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Zuletzt aktualisiert: 02.05.2011 um 16:48 UhrKommentare

Skandale und das Normale

Auch abseits vom ganz großen Ekeln verbirgt sich laut Kritikern oft schwer Verdauliches in unserem Essen.

Foto © APA

Zu Ostern war es schon kaum mehr Thema. Experten gaben Entwarnung: "Kein Dioxin im Osterei." Weit weg schien inzwischen der Lebensmittelskandal, der die Konsumenten vor allem in Deutschland zu Jahresbeginn schwer verunsichert hatte. Da fragten sich wieder Millionen, was sie eigentlich unbekümmert essen können. Auch in Österreich, das von dioxinverseuchten Eiern und Fleisch aber verschont blieb. Diesmal traf ein Lebensmittelskandal andere. Verlassen kann man sich darauf in einer oft profitorientierten, Grenzen überschreitenden Lebensmittelherstellung nicht.

Frostschutzmittel im Wein war nur der Anfang, BSE, Gammelfleisch, frühere Dioxinfälle, Analogkäse oder Listerien in Quargel haben den Menschen den Appetit verdorben. Kurzfristig jedenfalls, die Verdrängungsmechanismen scheinen zu greifen. Wie sonst ist es zu erklären, dass gerade die billigsten Produkte am meisten Käufer finden?

"Beim Autokauf sind die Leute oft kritischer", meint der deutsche Bestsellerautor Hans-Ulrich Grimm, ein prominenter Nahrungsmittelkritiker ("Die Ernährungslüge"). Dennoch lässt er Fundamentalkritik an Konsumenten nicht gelten: "Die Menschen haben Vertrauen in das, was Experten sagen. Und wenn die sagen, ,was bei uns verkauft werden darf, ist okay', kaufen sie es auch." Dazu kämen die oft extrem komplizierten Inhaltsstoffangaben auf den Etiketten.

Umstrittene Zusatzstoffe

Zusatzstoffe

Mit ihnen (Aroma, Farbstoffe, Konservierungsstoffe etc.) werden Lebensmittel billig und lange haltbar gemacht. Weltweit werden pro Jahr z. B. 300.000 Tonnen Konservierungsstoffe zugesetzt. Bei Bio sind weniger Chemikalien zugelassen.

Kritiker wie Grimm sehen eine Gesundheitsgefährdung nicht nur im Zusammenhang mit Lebensmittelskandalen. Schlimmer findet er "das Normale". Er spricht von einer "allgemeinen Bedrohung der Volksgesundheit" durch Chemikalien, Zusatzstoffe und dergleichen im alltäglichen Essen: "Sie sind nicht giftig im engeren Sinne, aber sie können langfristig krank machen", sagt er. Auch dann, wenn sie die gesetzlich erlaubten Höchstmengen nicht überschreiten.

Bei Recherchen auf Südseeinseln kam er zu dem Schluss, dass unter jenen Menschen, die von ihrem traditionellen Essen zum westlichen, industriell gefertigten übergegangen sind, vermehrt Leiden auftreten, die als Zivilisationskrankheiten gelten: Diabetes, Übergewicht, Allergien, aber auch Alzheimer oder Krebs. Dieses Phänomen bezeichnen Experten als "Nutrition Transition" (Ernährungs-Übergang). Auch in unseren Breiten haben sich Zivilisationskrankheiten in den letzten 50 Jahren stark verbreitet.

Einer jener kritisierten Stoffe, die zu schleichenden Veränderungen von Körper und Gehirn führen können, ist Glutamat - der wichtigste Zusatzstoff der Lebensmittelindustrie. Empfindliche Menschen kennen das: Kopfweh, Übelkeit, Schwindel oder Taubheitsgefühl nach dem Essen beim Asiaten - als Ursache für das in den 70er-Jahren im Westen bekannt gewordene "Chinarestaurant-Sydrom" gilt Kritikern der dort häufig als Gewürz gebrauchte Geschmacksverstärker.

Glutamat

Der Geschmacksverstärker kann so aufscheinen: Glutamat (E 620), Mononatriumglutamat (E 621) Monokaliumglutamat (E 622), Calciumglutamat (E 623), Monoammoniumglutamat (E 624), Magnesiumglutamat (E 625).

Dabei könnten wir ohne Glutamat nicht leben; es hat zentrale Aufgaben im Körper. Doch eine Überdosis künstlichen Glutamats, etwa durch Lebensmittelzusätze, kann laut Kritikern verheerende Folgen haben. Von Asthmaanfällen wird zum Beispiel berichtet. Es könne zu Übergewicht führen und bei Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer eine Rolle spielen.

Es zu vermeiden, ist gar nicht so einfach; es kommt auch in vielen Fertiggerichten, Knabbereien und Kantinenessen vor. Und: Es ist nicht immer erkennbar. So liest man oft "Hefeextrakt". Das ist ein beliebter Ersatz für den bereits oft verpönten Geschmacksverstärker - der aber ebenfalls von Natur als Glutamat enthält.

Die Hersteller hingegen sind davon überzeugt, dass Glutamat und andere Lebensmittelzusatzstoffe harmlos sind, und verweisen auf die gesetzlich erlaubten, als medizinisch unbedenklich eingestuften Höchstmengen. Auch viele Forscher sehen das so. Kritiker hingegen glauben, dass diese oft von der Nahrungsmittelindustrie beeinflusst sind, Gesetze und Verordnungen folglich wirtschaftlichen Interessen der global agierenden Lebensmittelgiganten entsprächen. Ausreichende Studien gibt es nicht. Der weltweite Absatz von Glutamat hat sich jedenfalls von 1976 bis 2008 mehr als versechsfacht.

Viele Konsumenten gehen bereits sehr kritisch mit den "E-Nummern" auf den Verpackungen um, suchen in Bioprodukten oder bei regionalen Vermarktern Alternativen. Das ist mit einem gewissen Aufwand verbunden und oft mit einem höheren Preis. Und, wie Experte Grimm meint: "Mit dem bestehenden Angebot kann man nicht die gesamte Bevölkerung gesund ernähren."

Fehlt es also am Wissen darum, was wir zu uns nehmen? "Das Bewusstsein für die Relevanz des Essens ist in unseren Breiten unterentwickelt", sagt Grimm. Das hänge mit der "Bewusstseinsindustrie", also der Werbung zusammen. Wir haben bestimmte Bilder im Kopf. Woran denkt man bei Erdbeerjoghurt? "An frische Erdbeeren, die in ein Joghurt fallen, zum Beispiel. Oder an Kühe, die auf Almwiesen weiden", sagt er. "Aber nicht daran, wie es in Produktionsfabriken oft zugeht."

SONJA HASEWEND

Serie

Alles in Butter mit unserem Essen? Die Kleine Zeitung geht dieser Frage in einer Serie nach.

"Shelf Life"

Der Begriff ("Regal-Leben") bezieht sich auf die Lebensdauer der Produkte - in der Nahrungsmittelindustrie neben dem Preis am wichtigsten. Zum Zweck der Haltbarkeit kommen oft Chemikalien und Zusatzstoffe zum Einsatz.

Farbstoffe

Mit ihnen sollen Nahrungsmittel optisch aufgewertet werden. Echte Farben verblassen nach einiger Zeit. Einige Farbstoffe werden bei häufigem oder intensivem Verzehr zum Problem, können etwa allergische Reaktionen auslösen.

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