt – und könnte in dieser Rolle mäßigend auf die radikale Linke einwirken. „Unsere Heimat ist Europa, unsere Währung ist der Euro“, sagt Theodorakis.


Er sammelte zahlreiche Intellektuelle, Akademiker und Journalisten um sich, größtenteils Polit-Neulinge. Das könnte in den Augen vieler Wähler, die der alten Parteien überdrüssig sind, ein Startvorteil sein, aber auch zum Problem werden, wenn es um eine künftige Regierungsbeteiligung geht.


Beobachter schließen allerdings nicht aus, dass es zu einem Patt im neuen Parlament kommen könnte. Gelingt innerhalb von zehn Tagen keine Regierungsbildung, werden Neuwahlen fällig. Griechenland würde dann noch tiefer in die Krise rutschen.