28. November 2014, 19:23 Uhr | Aktualisiert vor 2 min | Als Startseite
Zuletzt aktualisiert: 04.05.2012 um 10:03 UhrKommentare

"Die Fußfessel war meine letzte Chance"

In Kärnten gibt es die meisten Fußfessel-Häftlinge. Doch wie funktioniert der Alltag im elektronischen Arrest? Zwei Betroffene berichten über ihr Leben mit der Fußfessel.

Foto © Puch

Draußen ist es sonnig und ich darf nicht hinaus. Ich würde gerne sporteln, aber ich muss daheimbleiben. Ich kann eigentlich keinen Schritt machen, ohne überwacht zu werden. Das ist für mich die größte Strafe", sagt Mario (20). Er ist einer von 192 Österreichern, die derzeit elektronische Fußfesseln tragen. Lässig streckt er seine Beine unter den Tisch. Vom elektronischen Band unter seinem Hosenbein ist nichts zu sehen. Trotz aller Einschränkungen sei er zufrieden, sagt Mario. "Die Fußfessel ist für mich die einzige Chance, nicht ins Gefängnis zu müssen. Wenn ich hinter Gittern wäre, würde ich wahrscheinlich meinen Job verlieren." Und nach der Haft müsste er wieder bei Null anfangen. Mit Fußfessel ist das anders: "Ich kann weiterhin als Koch arbeiten. Meine Chefs wissen, dass ich Fußfesseln trage. Aber das ändert nichts an meinem Arbeitseinsatz."

Seit Einführung des elektronisch überwachten Hausarrests ist Kärnten beim Genehmigen von Fußfesseln führend. Keine vergleichbare Justizanstalt betreut mehr Fußfesselhäftlinge als die Justizanstalt Klagenfurt. Mario wurde ursprünglich wegen Körperverletzung (O-Ton: "Wegen einer blöden Schlägerei") zu vier Monaten Haft verurteilt. Weil er Besserung beteuert, einen fixen Arbeitsplatz hat und bei seinen Eltern wohnt, wurde seine Bitte um Fußfesseln erhört.

Er lebt zwar in Freiheit, aber frei ist er trotzdem nicht. "Er wird rund um die Uhr bewacht. Was das bedeutet, unterschätzen viele", sagt Andreas Schluger, Sozialarbeiter bei der Bewährungshilfe Neustart. "Die Betroffenen müssen einen genauen Zeitplan einhalten." Darin ist alles exakt festgehalten: Wie lange ein Verurteilter für den Weg zu seiner Firma brauchen darf, wie seine Arbeitszeiten sind, wann er Ausgang für einen Arztbesuch hat, wann er Einkäufe erledigen kann, wann er eine Stunde Zeit hat, spazieren zu gehen. Die restliche Zeit muss der Häftling zu Hause verbringen.

Alkomat und Arrest

Wenn Mario von seiner Arbeit einige Minuten später nach Hause kommt als im Zeitplan zulässig, wird Alarm geschlagen. Wie das geht? In seinem Haus wurde eine Überwachungs-Basisstation installiert, die aussieht wie ein Fax. Dieses Gerät ist mit der Überwachungszentrale der Justizanstalt verbunden und meldet sofort, wenn Mario und seine elektronischen Fußfessel nicht anwesend sind. "Dann fahren die Justizwachebeamten zum Wohnsitz des Betroffenen", sagt Alfred Gschwendner, Leiter der Bewährungshilfe Neustart. Wenn der Häftling gegen seine Auflage verstoßen hat, muss er ins Gefängnis. "Dieser Zeitdruck ist für viele Verurteilte ein extremer Stress", weiß der Experte.

Frau W. (52), eine Ladendiebin, hat drei Monate elektronische Überwachung hinter sich: "Ich musste jede Verzögerung der Justizwache melden. Stand ich beim Nachhausefahren im Stau, habe ich angerufen und die Verspätung begründet. Dafür bekommt man ein eigenes Handy." Ihre Fußfessel hatte Frau W. stets unter Stiefeletten versteckt. Weil sie einmal Alkoholikerin war, hatte sie auch einen Alkomaten in ihrer Wohnung stehen. "Da läutete Abends oft unangekündigt das Telefon und die Justizwache forderte mich auf, einen Alkotest zu machen." Das Gerät ist mit einer Gesichtsfelderkennung ausgestattet, damit ja kein anderer ins Röhrchen bläst.

Frau W. hat sich an alle Auflagen gehalten. Nun ist sie frei. Das Gefängnis, sagt Frau W., wäre ihr Untergang gewesen. "Während der Haft hätte ich meine Wohnung verloren, meine Katzen weggeben müssen und meine Schulden nicht zurückzahlen können.

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Peter Prechtl (Vollzugsdirektion Wien) über die Überwachung

Kleine Zeitung

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