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Zuletzt aktualisiert: 03.07.2009 um 03:01 UhrKommentare

Aus der Liebe zum Wein

Die Jahrehauptversammlung des guten Geschmacks: Am steirischen Pogusch treffen sich heute die Top-Winzer Österreichs, um bei der Weinverkostung der Kleinen Zeitung die besten Weine der Steiermark zu küren. Der Publizist Helmut A Gansterer hat aus diesem Anlass eine Liebeserklärung an den steirischen Wein verfasst

Foto © Sujet/APA

Wir sind unter uns. Ich hoffe, dass keiner was weitersagt. Meine Kindheit war merkwürdig. Mit vier Jahren konnte ich das Magazin "Stadt Gottes" lesen. Mit fünf Jahren schrieb ich den "Hundertjährigen Bauernkalender" ab. Mit sechs Jahren trank ich wie Jack London, aber nur Schokoladelikör, den mir die Magd reichte, um meinen unruhigen Geist zu bessänftigen.

Der Wein kam viel später. Die Isaac Stern, der weltberühmte Geiger, darf ich sagen: "Die ersten drei Jahre meines Lebens habe ich rein verplempert." Der Wein kam viel später, zeitgleich in Griechenland und der Steiermark. Ein griechischer Lehrer, der fünf Jahre Deutschland hinter sich hatte, erzählte auf einer Insel von Aristoteles. Er sprach vom Denken und vom Denken-im-Gehen und vom Wein. Und vom unverbesserlichen Spieltrieb der Männer: "Spielregeln sind älter als alle Gesetze." So lernte ich den Wein und das Spiel. Bald darauf, bei einem Halma-Spiel in Lockenhaus, an der Grenze von Niederösterreich und Burgenland, traf mich zweifach der Blitz. Erstens als Lockenhauserin, zweitens als steirischer Wein, der köstlicher war als der geharzte Retsina. Heute weiß ich: es war ein Steirerwein der Anfänge. Er war so sauer wie er billig war. Meine Liebe verdankte er der Abwesenheit von Harz.

Weinliebe. eine nächste Etappe zur heutigen Weinliebe hieß Joching. Dort war ein Mann zugange, den alle fairen Winzer den "Doyen des Österreichischen Weinbaus" nennen. Josef Jamek war es, der 1960 den ersten Riesling sortenrein, lagenrein und naturbelassen füllte, ohne jede Zuckerung, eine damals extrem tapfere Entscheidung. Viele Kenner rechnen dies als Geburtsstunde der Wachauer Weltklasse.

Bescheiden. Ich lernte den Grandsigneur vor seiner Übergabe 1996 an Tochter Jutta und Schwiegersohn Hans Altmann kennen, die sich heute mit eigenen Kindern als glänzende Nachfolger erweisen. Josef Jamek ist unendlich bescheiden, und so wie viele Naturverbundene verblüffend witzig.

Ein Beispiel: Ich war mit meinem tapferen Vater im offenen BMW-Cabrio nonstop von Belgien in die Wachau gefahren, eher zügig, getrieben von Hunger und Durst. Wir landeten sonnverbrannt und fix & foxi. Josef Jamek schob nach unserer Jause Weinkartons in den Kofferraum. Ich sagte ihm, das ginge nicht, ich sei Journalist. Er sagte mir, ich sei ihm egal, aber er schätze meinen geplagten Vater. Dieser hätte einen rücksichtsvolleren Sohn verdient. Mein Herr Papa, der vor zwei Monaten starb, hat ihm das nie vergessen.

Weltklasse-Ruf. Ein paar unscharfe Erinnerungen an die Zeit, als die steirischen Winzer noch hart am heutigen Weltklasse-Ruf arbeiteten. Wer in Wien billig trinken wollte, suchte Weinstüberln auf, die Welschriesling boten.

Entschlossen. Manchmal saßen die Spediteure noch dort und erzählten Sagenhaftes über den steirischen Weinbau. Man sei finster entschlossen, zur Weltspitze aufzuschließen. Meine Lieblings-Geschichte handelt vom Winzer X (ich wage es nicht, den Namen zu nennen). Dieser habe mit Steirer-Power die Natur korrigiert. Er habe mit Hilfe von zehn gemieteten Caterpillars über Nacht seine Nordhänge zu Südhängen gemacht. Auch wenn mich alle Grün-Missionare steinigen: bis heute wünsche ich, diese Geschichte sei wahr. Eigentlich glaube ich sie eh. Ich feiere sie als Glanzlicht der zupackenden grünen Panther, die ihr Bundesland auch in anderen Branchen auf die Überholspur brachten.

