Nächster Stopp: Kiswahili
Dass Graz 150 Sprachen spricht, ist noch nicht bei allen Behörden angelangt. Eine Sprachreise.

Foto © HoffmannBarbara Schrammel nimmt Meldezettel & Co ins Visier
An manchen Tagen verhängt sie über ihre Familie ein Deutsch-Verbot. "Ich will, dass meine Kinder auch Tschetschenisch sprechen", sagt Sulichan Hsueva. Vor sieben Jahren strandete die heute 28-Jährige auf ihrer Flucht vor dem grausamen Krieg in Österreich.
Hier durfte sie endlich wieder Tschetschenisch sprechen, ihrer Heimat einen Namen geben. Deutsch? "Ich konnte kein Wort", sagt sie. Das ist lange her. Sie besuchte einen Deutschkurs. Sechs Wochen lang. "Den Rest habe ich mir selber beigebracht", sagt Hsueva. Die Mutter von vier Kindern ist Dolmetscherin für den Verein Zebra oder das Sozialamt. "Darauf bin ich sehr stolz." Sagt sie, müsste sie aber nicht, das sagt jedes einzelne Wort auf Deutsch. Für ihre Kinder ist Deutsch selbstverständlich: "Die sagen: Wir sind hier, also sprechen wir Deutsch." Tun sie auch, bis eben auf das Deutsch-Verbot.
Sieben auf einen Streich
Hsueva ist eine der Sprachlehrerinnen im Sprachenbus (siehe Info), der am 24. September als Projekt von Treffpunkt Sprachen, Akademie Graz, Theater im Bahnhof und Pavelhaus auf der Linie 31 verkehrt. Das Ziel der Aktion: Mehrsprachigkeit sichtbar zu machen. Und Graz ist mehrsprachig! 150 Sprachen könnten geschulte Ohren lauschen.
Im Sprachenkurs hören die Mitfahrer Berberisch, Slowenisch, Chinesisch, Dari, Luo und Kiswahili von Native Speakers, inklusive Lebensgeschichten.
Wie viele Grazer Kiswahili sprechen, wie es etwa in Tansania, Kenia oder Uganda gesprochen wird, lässt sich nur schwer ermitteln. "Dem Präsidialamt der Stadt Graz sind mit Ende 2008 14 Personen mit kenianischer oder tansanischer Staatsbürgerschaft bekannt", sagt Barbara Schrammel vom Institut für Sprachenforschung der Uni Graz, die im Rahmen des Projekts "Linguistic Landscape" Sprache und Schrift im öffentlichen Raum analysiert: Straßenschilder, Plakate, Graffiti, Formulare, Gackerl-Sackerl, usw.
Ein schwieriges Unterfangen. Mehrsprachigkeit wird meist nur über Nationalität erhoben. Erstes Fazit: "Zwischen 8010 Graz und 8020 Graz, also zwischen den Murseiten, bestehen große Unterschiede in der Mehrsprachigkeit: In 8020 gibt es, bedingt durch Migration, mehr natürliche Mehrsprachigkeit, in 8010 mehr gelernte." Die meisten Dolmetscher säßen links der Mur, merkt Astrid Kury, Präsidentin der Akademie Graz, kritisch an.
Zwei-Sprachen-Gesellschaft
Schrammel hat bislang noch mehr Beispiele für die Zwei-Sprachenklassen-Gesellschaft gesammelt: "Online zum Beispiel findet man keine fremdsprachigen Meldezettel, die muss man anscheinend im Magistrat abholen." Vor Ort gäbe es dann Englisch, Bosnisch, Serbisch, Kroatisch und Türkisch. Für die Mülltrennung etwa gebe es Pläne, nur sind diese nicht angebracht. Oder: Die Pflichtfächer an AHS orientieren sich am Westen. "Slowenisch wird in keiner einzigen höheren Schule als Pflichtfach gelehrt", meldet das Pavelhaus. Schrammel: "Türkisch ist noch am ehesten präsent."
Woran's im Alltag hapert, weiß Hsueva: "Viele Frauen gehen nicht zum Arzt, weil nicht übersetzt wird." Hier spaltet Sprache.
Dagegen wird sie in den Sprachenbus steigen. Für Tschetschenisch und Deutsch. Im Gepäck: ihre Muttersprache und Halwa, ein tschetschenischer Kuchen.










