Kreutzer: "In Gruppen setzt sich immer ein starker Mann durch"
Die Österreichische Jung-Regisseurin wurde mit ihrem Debütfilm "Die Vaterlosen" im Berlinale-Panorama bejubelt. Im Interview sprechen sie und Schauspieler Andreas Kiendl über das Drehbuch und über Kommunen.

Foto © APADie steirische Regisseurin Marie Kreutzer (2.von links) mit ihren Schauspielerinnen Marion Mitterhammer, Andrea Wenzl und Emily Cox
Die mittlerweile erwachsenen Kinder einer steirischen Kommune stehen im Zentrum von Marie Kreutzers erstem Spielfilm "Die Vaterlosen", der am Sonntagabend seine umjubelte Uraufführung im Panorama der 61. Berlinale feierte. Die APA sprach mit der jungen steirischen Regisseurin und einem ihrer Protagonisten, Andreas Kiendl, kurz vor der Premiere über die verschachtelte Struktur, die lokale Verankerung und das Konzept der Kommune.
Der Film ist sehr verschachtelt, funktioniert auf mehreren Ebenen, setzt sich wie ein Puzzle langsam zusammen. Wie lange hat denn die Entwicklung des Drehbuchs gedauert?
MARIE KREUTZER: Wir haben schlussendlich die zehnte Drehbuchfassung gedreht, es gab vorher aber noch viel längere Fassungen. Auch die Rückblendenstruktur war stärker, die wurde von Mal zu Mal schwächer. Ich wollte keine komplett erklärende zweite Erzählebene, sondern dass die Ebene so fragmentarisch und subjektiv wie Erinnerungen funktioniert. Die Idee ganz grundsätzlich gab es seit 2005, intensiv am Drehbuch gearbeitet haben wir zwischen 2007 und 2009.
Das Thema Kommunen ist in Österreich ja durchaus ein wenig belastet, man denke an Otto Mühl. Wurde das im Hintergrund in irgendeiner Form mitgedacht?
KREUTZER: Naja, in der Recherche kommt man natürlich nicht daran vorbei, da habe ich auch viel gelesen über die Mühl-Kommune. Aber es war dann sehr schnell klar, dass es nicht so sein soll. Die Mühl-Kommune war, wenn man provokant sein will, letztlich ja keine Kommune, sondern eher eine Sekte, also sehr streng strukturiert und riesengroß und mit einer strengen Hierarchie, was ja alles diesem Freiheitsgedanken widerspricht. Da wollte ich mich eher davon abgrenzen.
KIENDL: Wir haben uns einmal in der Probenarbeit diese Dokumentation "Die Kinder vom Friedrichshof" angesehen, und ich muss sagen, mir als Schauspieler hat das wahnsinnig viel gebracht. Davor habe ich alles sehr aus meiner persönlichen Sicht und so gemacht, wie ich mir das vorstelle, aber auf einmal sieht man diese Beispiele und erkennt die Tragweite für die Kinder. So wie es Kyra im Film sagt: Wenn es einen Führerschein für Kindererziehung gäbe, dann hätte der Hans nie Kinder haben dürfen. Ich habe selbst einen kleinen Sohn und war auch sehr emotionalisiert durch die Doku. Aber Philipp Hochmair, der im Film meinen Bruder spielt und die Kommune eigentlich kritisiert, hat gemeint: Das ist doch super, niemand spricht von den Millionen Opfern der Kleinfamilie! Und damit waren wir schon mitten im Filmthema. Es gibt einfach kein Rezept, wie man Kinder hochkocht, das funktioniert für jeden anders.
Das Konzept der Kommune wirkt ja immer wieder sehr reizvoll, schlussendlich scheint sich aber dann doch immer alles um eine starke Männerfigur zu drehen.
KREUTZER: In dem Fall ist es so, dass Hans, abgesehen davon, dass er eine charismatische Erscheinung ist, auch ganz pragmatisch der Besitzer dieses Hauses ist. Und damit hat er schon eine Macht über alle anderen. Aber ich glaube schon - und das kann man durchaus als kritische Sicht werten - dass sich in Gruppen immer ein starker Mann durchsetzt.
KIENDL: Das glaube ich auch, das ist ja auch das Perfide in dem Film. Dass sozusagen der Herrscher den anderen die Demokratie aufoktroyiert, aber diese eigentlich so nicht gelebt wird, weil die Macht ja immer im Hintergrund schwelen bleibt.
Sie haben 30 Tage lang gedreht und dabei auf vergleichsweise engem Raum sehr intensiv miteinander gelebt. Vermischen sich da manchmal die Figuren und die realen Charaktere?
KIENDL: Das ist immer ein bisschen eine ethische Frage. Ich sage ja und ich sage Gott sei Dank, weil ich meinen Beruf auch so ausüben möchte, dass er mich durchdringt und dass etwas mit mir passiert. Ich möchte nicht der Allweise sein, der da die Figuren aus dem Ärmel schüttelt. Hier war es so intensiv, wie vorher noch nie in meinem Leben, nämlich dass die Konstellation und die Gruppe so viel mit dem Einzelnen gemacht hat. Das war wirklich schön.
Wenn am Ende alle wieder auseinandergehen, bleiben viele Interpretationsmöglichkeiten offen. Sehen Sie das Ende als gutes Ende?
KREUTZER: Natürlich, ich sehe es als sehr gutes Ende, weil sie alle am Ende auf eine Art auch loslassen können. Und weil ich das Gefühl habe, dass das auf einer anderen Ebene und in anderen Konstellationen weiter eine Familie sein wird. Es sollte kein Sonnenschein-und-alle-fallen-sich-in-die-Arme-Happy-End sein, das nicht, aber ich wollte schon erzählen, dass es ein Neuanfang ist.
Filme, bei denen sich die Familie aus bestimmten Anlässen - Weihnachten, Todesfall - zusammenfindet und daraus ein gewisses Chaos entsteht, sind ja fast ein eigenes Genre. Gab's da Vorbilder oder Inspirationsquellen?
KREUTZER: Also einer meiner Lieblingsfilme ist "Der Eissturm" von Ang Lee. Das spielt nicht in einem Haus und innerhalb einer Familie, aber in einem Bekanntenkreis. Und das war der Film, nach dem ich mir gedacht habe, ich will Regisseurin werden. Also für mich ein total prägender Film. Es sind schon immer Ensemblefilme, die in einem gewissen Zeitraum spielen, die mich besonders ansprechen, auch die Robert-Altman-Filme zum Beispiel.
Die Familienprobleme, die im Film aufgezeigt werden, wurden ewig lang verschwiegen, ehe sie aus jemandem herausbrechen. Sie haben bei der Pressekonferenz schön gesagt, dass in Österreich Probleme "anders nicht angesprochen werden". Wäre der Film in dieser Form beispielsweise in Deutschland nicht möglich gewesen?
KREUTZER: Ich denke schon, dass er anders wäre, er würde vielleicht nicht komplett anders aussehen, aber die Dialoge wären wohl anders. Ich weiß es nicht. Aber ich könnte es vielleicht auch gar nicht, einen Film über eine deutsche Familie zu schreiben. Das ist mir zu unvertraut. Ich habe selber manchmal die Erfahrung mit Deutschen gemacht, wo ich dachte, sie sind unfreundlich, obwohl sie eigentlich nur direkt sind. Das ist schon irgendwie eine andere Sprache, die man miteinander spricht.
