Tragödie. Aus dieser Zwischenzeit ist eine einzige Tragödie erinnerlich. Ich schrieb wahrheitsgemäß, mein Gesicht gliche nach dem Genuss des (damaligen) Schilchers dem Anus der Kuh. Das war keine tolle Formulierung, aber ich prüfte den Effekt im Spiegel. Man darf von korrekter Darstellung sprechen. Gleichwohl wurde ich von den letzten humorlosen Steirern mit einer Klage bedroht. Das wäre heute nicht mehr denkbar. Die Schilcher-Steiermark hat alle Spiegel entfernt.

Vielversprechend. pätere Generationen werden sich leicht tun, den Aufstieg des steirischen Weines in den Olymp zu datieren. Sie werden sagen, dies sei pünktlich zum Millennium geschehen. Tatsächlich aber waren die Besten schon früher dran, und Vielversprechende sind knapp vor dem Sprung. Heute gilt im Sinne des Philosophen Spinoza, dass die normalen Weine der Steiermark der Welt Bestand geben, und die außergewöhnlichen Weine der Steiermark der Welt den höchsten Wert geben.

Weiterentwicklung. Meine persönliche Weinliebe, deren Reifezeit auf ein träges Gemüt schließen lässt, hat nichts mit der wunderbaren Weiterentwicklung des österreichischen Weins zu tun. Oder nur am Rande. Ich war schon beeindruckt, als Parker & Co und alle Feinspitz-Medien immer lauter klatschten. Aber ich brauchte mangels Sachverstand einige Menschen, die mir zum richtigen Glauben verhalfen.

"Weinpfarrer". Der wichtigste war der mit Recht so genannte "Weinpfarrer" Hans Denk. Er glänzt mit der höchsten Zustimmungsrate seiner Schutzbefohlenen in mehreren Gemeinden rund um die Wehrkirche Albrechtsberg. Die zweitwichtigste war seine kongeniale Managerin Vera Zedka, der drittwichtigste der "Weinprofessor" Bernulf Bruckner. Dessen Buch "Der Weinpfarrer Denk" (Untertitel: Beichtgespräche, Verlag NP) ist ein grandioser Begleiter für Leute wie mich. Das Bruckner-Buch nicht gelesen zu haben, gleicht einer Selbstverstümmelung. Zur Illustrierung des Lusteffekts: Was vor dem Buch ein Achtel Most war, ist nach dem Buch ein Viertel der Steirischen Klassik. Man wird dann auch gern statt 50-Cent-Münzen eine Euro-Banknote in den Opferstock der Kirche Albrechtsberg werfen.

Teilzeit-Wiener. Als Niederösterreicher und Teilzeit-Wiener, also Botschafter wichtiger Wein-Bundesländer, registriere ich grimmig, dass der Steirer-Wein die mächtigste Marketing-Waffe führt. Die jährliche Weinverkostung der Kleinen Zeitung am Pogusch ist für Jahrhunderte unschlagbar. Für das ländliche Steirereck gibt es keinen Ersatz. Die Wirtsleute Heinz & Margarethe Reitbauer sind auch altmodisch treu. Sie würden niemals mitten im Pferd die Flüsse (sic!) wechseln, um kein Gold der Welt. Sie haben viele Jahre lang auch in Wien gezeigt, was Charakter heißt. Die Kinder, die nun das Steirereck im Stadtpark führen, sind vom gleichen Schlag.

Wein-Tipps. Ich versuche als Niederösterreicher, die steirische Veranstaltung zu sabotieren, so gut ich's halt kann. Ich gebe seit zirka 100 Jahren als Juror meine ehrlichen steirischen Wein-Tipps ab, was anfangs zu höchster Verstörung führte, mittlerweile aber als "Trottelprobe" ins Gegenteil umgerechnet wird. Ich verwickle schimmernde Gäste wie Simonischek, Moretti, Steinhauer, Hoss, Muster und Roth in lange Gespräche, um sie vom steirischen Wein fern zu halten. Und ich halte mit dem Sänger & Dichter Willi Resetarits den Weltrekord in versuchter Pogusch-Vernichtung.

