Hungrig nach neuem Inhalt
Mit Aschermittwoch beginnt die traditionelle Fastenzeit. In dieser Zeit verzichten etliche Menschen auf ein Stückchen Luxus und entfliehen für einige Zeit der Konsumgesellschaft.

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Fasten ist überall. Als Fastender hat man die Wahl zwischen Früchtefasten am Swimmingpool auf Sri Lanka, entschlackenden Verwöhnpackungen Marke Almwellness in heimischen Schönheits-Tempeln, Fastenjoghurts im Kühlregal oder dem Zwölf-Tage-Programm einer deutschen Frauenzeitschrift, die mit dem "Verzicht, der glücklich macht," wirbt, dessen wahre Intention aber wohl purzelnde Kilos sind.
Fasten boomt. 47 Prozent der Österreicher geben laut einer aktuellen Profil-Umfrage an, sie würden gerne ab heute einen Gang zurück schalten. Auf der Wunschliste ganz oben: der Abgesang an Süßigkeiten. Manager tun es, Hausfrauen auch, Gesunde genauso wie Übergewichtige. Fasten, so scheint es, sei der kleinste gemeinsame Nenner dieser Tage. Die einen trinken Obst- und Gemüsesäfte, für die anderen ist Alkohol die nächsten 40 Tage tabu und andere ziehen für einige Tage ins Kloster.
Flucht vor Wohlstandswelt
Sie alle fliehen - kürzer oder länger - aus unserer Wohlstandswelt, sagen der Gier nach Konsum ab. Die Schlagwörter der Jahreszeit, sie lauten "Ballast abwerfen", sich und seinen Körper ins "Lot bringen" oder "in sich hineinhören". Das auf Fastenwochen spezialisierte Kloster Pernegg in Niederösterreich hat heuer beispielsweise "Premiumfasten" neu im Programm, das Verwöhnmassagen, Naturkosmetika und Bio-Kräuter-Tees inkludiert.
Warum liegt Fasten eigentlich so im Trend? "Weil unsere hoch luxuriöse Gesellschaft zum Teil sehr stark an Übersättigung leidet", sagt der Soziologe Manfred Prischnig und meint damit einerseits die wörtliche Übersättigung, also Fettleibigkeit oder Diabetes, und andererseits die Übersättigung durch Materialismus, Reizüberflutung und unbegrenzte Wahlmöglichkeiten. Die Vermarktung des Fastens habe, so der Sozialforscher, mit seiner ursprünglichen Bedeutung - nämlich Buße zu tun - wenig gemein. "Wellness-Fasten, als Kombination von Selbstverwöhnung und Verzicht, dockt nur lose an die religiöse Tradition der Askese an", sagt Prisching.
Denn: An die Stelle des im Christentum verankerten Strebens nach Transzendenz und Erleuchtung sei heutzutage etwas anderes getreten: "Fitness und Schönheit", diagnostiziert Prisching. Ein Selbstgestaltungs-Prinzip nach ästhetischen Kriterien, das gut kompatibel ist mit unserer individualisierten Welt. Gesundheit als oberstes Lebensprinzip. Fasten als Ersatzreligion.
Fasten ist einfach
Ob traditionell oder nicht: "Die Sache mit dem Fasten ist ganz einfach. Auch wenn Menschen zuerst nicht ans Spirituelle denken, finden sie sich im Spirituellen wieder", sagt Sebastian Kreit, Prämonstratenser und Pfarrer von Pernegg. Er begleitet Fastenkuren im Stift Pernegg.
Fasten, sagt er, ist immer auch eine Frage der Zeit. "Es wird einfach verlangt, dass wir auf Knopfdruck funktionieren. Aber weder unser Körper noch unser Kopf sind Maschinen. Wir brauchen Zeit zur Verarbeitung. Und das funktioniert nur, wenn man sich die Zeit nimmt und Achtsamkeit lebt", erzählt er.
Vor fünf oder sechs Jahren erzählt der Prämonstratener von Stift Geras (?), höre er vermehrt Klagen wie "Wir haben keine Zeit mehr" oder "Das kann's doch nicht sein!" Entschleunigung, erzählt er, sei immer ein Zeitfaktor. Fasten schenkt Zeit.
Und vielleicht auch Einsicht. Denn Fasten bedeutet in der wörtlichen Übersetzung des gotischen Begriffs "fastan" so viel wie festhalten. "Und damit in weiterer Folge auch die Suche nach Orientierung", fährt Kreit fort. Aber auch Neu-Orientierung verlange neben der Einsicht Zeit. "Hand aufs Herz: Fragen wie ,Woher komme ich? Wo stehe ich? Wo gehe ich hin?' sind immer aktuell. In Krisenzeiten, in denen die Allgemeine Verunsicherung die Zuversicht überschattet, jedoch ganz besonders.
Besinnung auf die Mitte
Wer sich fest halte und anhalte, "besinnt sich wieder auf seine Mitte", kennt Kreit das, was mit vielen Menschen nach dem Fasten passiert. Nach dem Wechsel von Be- und Entschleunigung.
In den meisten Religionen der Welt ist der rituelle Verzicht tief im Jahreskreislauf verwurzelt: Im Judentum verzichtet man an mehreren Fasttagen für 24 Stunden auf jede Art von Nahrungsaufnahme, im Islam wird während des Ramadam, des neunten Monats im islamischen Mondkalender, täglich vom Beginn der Dämmerung bis zum Einbruch der Nacht, gefastet. Oder im Buddhismus zum Be^ispiel gehört Fasten zur religiösen Praxis.
"Ein Wellness-Wochenende kann's natürlich nicht sein", antwortet der Geistliche auf die Frage, ob Fasten heute zu wenig streng gehandhabt wird. "Früher war natürlich alles strenger und ja, einige Menschen versuchen bestimmt auch, aus Fasten Kapital zu schlagen. Aber: Fasten heute ist dasselbe wie damals nur in einer anderen Sprache." Denn: Nicht das Wie, sondern das Ob entscheidet.















