"Geiz ist geil, oder?"
Szene-Urgestein Michael Schunko über das Essengehen in Zeiten der Krise, den Grazer Gast, für den Geiz geil ist, und den Beinahe-Verkauf des Eckstein.

Foto © Montage FuchsDreierlei Schunko im Freiblick bei Kastner & Öhler
Die Vorweihnachtszeit ist für die Gastronomie ja üblicherweise eine Festzeit. Ist das Geschäft auch heuer krisensicher?
MICHAEL SCHUNKO: Bei uns im Eckstein läuft es gleich gut wie immer. Wir sind seit Mitte November ausgebucht.
Heißt das, die Grazer speisen noch ein letztes Mal auf der Titanic, geben jetzt Geld für feines Essen aus, nach dem Motto: Wer weiß, kommt 2012 der Eisberg?
SCHUNKO: Nein, die Krise ist zwar ein Stammtischthema, aber es ist so - wie schon 2009 -, dass die Menschen bei uns die Krise noch nicht spüren. Sie geben nicht weniger aus, gehen nicht öfter, aber auch nicht seltener aus als sonst.
Aber manche Wirte klagen, Firmen würden die Menüpreise immer mehr zu drücken versuchen.
SCHUNKO: Geiz ist geil - oder? Ja, da wird hart verhandelt, das ist aber schon seit ein paar Jahren so. Den Leuten geht es gut, sie geben gerne 3,50 Euro für ein gutes Glas Wein aus. Aber sie schauen auch überall, dass sie sich etwas rausschlagen können. Vor ein paar Jahren haben sie Preise für Menüs akzeptiert, jetzt haben sie keinen Genierer mehr und fangen zu verhandeln an und man muss ihnen entgegenkommen.
Wie geht es der Gastro-Branche in Graz übers Jahr gesehen?
SCHUNKO: Es fehlt uns ein bisschen an Kongress- und Städtetouristen, auch wenn das besser geworden ist. Insgesamt ist die Gastronomie gut aufgestellt. Wir haben in der Innenstadt ein hohes Niveau - mit Lokalen wie dem Santa Clara, dem Aiola, dem Landhauskeller. Waren im Bermuda-Dreieck vor 15 Jahren Samstag zu Mittag die Gehsteige hochgeklappt, haben wir im Eckstein sieben Tage die Woche offen, sind zu Mittag voll und der Sonntag ist auch ein starker Tag. Trotzdem fehlt es im Vergleich zu Wien, Salzburg und Linz an einigem.
Woran?
SCHUNKO: Eben an Touristen und auch an Businesskunden. Wir haben sehr starke Saisonen, aber zwischendurch bricht das einfach ab. Sind in Wien 350 starke Tage pro Jahr, sind es bei uns 250. Und der Grazer Gast gibt nicht so gerne viel Geld aus. Leute aus anderen Städten, die bei uns essen, fragen immer, wie wir solche Qualität so günstig anbieten können. Wir müssen kämpfen, können nicht mehr verlangen, weil in Graz nicht die Masse an Gästen für gehobene Gastronomie da ist und die, die kommen, nicht bereit sind, mehr zu bezahlen.
Zum Szene-Menschen Schunko und seinem Revier, dem "Bermuda". Sind Sie nicht traurig, dass das Bermuda nicht mehr die Partymeile ist wie einst?
SCHUNKO: Nein, wir haben 1995 gesehen, dass wir als Partymeile nicht überleben können und die Qualität heben müssen. Heute sind wir das Kulinarium, die Partyzone ist im Uni-Viertel. Wir hatten damals die gleichen Probleme wie jetzt die Uni-Wirte: Lärm, Saufrunden, Vandalen.
Ist es richtig, das dort nun mit einer Sperrstunde um zwei Uhr früh eindämmen zu wollen?
SCHUNKO: Nein. Die Wirte machen alles richtig, kontrollieren beim Eingang, schenken nichts an Jugendliche aus. Dass es vor ihrer Tür laut ist, kann man nicht ihnen in die Schuhe schieben. Das sind Fehler der Politik und der Polizei. Hätte die von Anfang an kontrolliert, wäre das in den Griff zu kriegen gewesen.
Zieht Schunko noch durchs Uni-Viertel?
SCHUNKO: Ja, aber nur noch ein Mal im Jahr mit einer Runde alter Freunde, dann sind wir im Orange oder bei den drei Affen.
Bürgermeister Siegfried Nagl dachte über eine Partymeile in Puntigam - fernab von Anrainern - nach. Ist das keine Lösung?
SCHUNKO: Das hat man ja beim WON (World of Nightlife) gesehen, das im Center West ja eine Disco und viele andere Lokale bot, das so etwas nicht funktioniert. Die Studenten leben in der Stadt, die gehen nicht an den Stadtrand zum Feiern.
Zurück zur gehobenen Gastronomie. Warum hat das Eckstein eigentlich keine Haube?
SCHUNKO: Ich will da gar nicht hin. Ich finde den Gault Millau gut, weil er Salz in die Suppe bringt. Aber wir sind einmal so unfair behandelt worden, seitdem mach ich da nicht mehr mit.
Was ist denn da passiert?
SCHUNKO: Die haben nicht die Qualität der Küche bewertet, sondern das Ambiente.
Und das hat nicht gefallen?
SCHUNKO: Er hat glatt "Schihütte" geschrieben ...
Sie sind jetzt seit 30 Jahren Szenewirt. Wie hält man das ganze Bussi-Bussi und Schulterklopfen so lange aus?
SCHUNKO: Ich habe damals mein Hobby zum Beruf gemacht und es macht immer noch Spaß. Und bei all den Sprüchen, die man so hört, weiß man ja, woran man ist.
Im letzten Jahr wollten Sie das Eckstein noch verkaufen. Hatten Sie da doch die Nase voll?
SCHUNKO: Ja, ich wollte verkaufen. Der Auslöser war, dass damals gesundheitliche Probleme im Raum standen. Da überlegt man, wie es weitergeht. Aber mir geht es gut und ich mache ja mit dem Freiblick auf dem Dach von Kastner & Öhler jetzt noch mehr. Dass ich das Eckstein nicht verkauft habe, hat andere Gründe, die ich nicht kommentiere.
Und was nervt Sie eigentlich so richtig an Graz?
SCHUNKO: Dass diese Stadt viel mehr Potenzial hätte, das sie nicht hebt. Denn jeder, der Ideen hat und etwas bewegen will, rennt hier gegen Mauern. Die Politik müsste Graz urbaner und offener gestalten. Aber dort nörgelt man lieber und pinkelt sich gegenseitig ans Bein. Und dann wundern sie sich, dass die Grazer auch alle so viel nörgeln.
Features
Auf Augenhöhe
Michael Schunko (47) hat in Erich Wegscheidlers Schloßbergrestaurant Koch und Kellner gelernt und ist seit 1980 in Graz Szene-Wirt.
Die Lokale: Seinen Start machte er mit dem Café Edith in Eggenberg, dann führte er die Haring, die Disco Monte Carlo, war Geschäftsführer im Maroni und hat seit 2003 das Eckstein, Eckstein-Catering (Sturm-VIP-Klub und List-Halle) sowie seit 2010 das Freiblick by Eckstein auf dem Kastner-Dach.












