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    Zuletzt aktualisiert: 23.12.2012 um 05:11 UhrKommentare

    Das Unmögliche anpeilen

    Intendantin Anna Badora hat dem Grazer Schauspielhaus Höhenflüge beschert: die Wahl-Grazerin über Preise, Perspektivenwechsel und ihr Publikum. JULIA SCHAFFERHOFER

    Foto © Lupi Spuma

    Um es in der Theatersprache zu sagen: Seit Anna Badora 2006 die Intendanz des Schauspielhauses Graz übernommen hat, sind Erfolge "gefallen" wie der rote Vorhang. Also verlässlich. Der spießig unbewegliche Zustand eines Stadttheaters ist nun Geschichte. "Graz ist zu einem europäischen Theaterort geworden", erklärte die Intendantin vor zwei Jahren. Einspruch? Nicht vonnöten.

    Dass das so ist, hängt mit Badoras Kurs von konsequent suchenden Blicken über den Tellerrand, dem Mut, (auch) scheitern zu dürfen, Inhalten mit Widerhaken oder politischer Brisanz und jungem, aufregendem Gegenwartstheater zusammen.

    Die Erfolge der letzten Jahre lassen sich aber auch so lesen: Als einziges Haus Österreichs ist das Schauspielhaus Graz in der Europäischen Theaterunion vertreten, das nährt neue Experimentierfelder.

    Internationale Höhenflüge

    Stücke aus Graz werden zu internationalen Festivals wie dem Berliner Theatertreffen oder dem Heidelberger Stückemarkt eingeladen. Im Vorjahr bekam Theatermagier und Stammgast Viktor Bodo für "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" in Russland "Die goldene Maske" für die beste ausländische Produktion verliehen. Die Liste ist lang. Sehr lang.

    Bitte sehr: 2011 wählte "Die Presse" die gebürtige Polin zur Kulturmanagerin des Jahres. Heuer erhielt sie den Nestroy-Preis für die beste Bundesländeraufführung für die hochgelobte Inszenierung von "Geister in Princeton", Autor Daniel Kehlmann erhielt dafür übrigens den Autorenpreis. Dass mit Claudius Körber eines ihrer Ensemblemitglieder den Publikumspreis erhält, spricht für die hohe Akzeptanz beim Publikum.

    Das Voting zur "Grazerin des Jahres" durch unsere Leser bekräftigt das. Der Sieg in der Kategorie Kultur freue sie sehr. Denn: "Hinter einer Stadtzeitung stehen die Leser, die Bürger dieser Stadt. Und wenn diese Menschen die Arbeit ihres Schauspielhauses würdigen, indem sie mich als Intendantin stellvertretend für das Haus auszeichnen, ist mir das Freude, Belohnung und Ansporn."

    Stolz mache sie etwas anderes: der "enorme Zuspruch der Bevölkerung, der mir überall begegnet", selbst auf der Straße. Zu sagen, Anna Badora hat das Schauspielhaus auch in Richtung theaterunerfahrenes Publikum geöffnet, ist keine platte Worthülse.

    Feiern mit Faust & Co.

    Sie feiert den Saisonauftakt mit einem riesigen Theaterfest, hat zig neue Formate auf Probebühne oder Ebene 3 eingeführt oder letztes Jahr mit drei Regisseuren 200 Grazer gratis zum Training eingeladen. Neuester Streich: der "Brutkasten", bei dem junge Leute mit Schauspielerinnen und Schauspielern frühstücken. Mit Fragen löchern inklusive.

    Hinter all ihrer Arbeit steckt ein klares Bekenntnis zu dem, was Theater - gerade in Krisenzeiten - imstande ist zu leisten: "Es erlaubt die notwendige Reflexion gesellschaftlicher Realität und setzt der ökonomischen Ideologie des ewigen Wachstums andere Werte entgegen."

    Als Wahlgrazerin weite sie ihren Blick, wenn sie, "wann immer es möglich ist", mit ihrem Mann die mehr als 260 Stufen zum Uhrturm hinaufsteigt und von oben hinunterschaut.

    Bis zum Kern schälen

    Perspektivenwechsel nimmt Badora auch mit einer anderen Leidenschaft, Naturwissenschaften, vor: "Unseren Sinnen und dem sogenannten gesunden Menschenverstand können wir nicht unreflektiert trauen. Das Hinterfragen, das Entfernen von Schale um Schale, um endlich den Blick auf den Kern zu erlangen, das fasziniert mich sehr."

    Ihr Vorsatz fürs neue Jahr: "Das Unmögliche anzupeilen, um das maximal Mögliche zu erreichen." Davor wird aber noch Weihnachten gefeiert: mit ihrem Mann und den drei Söhnen "aus aller Herren Länder" und einer Weihnachtsgans in Düsseldorf.


    AUF AUGENHÖHE

    Anna Badora wurde 1951 in Tschenstochau (Polen) geboren, studierte Schauspiel in Krakau und später (als erste Frau) Regie am Reinhardt-Seminar. 1991-1996 war sie Direktorin am Staatstheater Mainz, bis 2006 Intendantin am Düsseldorfer Schauspielhaus. Seit 2006 ist sie Intendantin des Schauspielhauses Graz. Für ihre Inszenierung von "Geister in Princeton" erhielt sie 2012 den Nestroy.

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