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Zuletzt aktualisiert: 06.05.2011 um 19:40 UhrKommentare

Nahrung für die Spekulanten

Die Preise zahlreicher Agrar-Rohstoffe galoppieren von Rekord zu Rekord. Doch welche Rolle spielen Spekulanten?

n den vergangenen Monaten erreichten Kaffeebohnen, Weizen, Mais und Kakao neue Rekordpreise

Foto © APn den vergangenen Monaten erreichten Kaffeebohnen, Weizen, Mais und Kakao neue Rekordpreise

Die Aufregung war enorm im Juli des Vorjahres. An der Londoner Terminbörse sicherte sich das Handelshaus Armajaro - das gleichzeitig einen auf Rohstoffe spezialisierten Hedgefonds betreibt - rund sieben Prozent der weltweiten Produktion an Kakaobohnen. Die Preise explodierten und erreichte den höchsten Wert seit 33 Jahren. Kakaohändler und Verarbeiter sprachen von Marktmanipulation, die Berichtspflichten an der Londoner Börse NYSE Liffe wurden verschärft. Mittlerweile hat Armajaro diese Kakao-Bestände längst wieder abgegeben. Und dabei einen Verlust erlitten. Dennoch wird diese Transaktion als Machtdemonstration für schädliche spekulative Einflüsse am Agrar-Rohstoffmarkt gewertet.

Fakten

Bei 99 Prozent der heutigen Warentermingeschäfte erfolgt keine Lieferung einer Ware. Sie werden insbesondere zur Absicherung vor Preisschwankungen eingesetzt. Die großen Player sind Investmenthäuser, Banken und Fondsgesellschaften.

In den vergangenen Monaten erreichten zahlreiche Rohstoffe wie Kaffeebohnen, Weizen, Mais oder eben Kakao neue Rekordpreise, die sich zum Teil auch schon an den Preistafeln der Supermarktregale widerspiegeln.

Preisschwankungen

Das 34-Jahres-Hoch der Kaffeesorte Arabica an der US-Rohstoffbörse sei in erster Linie auf das spekulative Element zurückzuführen, betonte erst dieser Tage auch Harald Mayer, Präsident des österreichischen Kaffee- und Tee-Verbandes und Chef von Tchibo/Eduscho in Österreich.

"Mittlerweile ist das Volumen der Spekulationen schon 15 Mal größer als der Wert der Agrarproduktion", so der frühere EU-Agrarkommissar Franz Fischler.

Doch was versteht man eigentlich unter Rohstoffspekulation, warum beteiligen sich immer mehr Finanzinvestoren in diesem Handelssegment? Spekulation ist nicht gleich Spekulation. "Hier muss differenziert werden", so Franz Sinabell, Experte am Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo.

Die noch heute größte Warenterminbörse in Chicago war bereits 1848 gegründet worden. Beim Handel mit Rohstoffen und Waren spielten Termingeschäfte sehr schnell eine bedeutende Rolle. Hintergrund war das Interesse der Produzenten, das Preisrisiko zu reduzieren. Die Preise unterlagen und unterliegen großen Schwankungen. Als Agrar-Produzent konnte man sich beispielsweise zum Zeitpunkt des Weizenanbaus nie sicher sein, zu welchem Preis man die Produkte nach der Ernte verkaufen kann. Zur Absicherung wurden daher die Preise - für einen Teil der Ernte - bereits zuvor vertraglich festgelegt. Über sogenannte Termingeschäfte konnte man finanzielle Planungssicherheit erlangen. Eine Wette auf die Zukunft - aber aus Gründen der direkten Betroffenheit. "Auch die Mühlen müssen mit Bäckern Verträge eingehen, weil sie nicht wissen, was die Ware zum Lieferzeitpunkt kostet. Solche Unternehmen brauchen Partner, die bereit sind, ihnen das Preisrisiko abzunehmen. Das ist gewissermaßen eine Spekulation, die gut ist, doch alles was gut ist, kann auch übertrieben werden", so Sinabell

Branchenfremde Bedrohung

Als Problem werden hier insbesondere branchenfremde Investoren angesehen, also "Spekulanten, die gar kein reales Interesse an der Ware haben, sondern sich einzig aus Profitinteresse an den Rohstoffmärkten betätigen", so Sinabell. Eine Vielzahl von Marktteilnehmern, die sich an Warenterminbörsen engagieren, haben kein Interesse am Rohstoff Kakao oder Weizen - ihr Interesse gilt den Profitmöglichkeiten, die sich aus der Preisentwicklung dieser Rohstoffe ergeben. Dadurch werden Preistendenzen, die etwa durch Missernten und der daraus resultierenden Knappheit entstehen, weiter verstärkt. Diese Verstärkerfunktion wirkt sich nicht nur in unseren Breiten, sondern vor allem in armen Ländern, deren Einwohner schon heute den größten Teil ihres Einkommens für Nahrung ausgeben müssen, besonders stark aus.

Sinabell hält ein generelles Verbot von Spekulationen nicht für sinnvoll, spricht sich aber für eine ganz klare Regulierung aus. Grundsätzlich hält er Warenterminmärkte, an denen alle Marktteilnehmer zusammentreffen für gut, "das schafft die notwendige Liquidität". Dort könne auch sichergestellt werden, dass alle Akteure die gleichen Informationen haben. "Wir vom Wifo plädieren aber dafür, dass eine Finanztransaktionssteuer eingeführt wird, um zu verhindern, dass die Dynamik der Spekulation überhandnimmt." Ein Problem seien auch so genannte "Over The Counter" (OTC) Geschäfte: OTC steht für einen außerbörslichen Handel, der im Gegensatz zu Abläufen an den Warenbörsen intransparenter abläuft. "Man muss versuchen diese Transaktionen auf reguläre Handelsmärkte zu bringen", so Sinabell.

MANFRED NEUPER

Fakten

Nach dem historischen Rekordwert im März ist der Index für Lebensmittelpreise der UNO-Ernährungsorganisation FAO im April leicht gesunken. Entwarnung gibt die FAO nicht: Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum beträgt der Anstieg 37 Prozent.

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