23. November 2014, 06:59 Uhr | Aktualisiert vor 2 min | Als Startseite
Zuletzt aktualisiert: 03.12.2012 um 21:37 UhrKommentare

Die Wutbürger von Marburg

Sie sind laut und wollen gehört werden: Tausende Slowenen gehen auf die Straße, um ihr Land vor seinen Politikern zu retten. Von Nina Koren, Marburg.

Foto © FUCHS

Wie Che Guevara sieht Drago Petan nicht gerade aus. Glatt rasiert, das Haar adrett gescheitelt, Gleitsichtbrille, graue Krawatte, blauer Anzug. Und trotzdem steht er zwischen Tausenden Demonstranten auf dem Marburger Freiheitsplatz, trotzdem wünscht er sich den Umsturz. "Alles, absolut alles muss anders werden", sagt der 45-jährige Familienvater. "Zuerst muss diese korrupte politische Klasse weg und dann die verkommenen Banken. So können wir nicht mehr weiterleben."

Slowenien probt den Aufstand, und Marburg, die zweitgrößte Stadt des Landes, ist zum Epizentrum des Wutausbruchs geworden. Junge, Alte, Arbeitslose und Unternehmer, sogar Kinder sind gekommen, mit Transparenten, Megafonen, Trommeln, Trillerpfeifen. Der lokale Studenten-Sender heizt mit heißen Rhythmen ein; einige tanzen, viele diskutieren. Sie sind laut, und sie wollen auch gehört werden. "Gotof je! Gotof je!", schreien sie in Sprechchören Richtung Rathaus. "Fertig ist er!", "Seine Zeit ist abgelaufen!", rufen sie in Richtung Rathaus. Der Bürgermeister selbst, heißt es vonseiten seines Sprechers, sei heute gar nicht da, ja die ganze Woche sei Franc Kangler weg.

Das ganze Land verkauft

Doch eine Woche ist den Demonstranten viel zu wenig. Kangler, gegen den mehrere Ermittlungsverfahren wegen Korruption laufen, soll weg; der einstige Judoka ist zum Inbegriff des selbstherrlichen Bürokraten geworden, der sich und seine Freunde versorgt und das Volk schröpft. Nicht nur hier in Marburg, sondern, wie viele meinen, bis ganz hinauf in die Staatsspitze. "Sie haben unser Land verkauft", sagt Tamara, die bunte Nelken als Symbol des friedlichen Aufstands verteilt. "Ich studiere Rechtswissenschaften, aber ich weiß, ich werde bestenfalls als Kellnerin arbeiten", sagt die 25-Jährige. "Die Preise steigen ins Unermessliche. Wie soll man da eine Familie gründen?"

Petan ist Bauunternehmer, und wie sein Freund, der eine Autowerkstatt führte, ist er, wie er sagt, am Ende. "Die Banken geben uns Privaten keine Kredite mehr, die bekommen die staatlichen Konzerne. Wir können unsere Angestellten nicht bezahlen, immer mehr Eltern können sich für ihre Kinder nicht einmal die Jause im Schulbuffet leisten - und unsere Regierung schaut nur auf sich selbst", sagt er.

Mateja ist trotzdem zuversichtlich. "Die Slowenen waren jahrhundertelang unterdrückt. Endlich ist das Volk erwacht, endlich haben wir erkannt, dass wir immer noch für dumm verkauft werden und uns wehren müssen", sagt die Bibliothekarin. Ein Marketing-Experte mit Blume am Revers hofft auf den Neuanfang. "Obwohl ,Gotof je' ein Dialekt-Ausdruck aus Marburg ist, wird unser Slogan inzwischen bei Protesten im ganzen Land verwendet. Er motiviert und eint die Leute, und ich hoffe, dass wir so die korrupte Polit-Elite loswerden", sagt er. "Unser Land hat wirklich Besseres verdient."

  • Druckbare Version anzeigen
  • E-Mail

Kommentare

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

» Kommentar erstellen

Wir weisen darauf hin, dass dieses Forum nicht moderiert wird. Als Nutzer stimmen Sie der Speicherung der von Ihnen angegebenen Daten (Stamm-, Verkehrsdaten, etc.) ausdrücklich zu. Bei der Erstellung von Kommentaren haben Nutzer rechtliche Bestimmungen (zB Privat-, Strafrecht), die Netiquette und Forenregeln einzuhalten. Beschimpfungen, Verspottungen, Belästigungen, Ehrbeleidigungen, etc. sind daher verboten! Beiträge, die diesen Bestimmungen zuwiderlaufen, werden bei Kenntnis gelöscht, Nutzer allenfalls gesperrt. Die angegebenen Daten werden an staatliche Stellen (zB Polizei, Gericht) bei Untersuchung von vom Nutzer verbreiteten Materialien, oder sonst vorgenommenen ungesetzlichen Aktivitäten, weitergegeben. Weiters werden angegebene Daten (Name, Postanschrift und E-Mail-Adresse, jedoch keine Handynummer) an sonstige Dritte bei Verletzung von Rechten oder sofern deren Rechtsverletzung nachvollziehbar behauptet wird (zB gem. § 18 Abs. 4 ECG), weitergegeben. Mit der Erstellung von Kommentaren stimmen Sie dem ausdrücklich zu und verzichten auf die Geltendmachung von jeglichen Ansprüchen. Siehe dazu auch unsere Forenregeln/Betriebsbedingungen in den AGB.

Innenpolitik

  • Aktuelle Ereignisse, Hintergründe und Analysen zur heimischen Innenpolitik.

Weltpolitik

  • Aktuelle Entwicklungen, Berichte unserer Korrespondenten, Analysen und Hintergründe zur Außenpolitik.

Südosteuropa

  • Im Fokus: Südosteuropa - aktuelle Entwicklungen, Korrespondenten-Berichte und Analysen.

EU-Special

  • Hintergründe, Korrespondenten-Berichte und aktuelle Ereignisse zum Thema EU.

Der Nahost-Konflikt

  • Der Nahost-Konflikt: Aktuelle Entwicklungen, die Konfliktparteien, die Hintergründe.

100 Jahre 1. Weltkrieg

  • Das große Special zu 100 Jahre Erster Weltkrieg: Interaktive Grafiken, Video-Analysen und Schauplatz-Reportagen aus den ehemaligen Kriegsgebieten.

Wartungsarbeiten

  • >> Liebe User!
    • Auf unserer Website gibt es einige Neuerungen:
    • Die bisherigen Gemeinde- und Bezirksseiten werden durch Regionalportale ersetzt – Sie erhalten hier alle wichtigen Neuigkeiten aus Ihrer Region.
    • Auf der Startseite werden Nachrichten nun in Ressort-Blöcke gegliedert (Sport, Politik etc.) - für einen besseren Überblick.
    • Aufgrund von technischen Umstellungen können wir vorübergehend keine Wetterinformationen und Gewinnspiele anbieten. Die Inhalte werden ehestmöglich wieder bereitgestellt. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

    Weitere Informationen finden Sie HIER. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an: feedback@kleinezeitung.at
    Ihr Kleine Zeitung Team