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Zuletzt aktualisiert: 15.06.2012 um 20:33 UhrKommentare

Günther Domenig: Tod eines Visionärs

Ein Streitbarer und Kostbarer: Günther Domenig starb am Freitag im Alter von 77 Jahren in seiner Grazer Wohnung. Der gebürtige Klagenfurter hatte mit seinen visionären Ideen der Architektur neue Tore geöffnet.

Foto © APA

"Meine Abrechnung" kündigte die Einladungskarte an. Was am 16. Mai 2001 Menschenmassen in den Hörsaal 1 der Grazer Technischen Universität lockte. Zur Abschiedsvorlesung von Günther Domenig als Professor für Gebäudelehre, Wohnbau und Entwerfen, als der er mehr als zwei Jahrzehnte zahllose Planer prägte. Ganz so schlimm wurde es nicht, aber ein paar verbale Watschen verteilte der streitbare Architekt schon, gab dem bösen Buben Raum, dem "Demonig", wie er sich gern selbst nannte. Auch in seiner Kärntner Heimat, die er einmal sogar als "Auschwitz der kulturellen Hoffnung" bezeichnete, wurde er diesem Image gerecht.

Günther Domenig genoss es aber auch, kühne Architekturen auszuhecken, die Grenzen des Machbaren auf ihre Elastizität hin zu testen. Diese Tests führte er zunächst gemeinsam mit Eilfried Huth durch, danach solo, in Partnerschaften mit Hermann Eisenköck und Herfried Peyker, zuletzt mit Gerhard Wallner.

Teils mit Huth schuf der 1934 in Klagenfurt Geborene in den 1960er-und 1970er-Jahren Ikonen jenes Architekturdenkens, das als "Grazer Schule" internationale reüssierte: die Pädak Graz-Eggenberg, die Filiale der Zentral- sparkasse in Wien-Favoriten oder die Funder-Bauten in Glandorf und St. Veit an der Glan. Auch das Landesausstellungsgebäude in der Heft, das Stadttheater Klagenfurt und das Wiener T-Center sind weitere Marksteine.

Aufsehen erregte Domenig Ende der 1990er-Jahre auch mit dem Nürnberger Dokumentationszentrum. Ort: das Reichsparteitagsgelände, wo ab 1927 die Hitlers Horden ihre Aufmärsche abhielten, von 1933 bis 1938 die NSDAP sechs Mal ihre Parteitage als größenwahnsinnige Spektakel zelebrierte. Domenigs Entwurf bündelte die Qualitäten des Planers. In zahllosen Skizzen umkreiste er das Thema, sammelte Informationen und Material. Aufgewachsen in einer strammen nationalsozialistischen Familie sah er in diesem Projekt auch einen Akt eigener Geschichtsaufarbeitung.

In der Zeitschrift "Architektur & Bau Forum" beschreibt er seine emotionale Annäherung so: "Mein spontaner Gedankengang war: Ich zerschieße diese rechten Winkel und ich zerschieße diese Achsen. Ich mache ein Gegenbild dieses materiellen Wahnsinns."

Im Sinn dieser Aggressivität "schoss" der Künstlerarchitekt eine Glas-Stahl-Rampe in den Ziegelleib des Speer'schen Halbrunds, führt zu Aussichtsplattformen, von welchen der Blick auf die Menschen verachtende Dimension des monströsen Kitsches möglich ist.

Domenig flog gern auch aus seinem Architektennest, denn schließlich verstand er sich als bildender Künstler: Er war der Erfinder des Vogels Nixnutznix, eines dynamischen, stählernen Viehs aus den 1970er-Jahren. Er stellte Grafiken aus. Er schuf Bühnenbilder und Kostüme für die "Elektra" von Richard Strauss (1995) und für "Moses und Aron" von Arnold Schönberg (1998) an der Grazer Oper.

In seinem Steinhaus in Kärnten setzte Domenig seine skulpturalen Vorstellungen von Architektur ohne Abstriche um. Immer mit großer Liebe zum Detail, aber nicht zu jenen Kleinlichkeiten, zu denen das Bau-Gewerbe in der wirklichen Welt meist unbarmherzig nötigt. Wie sagte mir einst vor Ort ein verständnisvoller Baupolier auf Fragen nach schnöder Funktionalität im schönsten Kärntnerisch? "Solchane Klaanichkeiten intaressiern in Herrn Profeesa net."

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Auszeichnungen

  • Österreichischer Bauherrenpreis für die Pädak Graz-Eggenberg (1967), die Z-Zweigstelle Favoriten Wien (1981), das Kraftwerk Frauenburg in Unzmarkt (1989), die Landesausstellung Kärnten (1995), das ReSoWi-Zentrum in Graz (1997), die Generalsanierung des Stadttheaters in Klagenfurt (1998).

    Großer Österr. Staatspreis (2004).

    Österreichischer Staatspreis für Architektur und Österreichischer Bauherrenpreis für das T-Center St. Marx (2006).

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