18. Dezember 2014, 06:42 Uhr | Aktualisiert vor 2 min | Als Startseite
Zuletzt aktualisiert: 30.05.2012 um 19:03 UhrKommentare

Der Vatikan sucht seine "Raben"

Niemand im Vatikan glaubt, dass Paolo Gabriele, bisher der Kammerdiener des Papstes, Einzeltäter war. Jetzt sucht man nach anderen "Raben" (Verrätern) im Umfeld Benedikts XVI.

Foto © AP

Im Osten hinter der Engelsburg bahnen sich die ersten Sonnenstrahlen ihren Weg. Es ist 5.30 Uhr. Wie an jedem Morgen steht der Papst um diese Zeit in seinem Schlafzimmer im dritten Stock des Apostolischen Palasts auf. Eine halbe Stunde Morgenlektüre, dann schlüpft Benedikt XVI. in seine weiße Soutane, setzt sich das Pileolus auf den Kopf und feiert mit seiner Wohngemeinschaft, zwei Sekretären sowie den vier Haushälterinnen, die Frühmesse in der Privatkapelle. Um Punkt 8 Uhr serviert der Kammerdiener das Frühstück. Bis vor einer Woche brachte "Paoletto" Kaffee, Milch, Brot und Marmelade. Jetzt sitzt der Majordomus des Papstes in einer Zelle der Vatikan-Gendarmerie und wartet auf seinen Prozess.

Privatsekretär in Verdacht

Doch der Skandal um gestohlene Geheimdokumente im Vatikan hat auch die Routine im Tagesablauf des Papstes verändert. Statt Paolo Gabriele, in dessen Wohnung die Vatikan-Gendarmen vier Schubladen voller Dokumente vom Schreibtisch des Pontifex gefunden haben, serviert nun ein anderer Kammerdiener den Morgenkaffee. Sogar die Presseschau über die von ihm so geschätzte Karikatur auf der Titelseite des Corriere della Sera kann sich Benedikt XVI. nicht mehr recht freuen. Am Montag zeichnete der Karikaturist einen eingesperrten schwarzen Raben in das Papstsiegel. "Corvi", Raben, so werden in Italien auch Verräter genannt.

Die italienischen Zeitungen breiten täglich neue Details über die Affäre aus, in der der Papst scheinbar machtlos einem Machtkampf in der Kurie zusieht.

Nun gerät auch sein Privatsekretär Pater Georg Gänswein immer mehr in die Schlagzeilen. Weil er die Tagesgeschäfte des Papstes regelt, ist er einigen hohen Prälaten zu einflussreich geworden. Gänswein filtert die Post, bestimmt Termine und ist die entscheidende Schleuse zum Papst. Auch das ist ein Merkmal der jüngsten Affäre: Jeder, der in Abwesenheit eines autoritären Papstes im Vatikan Macht angehäuft hat, wird zum Ziel von Intrigen. Gänswein soll es auch gewesen sein, der den Kammerdiener letztlich überführte.

Als vor Tagen das Buch des italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi "Seine Heiligkeit" mit geheimen Vatikan-Dokumenten veröffentlicht wurde, entdeckte der Papstsekretär darin auch eine Akte, die nicht aus dem Archiv des Staatssekretariats stammen konnte, sondern nur aus den päpstlichen Zimmern selbst. Gänswein soll Paolo Gabriele zu einem Vieraugengespräch gebeten haben und ihn mit seinem Verdacht konfrontiert haben. Der Kammerdiener leugnete und wurde am folgenden Tag verhaftet. Seine Anwälte kündigten an, er werde mit der Vatikanjustiz zusammenarbeiten.

Doch die These vom Einzeltäter überzeugt in Rom kaum jemanden. Die von Benedikt XV. vor vier Wochen eingesetzte Kardinalskommission um den 82 Jahre alten Spanier Julian Herranz befragt weiter Vatikan-Mitarbeiter und Eminenzen. Täglich gibt es neue Gerüchte. Erst hieß es, auch gegen Kardinäle werde ermittelt. Vatikan-Sprecher, Pater Federico Lombardi, dementierte. Gerüchte aus dem Weg zu räumen ist die Hauptaufgabe des Jesuitenpaters.

Fest steht, dass die Intrigen wohl auf einen Konflikt zwischen Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone und einer Reihe einflussreicher Kardinäle zurückzuführen sind. Der 77 Jahre alte Salesianer Bertone war unter Ratzinger Sekretär der Glaubenskongregation und ist seit Jahren einer der engsten Mitarbeiter des Papstes, der ihn 2006 zum Chef des Staatssekretariats, dem zweiten Mann im Vatikan, ernannte.

Bertone und Ratzinger seien freundschaftlich verbunden, heißt es im Vatikan. In der Kurie allerdings hat der Kardinal aus Turin immer mehr Anhänger verloren. Zum einen gilt sein Stil einigen als selbstherrlich und eitel, Bertone soll zudem einen Korruptionsfall im Staatssekretariat decken.

Die Zahl seiner Gegner ist groß. Der Leiter der italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Angelo Bagnasco, ärgert sich, dass sich Bertone oft in italienische Angelegenheiten einmischt. Ihm wird auch die Entlassung von Ettore Gotti Tedeschi, dem Ex-Chef der Vatikanbank, angelastet. Tedeschi gilt als Vertrauter des Papstes, dieser könnte sich im Dezember von seinem unbequemsten Mitarbeiter trennen. Bertone wird dann 78. Das Kirchenrecht sieht vor, dass der Kardinal dann um seinen Rücktritt bittet, den der Papst meist ausschlägt. Diesmal könnte Benedikt XVI. das Angebot annehmen, um das Heft im Vatikan wieder in die Hand zu nehmen.

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