22. November 2014, 11:42 Uhr | Aktualisiert vor 2 min | Als Startseite
Zuletzt aktualisiert: 08.01.2012 um 20:51 UhrKommentare

Streit über Bikinis wird Ägypten nicht retten

Auch Muslimbrüder brauchen Impulse für Wirtschaft.

Sechs Wochen lang feierte die Demokratie am Nil Premiere. Über 35 Millionen Menschen standen in drei Etappen friedlich vor den Wahllokalen an und genossen die erste authentische demokratische Erfahrung ihres Lebens. Und rund zwei Drittel machten ihre Kreuzchen am Ende bei islamistischen Parteien. Die Muslimbrüder liegen mit Abstand vorne, gefolgt von den überraschend starken Salafisten. Die säkularen Bündnisse dagegen landeten abgeschlagen auf dem dritten und vierten Platz. Die Heerscharen von Klein- und Kleinstparteien der jungen Revolutionäre fallen kaum noch ins Gewicht. Und so sieht alles danach aus, dass das ägyptische Volk seinem Land am Ende eine Machtverteilung verordnen wird, in der viel Sprengstoff steckt.

Die größte Aufmerksamkeit ziehen die bärtigen Senkrechtstarter der Salafisten auf sich. Sie präsentierten sich fast schon wie Allahs Piratenpartei, was bei den Wählern am Nil jedenfalls gut ankommt. Keine Ahnung von Politik, stattdessen kreisen ihre frommen Parolen um drei einfache Themen - weg mit dem Alkohol, weg mit den Bikinis und weg mit unverschleierten weiblichen Frisuren. Mit diesen Eiferern als zweitstärkste politische Kraft steht Ägypten bei der kommenden Regierungsbildung vor einer fundamentalen Richtungsentscheidung. Formen die siegreichen Muslimbrüder mit den Ultrafrommen einen islamistischen Block? Oder orientieren sich die Muslimbrüder langfristig zur moderaten Mitte und suchen das politische Bündnis mit säkularen Kräften?

Für Unkenrufe ist es zu früh. Denn bisher spricht wenig dafür, dass die Muslimbrüder einen islamistischen Durchmarsch im Auge haben. Ihre Führung weiß genau, dass sich mit Debatten über Kopftuch oder Strandmoral die komplexen und bedrohlichen Probleme Ägyptens nicht werden lösen lassen. Viele im Wahlkampf mit kantiger Entschiedenheit vorgetragene Forderungen verschwinden im Regierungsalltag schnell vom Tisch, wenn Touristen und ausländische Investoren weiter wegbleiben und die Staatsschulden weiter so rasant steigen.

Politische Lorbeeren lassen sich in den nächsten Jahren kaum ernten. Jede Regierung wird voll damit beschäftigt sein, die 85-Millionen-Nation auf den Beinen zu halten. Der islamistische Druck auf Alltagsleben und Alltagskultur aber wird steigen. Der Kampf um die neuen Leitbilder an Schulen und Universitäten hat bereits begonnen. Und Ägypten wird sein Gesicht verändern - auch wenn es in der Substanz moderat, tolerant und pragmatisch bleibt.

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