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Zuletzt aktualisiert: 05.07.2010 um 09:46 Uhr

Das Leben hinter dem Schleier

Erst nach ihrer Hochzeit griff Doaa Osman zum Kopftuch. Seit sieben Jahren verschleiert die 40-jährige Seiersbergerin auch ihr Gesicht. Das "Burka-Verbot" aus Sicht einer Betroffenen.

Die Frauen der Familie Osman: Salma (18), Doaa (40), Rahma (16), Marfwana (14)

Foto © Jürgen FuchsDie Frauen der Familie Osman: Salma (18), Doaa (40), Rahma (16), Marfwana (14)

Ein sommerlicher Nachmittag, Temperaturen über 30 Grad. Statt im Bikini sitzen die Frauen der Familie Osman in Seiersberg mit langärmeligen Blusen und Kopftuch im schattigen Garten. In ihrer Mitte Doaa Osman - die Mutter der Familie, von oben bis unten eingehüllt in schwarzen Stoff. Seit sieben Jahren trägt Doaa den Niqab, eine Vorstufe zur Burka, und gibt zu: "Natürlich ist es sehr warm, was glauben Sie denn?" Warum sie ihn dennoch nicht ablegt? Die älteste Tochter Salma erklärt: "Das ist wie bei Zusatzaufgaben bei einer Mathematik-Schularbeit. Wenn ich die Zeit habe und genug weiß, dann mache ich sie - und bekomme Zusatzpunkte." Durch das Tragen des Niqab sammle ihre Mutter Zusatzpunkte bei Allah.

Auch für die 18-Jährige will später einmal Niqab tragen. "Ich hoffe, dass ich einmal stark genug dafür bin." Pöbeleien und Beschimpfungen stehen für ihre Mutter nämlich an der Tagesordnung. "Aber diese zu ertragen, bringt noch mehr Gutpunkte", lächelt Doaa - mit ihren Augen. "Meine Frau trägt den Niqab aus Liebe", bringt sich da auch Vater Shahin, der sonst eher seine Frauen sprechen lässt, ins Gespräch. "Nicht aus Liebe zu mir, aus Liebe zu Allah.

Während Doaa ihren Niqab in der Grazer Öffentlichkeit tragen darf, ist das muslimischen Frauen in Belgien seit Mai nicht mehr erlaubt. In Spanien steht das "Burka-Verbot" in den Startlöchern und im französischen Senat wird kommende Woche über einen Gesetzesentwurf diskutiert. Am Mittwoch wurde auch im Rechtsausschuss des Vorarlberger Landtags ein dementsprechender Antrag gutgeheißen. Kommt das "Burka-Verbot" schließlich auch in Graz?

Unklare Begriffe

Die Meinungen sind geteilt. Mehr als die Hälfte der Befragten will sich nicht zu einem Verbot äußern. Ein Großteil der Grazer gibt an, nichts mit dem Begriff Burka anfangen zu können, obwohl 44 Prozent schon einmal eine Frau in Burka in der Landeshauptstadt gesehen haben wollen.

Roswitha Al-Hussein vom Grazer Verein Somm (Selbstorganisation von und für Migrantinnen und Musliminnen) glaubt das nicht: "Unseren Informationen nach gibt es in Graz keine Frauen, die Burka tragen - in ganz Österreich sind es vielleicht drei oder vier." Ein gesetzlicher Vorstoß für ein "Burka-Verbot" ist für sie Populismus. "Warum spricht man nicht von einem Niqab-Verbot? Weil Burka mit Afghanistan und mit Terror in Verbindung gebracht wird." Ein Burka-Verbot ist somit Terrorbekämpfung.

Terrorbekämpfung, die zulasten der Frauen gehe, meint Doaa. Für sie würde ein Verschleierungsverbot bedeuten, nicht mehr auf die Straße gehen zu können. Momentan unterrichtet die Juristin zweimal wöchentlich Kinder in Arabisch. Nicht nur das wäre danach nicht mehr möglich. Das politische Argument der Frauenbefreiung gilt für Doaa nicht: "Ich will und muss doch gar nicht befreit werden." Den Niqab trage sie nur in Gegenwart fremder Männer. "Und ich trage trotz Niqab Make-up und habe Schleier in unterschiedlichen Farben. Ich bin trotz Niqab eine modebewusste, selbstbewusste Frau."

Folgt das Kopftuch-Verbot?

Areezo Hashemi, Mitarbeiterin von Somm, fürchtet, dass ein Burka-Verbot nur der Anfang sein könnte und die politische Diskussion in einem Kopftuch-Verbot enden könnte. Sie trägt den Hijab aus religiöser Überzeugung. Obwohl es ihr das Leben nicht leichter macht. "Als Pflegehelferin habe ich wegen des Kopftuchs keine Anstellung gefunden." Sie kenne auch Frauen, die das Kopftuch abgelegt haben, weil ihre Kinder in der Schule verspottet wurden. "Es ist seltsam. Ich bin integriert, spreche die Sprache, sortiere sogar meinen Müll - aber solange ich das Kopftuch trage, scheine ich kein vollständiger Teil der Gesellschaft zu sein."

Die Mädchen der Familie Osman stellen sich der Öffentlichkeit dennoch. Die 10-jährige Tabarak wird ab Schulbeginn ein Kopftuch tragen und Salma fiebert der Aufnahmeprüfung für das Medizinstudium in der kommenden Woche entgegen. Und dann gibt es vielleicht bald eine Grazer Ärztin mit Kopftuch.

HEIKE KRUSCH

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Grafik © Kleine Zeitung

Grafik vergrößernHijab, Tschador, Niqab oder Burka?Grafik © Kleine Zeitung

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