Kostproben. Leider misslang auch diese. Wir gingen zwar erst um 10.30 Uhr des nächsten Morgens, zwanzig Stunden nach dem Beginn der Veranstaltung. Man winkte uns aber fröhlich nach. Zur Demütigung gab die Steirereck-Mannschaft noch ein Plastiksackerl mit, darin Aspirin und Alka-Seltzer und Basenpulver und Wurzelspeck und Brot und kleine Kostproben vom steirischen Wein.


Wussten Sie...

. . . dass in Österreich vor dem Glycol-Skandal 1985 doppelt so viel Wein - allerdings von eher niedrigerer Qualität - produziert wurde als heutzutage?

. . . dass die rund 3000 steirischen Weinbaubetriebe im Schnitt eine Fläche von 1,4 Hektar bewirtschaften? Vor zehn Jahren waren es noch 0,6 Hektar je Winzer.

. . . dass die steirische Wein-Anbaufläche Ende des 19. Jahrhunderts (also inklusive der damaligen Untersteiermark) mit 35.000 Hektar achtmal so groß war wie heute?

. . . dass einst Erzherzog Johann stark zum Aufschwung des steirischen Weins beigetragen hat? Er ließ auf seinem Versuchshof 425 verschiedene Rebsorten erproben.

. . . dass die Österreicher pro Kopf und Jahr 29 Liter Wein trinken, die Italiener und Franzosen hingegen 50 Liter?

Wein-Glossar

Die wichtigsten Begriffe rund um das Thema Wein:

Abgang. Je länger der Nachgeschmack, desto differenzierter und kompakter der Wein.

Aceton. Ein Weinfehler, der im Geruch an Nagellackentferner erinnert.

Avinieren. Um Fremdgerüche von Spülwasser oder Gläserschrank zu vermeiden, macht man das Glas benutzerfreundlich und spült es mit Wasser aus.

Barrique-Fass. 225 Liter lagern im Eichenfass nach Bordelaiser Maß, das bei uns gängig ist.

Blanc de noir. Weißwein aus Rotweintrauben entsteht durch sanfte Pressung. Der Saft wird herausgelöst und von den Schalen getrennt, in dem sich die roten Farbstoffe befinden.

Burgunderstinkerl. Manche Weine wie Weißburgunder können ein sortentypisches "Stinkerl" aufweisen. Kein Weinfehler!

Eiswein. Viel Geduld und tiefe Temperaturen sind bei dieser Spezialität gefragt: Die Trauben reifen am Stock bis in den Winter hinein. Gelesen wird bei mindestens acht Minusgraden.

Kirchenfenster. Nach jedem Schluck entstehen durch Glyzerin je nach Komplexität und Dichte des Weins Schlieren auf dem Glas.

Klevner. Der Weißburgunder wird in der Steiermark mitunter Klevner genannt.

Nase. Schnupfnasen sind bei der Verkostung im Nachteil, denn die Nase "schmeckt" das Aroma oder Bukett des Weins.

Pegel- und Reparaturwein. Am Pegelwein orientiert man sich unmittelbar vor der Verkostung. Danach gibt's einen leichten Reparaturwein zur Gaumen-Entspannung und zum fröhlichen Weitertrinken.

Spiel. Wenn der Wein den Gaumen kitzelt und sich entfaltet.

Spitz. Wein mit übermäßiger unreifer Säure.

Tanninstruktur. Harmonische Weine haben "reife" Tannine (Gerbstoffe). "Unreife" Tannine schmecken am Gaumen bitter.

Weinstein. Der Bodensatz bringt keinerlei Qualitätseinbußen.

Mehr Begriffe unter:

www.weinausoesterreich.at

KLEINE.tv

Hohe Promidichte am Pogusch

"Und wer nicht da ist, der ist nicht wichtig", meint etwa Dominic Heinzl...Bewertet mit 2 Sternen

 

Fotoserien vom Pogusch

Weinverkostung am Weingut Neubauer in Spielfeld 

Weinverkostung am Weingut Neubauer in Spielfeld

 

Buchtipps

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