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Zuletzt aktualisiert: 18.04.2012 um 14:18 UhrKommentare

Wenn die Krise tötet

Sie wissen keinen Ausweg mehr: In Italien nehmen sich immer mehr Menschen das Leben - weil sie verzweifelt sind und keine Hoffnung mehr sehen. Auslöser ist offenbar die Schuldenkrise.

Foto © Reuters

Arbeitslose, Pensionisten und Kleinunternehmer: In Italien wird von Tag zu Tag die Liste der Menschen länger, die sich unter dem Druck finanzieller Schwierigkeiten infolge der Wirtschaftskrise und der Sparpolitik das Leben nehmen. Seit Wochen berichten die Medien fast täglich von Verzweiflungstaten seitens entlassener Arbeitnehmer und Unternehmer, die angesichts erdrückender Schulden für sich keine Zukunft mehr sehen.

Vor wenigen Tagen hatte die Selbstverbrennung zweier verzweifelter Männer die italienische Öffentlichkeit geschockt. In Bologna hatte sich ein 58-jähriger italienischer Bauarbeiter in seinem Auto angezündet, nachdem er mehrere Abschiedsbriefe hinterlassen hatte. Er erlag wenige Tage danach seinen schweren Brandwunden. Der Mann stand wegen mutmaßlicher Steuerhinterziehung in Höhe von 104.000 Euro vor Gericht. Wenige Tage später zündete sich ein marokkanischer Bauarbeiter in Verona auf offener Straße an.

Für einen Eklat sorgte auch der Fall einer 78-jährigen Pensionistin auf Sizilien, die sich wegen finanzieller Schwierigkeiten das Leben nahm. Die alte Frau aus der Stadt Gela sprang vom Balkon ihrer Wohnung, nachdem sie erfahren hatte, dass ihre Pension um 200 Euro gekürzt worden war.

Die Zahl der Selbstmörder wächst in Italien unter dem Druck der seit 2008 anhaltenden Krise rasant. Nach Angaben des Handwerkerverbands CGIA ist zwischen 2008 und 2010 die Zahl der mit finanziellen Problemen verbundenen Selbstmorde um 24,6 Prozent gestiegen. Bei den versuchten Selbstmorden wuchs die Zahl um 20 Prozent. Allein 2011 hätten sich über 1.000 Arbeitnehmer und Unternehmer das Leben genommen, das sind 24 Prozent mehr als 2008. Der Verband rief die Expertenregierung in Rom zur Einrichtung eines Solidaritätsfonds zur Unterstützung der Italiener auf, die wegen der Krise in Schwierigkeiten geraten sind.

"Monti hat diese Toten auf dem Gewissen"

Antonio Di Pietro, Chef der Mitte-Links-Partei "Italien der Werte" (Idv), machte Premier Mario Monti und seine rigorose Sanierungspolitik für die Selbstmorde verzweifelter Personen verantwortlich. "Immer mehr Italiener sind mittellos. Monti hat diese Toten auf dem Gewissen", sagte Di Pietro. Seine Worte lösten heftige Kritik in Regierungskreisen aus. Der Verein Federcontribuenti beantragte bei der Staatsanwaltschaft in Rom, mindestens 18 Fälle von Selbsttötung seit Jahresanfang zu untersuchen. Der Vorsitzende der Vereinigung, Carmelo Finocchiaro, warf der Technokratenregierung vor, sie habe "in diesen Monaten nur neue Steuern und sonst nichts eingeführt". Italiens Steuerbehörden würden nicht zwischen Steuerhinterziehern und denen unterscheiden, die aus wirtschaftlichen Gründen in Zahlungsrückstand geraten sind, sagte er.

In dieser schwierigen Lage ist am Mittwochabend in Rom ein Fackelzug zum Andenken an die Italiener geplant, die sich im Würgegriff der Krise das Leben genommen haben. Hunderte Menschen wollen vom Pantheon im Herzen der Ewigen Stadt durch die Innenstadt defilieren, um die Aufmerksamkeit der Institutionen und der Öffentlichkeit auf die Krise der Klein- und Mittelunternehmen zu lenken. Die Organisatoren, unter anderem Gewerkschaften und Unternehmerverbände, kritisierten die Kreditengpässe, die das Überleben der Unternehmen gefährden, den hohen Steuerdruck und die erdrückende Bürokratie in Italien.

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Fakten

  • Nach Angaben des Handwerkerverbands CGIA ist zwischen 2008 und 2010 die Zahl der mit finanziellen Problemen verbundenen Selbstmorde um 24,6 Prozent gestiegen . Bei den versuchten Selbstmorden wuchs die Zahl um 20 Prozent.

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