Zuletzt aktualisiert: 15.07.2015 um 06:30 UhrKommentareZeltlager Krumpendorf

„Wir kamen her, um zu überleben“

Die Flüchtlinge im Krumpendorfer Zeltlager sind voll dankbarer Hoffnung. Beamte vor Ort loben friedliche Stimmung und Kooperationsbereitschaft.

Zu Hause haben die Flüchtlinge viel Gutes über Europa gehört
Zu Hause haben die Flüchtlinge viel Gutes über Europa gehört Foto © KLZ/Markus Traussnig

Man darf nicht hinein, begegnet ihnen aber auf den Straßen in der Nähe des Zeltlagers. Die Flüchtlinge in Krumpendorf integrieren sich mühelos und unauffällig ins bunte Straßenbild der Hochsaison. Sie sind meist jung, beeindrucken durch gepflegtes, sympathisches Äußeres, sprechen Englisch, was ihre Bildung verrät und sind Neugierigen gegenüber meist freundlich und offen. Manche lassen sich auch fotografieren, wie Mohammed und Odai, die zu Hause in Syrien Wirtschaft studiert haben. Doch dann sei die Situation durch Krieg und Terrorismus so gefährlich geworden, dass sie ihres Lebens nicht mehr sicher waren. „Wenn du aus dem Haus gehst, weißt du nicht mehr, ob du zurückkommst.“ Flucht sei der einzige Ausweg gewesen. Zwei Monate habe sie gedauert und eine Menge Geld gekostet.

Von Österreich haben sie gehört, dass es hier „nice people“, nette Leute gebe, daher würden sie gerne Deutsch lernen und hier bleiben, bis der Krieg vorbei ist. Viele Familien in Syrien schicken die besten ihrer Söhne in die Flucht, damit wenigstens sie überleben und vielleicht später den Zuhausegebliebenen das Überleben ermöglichen können.

Mirivani hat in Syrien Literatur studiert, bevor der Krieg alle Perspektiven zerstörte. Er und sein Freund hoffen, ihre Familie irgendwann nach Europa holen zu können. Sie haben zu Hause nur Gutes über die EU gehört. „Man sagt, hier sind alle Länder gut, friedlich und demokratisch“.

Europa sei „ein guter Platz“, meinen auch zwei junge Schicksalsgenossen, die anonym bleiben wollen. „Wir hatten keine Wahl, wir mussten fliehen. Wir wären sonst nicht mehr am Leben.“ Nicht nur ihre Arbeitsgrundlage als Hotelangestellter und Taxifahrer sei durch den Krieg zerstört worden, sondern auch ihre Familie. Beide haben Opfer im engsten Kreis zu beklagen und traumatische Erlebnisse hinter sich. Dass es auch in Österreich soziale Probleme und Menschen gibt, die fürchten, dass ihnen Flüchtlinge einen Job wegnehmen, können sie sich überhaupt nicht vorstellen. „Wir sind doch keine Konkurrenz, wir sprechen nicht einmal Deutsch.“

Vier Monate Flucht

Hasmad hat in seiner Heimat Afghanistan, wo er Chauffeur war, den Terror der Taliban erlebt. Er sehe dort keine Überlebenschance, sagt er und zeigt auf seinen Fuß mit der Schusswunde. Vier Monate lang war er auf der Flucht. Das Zeltlager findet er „good“, in Traiskirchen habe er auf der Wiese geschlafen. Doch alles sei besser als die Todesangst, die er zu Hause erlebt hat.

„Die Flüchtlinge sind äußerst dankbar und sehr kooperativ“, sagt Otmar Roschitz, Polizeibeamter des Innenministeriums vor Ort. Den ganzen Tag höre man nur „Danke“. Von den Einheimischen und der Gemeinde werde jeden Tag Hilfe angeboten. Freiwillige hätten Deutschkurse organisiert. Mittlerweile konnte man die Flüchtlinge neu einkleiden. „Vielen sind die Flipflops an den Füßen zerfallen.“ Bekleidung können sich Flüchtlinge mit 40 Euro Taschengeld im Monat nicht leisten.

Einige sieht man mit Rädern das Camp verlassen. „Eine Spende der Bevölkerung“, sagt Dietmar Tschudnig vom Innenministerium. „Sie wechseln sich ab mit dem Fahren.“ Die Zusammensetzung der Insassen sei sehr vielschichtig. „Vom Ziegenhirten bis zum Philosophieprofessor ist alles da.“ Was sie alle eint, ist die Hoffnung auf Menschenwürde und ein besseres Leben.

