Frau Fritsch, warum tun Sie sich das an und machen beim Wettlesen um den Bachmann-Preis mit?

Valerie Fritsch: Man kann ja herausfordernde Dinge auch mit heiterer Gelassenheit verbinden. Dementsprechend habe ich vor den "Hunger Games" des Literaturbetriebs keine Angst, sehe es aber als Herausforderung. Ich bin sicher, dass da viele schöne, eigenartige, aber vielleicht auch furchtbare und kränkende Dinge passieren. Aber dem muss man sich aussetzen. Ich bin sicher, auch wenn alle darüber schimpfen, gibt es trotzdem viel Spaß dabei. Es gibt ja nicht nur das Lesen, sondern auch das Wettschwimmen (lacht).

Wie intensiv hatten Sie den Bewerb bisher verfolgt?

Fritsch: In den vergangenen Jahren war ich zu dieser Zeit meist im Ausland, aber ich war auch schon einmal als Zuschauerin live dabei, um da hineinzuschnuppern. Mir hat das damals gut gefallen: Lauter Literaturmenschen und Leser, die sich da im kleinen Klagenfurt versammeln und eigenartige Dinge machen.

Finden Sie öffentliche Diskussionen um Texte produktiv? Viele haben ja einen Bammel davor, zerrissen zu werden.

Fritsch: Den Bammel hat man sicher zu Recht. Aber man verhält sich wohl falsch, wenn man zu einer Kritikerjury fährt und dann Angst hat, durch Kritik gekränkt zu werden. Ich bin froh, wenn ich nicht selbst über meine Texte reden muss. Das können gern andere Leute machen. Bei mir läuft das sonst familiär oder partnerschaftlich ab. Meine Großmutter, meine Mutter und auch mein Lebenspartner lesen das und geben sehr differenzierte kritische Anmerkungen dazu ab. Das ist ausgesprochen produktiv, weil sie sich auch kein Blatt vor den Mund nehmen müssen. Während die Suppe serviert wird, kann man bereits mit wüster Kritik um sich schlagen... (lacht)

Und bis zum Nachtisch weiß man dann, was man umzuschreiben hat?

Fritsch: Bis zum Nachtisch weiß man dann: Ist es kohärent? Kennt man sich überhaupt nicht aus? Hab ich einen schweren logischen Fehler gemacht? Das kann einem ja als Autor manchmal passieren, wenn man ganz im Text versunken ist.

Auf Ihrer Homepage führen Sie neben Schreiben auch Reisen und Fotografieren an. Hat das immer den gleichen Stellenwert gehabt?

Fritsch: Für mich ist das alles sehr durchlässig. Es gibt in meinem Leben generell keine Kategorie-Unterschiede. Für mich ist das alles die gleiche Weltwahrnehmung.

Gibt es auch Reiseerzählungen von Ihnen?

Fritsch: Ja, das Buch vor "Winters Garten" waren Reisebriefe und Bilder. "Die Welt ist meine Innerei", hat es geheißen. Es waren ganz alte Texte von meinen ersten Reisen - ein kleines Liebhaberprojekt.

Die Liste Ihrer Destinationen liest sich ja durchaus eindrucksvoll. Was treibt Sie dabei an?

Fritsch: Manchmal verliebe ich mich nur in den Namen eines Landes. Etwa Kirgisien, das hatte für mich schon von Kindesbeinen an einen mythischen Einschlag. Oder Usbekistan. Ich liebe auch Afrika, und so kommt eins zum anderen. Und dann schaut man, welche Flüge günstig sind. Ich reise ja unerhört bescheiden: Low-Low-Low-Budget.

Haben Sie eine Fotografie-Ausbildung?

Fritsch: Ich habe an der Angewandten ein bisschen Fotografie studiert. Danach war ich mir ganz sicher, dass ich lieber schreiben als fotografieren möchte. Die Hoffnung, einmal vom Schreiben leben zu können, war natürlich immer da. Der Suhrkamp-Vertrag war dabei ein entscheidender Moment.

Wie kommt man mit einem zweiten Roman zu Suhrkamp?

Fritsch: Meine Lektorin hat mich einige Jahre beobachtet, bevor wir miteinander in Kontakt getreten sind. Sie hat mich gebeten, sollte es ein fertiges Romanmanuskript geben, dieses doch bitte zuerst ihr zu schicken. Das hat unglaublicher Weise funktioniert.

So etwas wie einen Literaturagenten haben Sie nie gebraucht?

Fritsch: Nein. Das stand natürlich alles auf einer Liste. Aber nachdem das mit Suhrkamp geklappt hat, musste ich diese Liste nicht bemühen. Sonst hätte ich mich erst einmal bei Verlagen beworben. Der klassische Weg: Akkordarbeit im Copyshop und auf dem Postamt. Aber ich habe mir einiges an Porto erspart.

Gibt es besonders positive oder negative Erfahrungen mit "Winters Garten"?

Fritsch: Es gab sehr viele herzliche Begegnungen mit Lesern, aber auch mit Journalisten, die das Buch einerseits befremdet und überrascht, andererseits berührt und begeistert hat. Da funktioniert ein Buch wie ein Interface. Obwohl man sich nicht kennt, teilt man teilweise sehr intime, berührende Augenblicke. Das ist etwas sehr Schönes.

Gibt es so etwas wie eine eigene Poetik, die Sie sich geschaffen haben?

Fritsch: Natürlich funktioniert jeder Text nach bestimmten Gesichtspunkten, meiner stark über Rhythmus und über eine Art von sprachlicher Harmonie und zerrissene Bilder. Das ist eher etwas Ästhetisches - aber ein schöner Satz, der nichts besagt, interessiert mich kein bisschen. Reine Schönheit oder bloßes handwerkliches Können lösen bei mir keinen Zauber aus.

Lässt sich irgendetwas verraten über Ihren Bachmann-Text?

Fritsch: Es ist ein in sich abgeschlossener Kurztext, den ich innerhalb von ein paar Tagen extra dafür geschrieben habe.

Klassische Schlussfrage: Und wann gibt's wieder ein neues Buch?

Fritsch: Ich schreibe momentan an einem Drehbuch für einen größeren Spielfilm des jungen Regisseurs Matthias Zuder. Er hat auch mein Bachmann-Video gedreht. Für das habe ich nicht nur ebenfalls das Drehbuch geschrieben, sondern auch selbst dafür gebrannt. Ich hab mir sogar ein bisschen die Augenbraue dabei abgefackelt. Mit dem nächsten Roman wird es noch ein bisschen dauern. Ich hab in den letzten Jahren recht viele Bücher geschrieben. Man darf es nicht übertreiben. Es muss ja auch wachsen. Sonst wiederholt man sich - und das wäre entsetzlich.

INTERVIEW: WOLFGANG HUBER-LANG/APA