"Man glaubt, man ist in New York"
Fotograf und Ausstellungsmacher Christian Jungwirth über die vom Abriss bedrohte Halle 8, die große Welt im kleinen Graz und seine fünf Minuten mit Angela Merkel.

Foto © Sabine HoffmannDie Halle 8 ist die Kulisse für Jungwirths jüngsten Coup: eine Ausstellung des Belgiers Marc Lagrange
Herr Jungwirth, aus Sicht des Fotografen: Wo ist der schönste Ort in Graz?
CHRISTIAN JUNGWIRTH: Hier, die Halle 8. Das ist eine ganz nüchterne Industriearchitektur, die es leider bald nicht mehr gibt. Die Halle soll ja nach der Marc-Lagrange-Ausstellung abgerissen werden. Dabei wäre sie schützenswert. Wenn man hier ist, riecht und spürt man richtig, was hier jahrelang passiert ist.
Haben Sie deswegen hier die Fotoausstellung mit Greg Gorman und jetzt Marc Lagrange gemacht?
JUNGWIRTH: Ja, dass die Kunstwelt in die alte Arbeitswelt Einzug hält, gefällt mir. Aber wenn die Halle 8 weg ist, dann gibt es diese alte Arbeitswelt in Graz nicht mehr. Hier in dieser Halle glaubt man, man ist in New York oder einer anderen Metropole. Daher versuche ich mich dafür einzusetzen, dass sie auch nach der Ausstellung stehen bleibt. Da sind auch andere bekannte Grazer dahinter, weil es wirklich die letzte Halle ihrer Art ist. Aber das Ganze kostet viel Geld und die Stadt hat ja leider keines, um die Halle zu kaufen und zu retten.
Jetzt kennen wir den schönsten Ort. Wo ist Graz hässlich?
JUNGWIRTH: (überlegt) . . .
Oder gibt es für einen Fotografen keine hässlichen Orte?
JUNGWIRTH: Ich steh' ja auf hässliche Orte, vor allem, wenn man Gegensätze einfangen kann. Was gibt es Schöneres, als ein Modeshooting an einem verdreckten, schmutzigen Ort zu machen?
Sie kommen viel herum, fotografieren in der ganzen Welt: Was hält Sie in Graz?
JUNGWIRTH: Graz ist "charming". Durch das Reisen erkenne ich, wie toll die Stadt eigentlich ist. Es passiert viel, alles ist klein und überschaubar - manchmal halt zu klein.
Dann holen Sie mit Star-Fotografen wie Greg Gorman die große Welt in dieses zu kleine Graz.
JUNGWIRTH: Das Konzept hatte ich schon lange im Hinterkopf, aber nie die passende Location. Ich habe einmal beim Land wegen der Orangerie angefragt, noch vor dem Umbau, aber das hat nicht funktioniert. Dann haben wir unser Studio so umgebaut, dass vom Studio eigentlich nichts mehr übrig blieb, die ganze Technik war draußen. Damit konnten wir ab 2009 hier die erste Ausstellung machen - gleich mit Großmeister Paolo Roversi.
Wie kommt man als Fotograf aus Graz eigentlich zu solchen Größen?
JUNGWIRTH: Das geht relativ schnell in der heutigen Zeit. Man schreibt dem Fotografen, den man haben will, eine E-Mail mit der richtigen Formulierung, hängt Bilder dran - das war es.
Braucht es da ein großes Netzwerk?
JUNGWIRTH: Nein. Es braucht ein gutes Team. Ohne Birgit Enge könnte ich das alles nicht machen. Ein Beispiel: Im Herbst machen wir eine Ausstellung mit Steve McCurry. Dem hab ich eines Abends um 22.46 Uhr die E-Mail mit der Anfrage geschickt. 18 Minuten später läutete mein Telefon: "Hello, this is Steve." Er saß gerade vorm Computer, hat sich meine Homepage angeschaut, hat Greg Gorman angerufen, um sich zu erkundigen - und dann mich. Der Kontakt ist nicht das Problem; das Problem ist die Zeit. Fotografen haben ja nie Zeit.
Wo machen Sie die Ausstellung mit McCurry, wenn die Halle 8 dann weg ist?
JUNGWIRTH: In meinem Atelier am Opernring - außer es fällt mir noch eine andere Blödheit ein. Wobei: Ich bin immer noch Fotograf, kein Galerist. Ich fotografiere, um mir mein Hobby leisten zu können und Dinge zu ermöglichen. Dinge, von denen ich glaube, dass sie auch anderen gefallen.
Mittlerweile strahlen die Ausstellungen auch schon über Graz hinaus.
JUNGWIRTH: Wenn man sich die Kennzeichen am Parkplatz ansieht, erkennt man: Die Leute kommen oft aus Wien, Slowenien oder Kroatien. Diese Kombination "Erstklassige Fotografie trifft alte Industriehalle" gibt es sonst nur in Metropolen. Daher kommen die Leute her.
Was unterscheidet das gute vom perfekten Foto?
JUNGWIRTH: Perfekt, das klingt nach perfekter Technik. Aber das ist nicht das Kriterium. Das Foto muss den Betrachter fesseln, es muss etwas auslösen. Gerade durch die Bilderflut heute muss man sich besonders bemühen, sich abzuheben. Fotograf ist ja heute jeder.
Analog oder digital?
JUNGWIRTH: Eigentlich bin ich ein alter Analoger. Ich habe diese Technik geliebt, da hat man das Fotografieren noch können müssen. Mittlerweile muss ich aber sagen: Die Digitalfotografie ist besser als die analoge. Wobei: Das analoge Bild ist oft nach wie vor das bessere, weil es fehlerhaft ist und so mehr Charme hat.
Inszenierung oder Schnappschuss?
JUNGWIRTH: Inszenierter Schnappschuss. Inszenieren hat ja mit der Idee im Hintergrund zu tun. Die muss man dann so weit treiben, dass man einen Schnappschuss machen kann.
Welche bekannte Person wollen Sie noch fotografieren?
JUNGWIRTH: Schwierig, ich habe schon einige Prominente fotografiert. Lieber fotografiere ich normale, unspektakuläre Leute. Leute, die eigentlich nicht fotogen sind. Aus denen etwas Tolles zu machen, ist spannend. Fotogene Menschen kann ohnehin jeder fotografieren.
Wen hatten Sie schon vor Ihrer Linse?
JUNGWIRTH: Papst Johannes Paul II. konnte ich auf einigen Reisen begleiten oder Angela Merkel für ein Plakat in Deutschland. Bei Merkel hatte ich fünf Minuten! Ich fliege mit meinem ganzen Equipment nach Berlin, die angekündigten zwei Stunden Zeit werden immer weniger, und als Merkel selbst hereinkommt, sagt sie: 15 Minuten. Ich hab der Visagistin zehn Minuten gegeben, dann hatte ich noch fünf. Aber es hat funktioniert.
Features
Auf Augenhöhe
Christian Jungwirth (51) hat schon als Jugendlicher mit dem Fotografieren begonnen. Der Fotograf ist Autodidakt. Seit 1989 hat er das Atelier Jungwirth am Opernring, seit 2009 veranstaltet er dort regelmäßig Ausstellungen. Aktuell: Marc Lagrange in der Halle 8 und Horst Stasny im Atelier.