„Welle der Solidarität ist über See geschwappt“

Jahre lang hat die beim Krumpendorfer Pfarrgemeinderat angesiedelte Gruppe mit dem Motto „Lust auf Gerechtigkeit“ Vorbereitungsarbeit geleistet für das, was nun alle bewundern, obwohl es selbstverständlich sein sollte: die Akzeptanz von Menschen, die hierher kommen, weil sie Hilfe brauchen. In den Pfarrgemeinderatsausschuss „Dienst am Nächsten“ integriert, folgt die 20-köpfige Gruppe unter der Leitung von Harald Grove, der eng mit Pfarrer Hanspeter Premur zusammenarbeitet, der Prämisse: „Wer auch immer anklopft, wir haben ein Ohr für ihn“.

Das Pfarrfest am Sonntag sei ohne öffentliche Ankündigung und ohne Plakate in eine Solidaritätskundgebung für die Flüchtlinge übergegangen, freut sich Premur. Die Musikguppen hätten gratis in der Waldarena gespielt, die Singgemeinschaft Krumpendorf habe spontan mitgemacht und kurzerhand ihr Jahreskonzert dorthin verlegt, 1000 Leute und 60 Flüchtlinge seien gekommen. „Es war ein Wunder“, staunt Premur heute noch über den „unglaublichen Moment.“ Die „Welle der Solidarität“, die über den See geschwappt sei, habe Spenden in der Höhe von mehreren Tausend Euro an Land gespült.

„Die Toleranz in Krumpendorf ist vorbildlich“, freut sich auch Bürgermeisterin Hilde Gaggl, die keinen Grund sieht, darum Aufhebens zu machen. „Bei uns herrscht völlige Normalität“. Weder Einheimische noch Touristen seien in irgendeiner Weise betroffen, es sei nichts Auffallendes zu bemerken. „Es ist nicht notwendig, künstlich Spannung zu erzeugen“, appelliert sie an Medien und Sensationslüsterne. Im Ort herrsche friedliche Harmonie wie immer.

ELKE FERTSCHEY

Mehr zum Thema

Am 4. Juli wurde in der Krumpendorfer Polizeikaserne eine Zeltstadt als Behelfsunterkunft für Asylwerber errichtet. Mittlerweile sind dort 155 männliche Asylwerber aus dem Irak, Syrien, Afghanistan, dem Jemen und aus Gambia untergebracht. Wie lange das Provisorium Zeltstadt tatsächlich aufrecht erhalten werden muss, kann derzeit noch nicht gesagt werden.

Bild: Kleine.tv

Objekt in Ossiach muss erst renoviert werden. Landesrat Ragger mahnt Brandschutzgutachten ein.

Hier soll das Erstaufnahmezentrum entstehen / Bild: Matschnig

Die ersten Asylwerber aus dem Zeltlager in der Krumpendorfer Polizeikaserne wurden am Montag und Dienstag in feste Quartiere verlegt.

Bild: KLZ/Schimanz
  • Druckbare Version anzeigen
  • E-Mail

Wissenswert

  • Zeltdorf. Im Notquartier auf dem Areal der Polizeikaserne finden 200 Flüchtlinge Platz

    Zugang. Laut Verordnung des Innenministeriums ist nur den Flüchtlingen und Beschäftigten der Zutritt erlaubt

    Besucher dürfen nicht in das Zeltdorf, um Schutz und Privatsphäre der Flüchtlinge zu gewährleisten

    Freiwillige, die mithelfen wollen, werden aufgrund der Kurzfristigkeit des Notquartiers nicht eingearbeitet

    Auskünfte über Anwesende erteilt nur das Innenministerium

    Betreut wird das Camp von der ORS Service AG

    Spenden-Hotline: (0699) 13 23 12 22 (Mo bis Fr, 9 Uhr bis 15 Uhr). Gebraucht werden Schuhe, Rucksäcke, Regenkleidung. Infos: www.orsservice.at

Wir bitten um Ihr Verständnis, dass zu diesem Artikel keine Kommentare erstellt werden können. > Forenregeln lesen

Mehr zum Thema

Am 4. Juli wurde in der Krumpendorfer Polizeikaserne eine Zeltstadt als Behelfsunterkunft für Asylwerber errichtet. Mittlerweile sind dort 155 männliche Asylwerber aus dem Irak, Syrien, Afghanistan, dem Jemen und aus Gambia untergebracht. Wie lange das Provisorium Zeltstadt tatsächlich aufrecht erhalten werden muss, kann derzeit noch nicht gesagt werden.

Bild: Kleine.tv

Objekt in Ossiach muss erst renoviert werden. Landesrat Ragger mahnt Brandschutzgutachten ein.

Hier soll das Erstaufnahmezentrum entstehen / Bild: Matschnig

Die ersten Asylwerber aus dem Zeltlager in der Krumpendorfer Polizeikaserne wurden am Montag und Dienstag in feste Quartiere verlegt.

Bild: KLZ/Schimanz

Nachrichten aus Ihrer Region

  • Um zu den Berichten aus Ihrer Region zu gelangen, klicken Sie bitte in die Karte.




Hypo-Special

  • Hintergründe, aktuelle Entwicklungen und Analysen zur Hypo.