Liebesleben
Der Erfolgsroman "Liebesleben" von Zeruya Shalev wurde von Maria Schrader erfolgreich verfilmt.

Foto © FilmladenNetta Garti und Rade Sherbedgia in 'Liebesleben'
Eine hübsche junge Frau verfällt einem von Wind,
Wetter und Leben schon ziemlich gegerbten älteren Mann, wirft ihr
Leben über den Haufen und sich ihm an den Hals. Er ist betont
zurückhaltend, lässt keine Gelegenheit aus, die junge Frau zu
demütigen, doch schlägt er nicht aus, was ihm in den Schoß fällt. Das
ist eine Lesart des Romans "Liebesleben". Geschrieben wurde er von
einer Frau, der Israelin Zeruya Shalev. Verfilmt wurde er nun
ebenfalls von einer Frau, der deutschen Schauspielerin Maria
Schrader. Sie feiert mit dem Streifen, der am Freitag in die
österreichischen Kinos kommt, ihr Regiedebüt.
Keine Altmännerfantasie. Schrader versucht eine andere Lesart als die Altmännerfantasie, die einst auch im "Literarischen Quartett" rund um Marcel
Reich-Ranicki für Erregung gesorgt hatte. Anders als im Roman, der
die Vorgänge aus der Sicht der Hauptfigur, der verheirateten
Bibelwissenschaftsstudentin Jara, beschreibt, aber nicht begründet,
gelingt es ihrer Hauptdarstellerin, der beeindruckenden jungen
Theaterschauspielerin Netta Garti, die mit "Liebesleben" ihren erst
zweiten Spielfilm drehte, in Schlüsselmomenten ihre Entscheidungen
transparent zu machen. Das bringt zwar keine Erklärung, aber doch
immerhin eine Ahnung von dem dramatischen Innenleben der jungen Frau,
die sich dem um vieles älteren Jugendfreund der Eltern (Rade
Sherbedgia, bekannt aus "Before the Rain" ist ebenfalls eine
Idealbesetzung) bedingungslos ausliefert.
Symbolische Bedeutung. Schrader (die auch gemeinsam mit Laila Stieler das Drehbuch
schrieb) hatte sich zum Dreh am "Originalschauplatz" Israel
entschlossen und ihr Kameramann Benedict Neuenfels (ein Sohn von Hans
Neuenfels und Elisabeth Trissenaar) fängt in eindrucksvollen Bildern
Landschaft und Stimmung ein. Aber da gibt es noch eine weitere
Bildebene. Um ihren Verzicht auf eine Erzählstimme aus dem Off
wettzumachen, versucht Schrader Träume und Fantasien zu bebildern. In
diesen sieht sich Jara mal als von Arie erlegtes Wild, mal als Opfer
eines Autounfalls. Auch tote Katzen und fliegende Vögel erhalten
starke symbolische Bedeutung. Das wirkt nicht selten als zu viel und
ist nicht immer so gelungen wie jene Szene, in der Jaras Vater seine
nackte Tochter im Badezimmer seines Freundes Arie entdeckt, aber den
sie verbergenden Duschvorhang lieber nicht wegzieht.
Psychotische Familie. Auch sonst verschließen Jaras Eltern (Stephen Singer und Tovah
Feldshuh) ihre Augen vor vielem Offensichtlichen. Sie habe der
Familiengeschichte mehr Augenmerk gewidmet als der Amour fou, sagt
Schrader, und sie hat gut daran getan. Denn nur im direkten Bezug zu
der psychotischen Familie, zu den totgeschwiegenen Geheimnissen und
Verletzungen von einst, die nie bewältigt, sondern nur oberflächlich
kaschiert wurden, lässt sich der verzweifelte Ausbruchsversuch Jaras
erklären. Für Jara ist die vorübergehende Unterwerfung ein
Lernprozess, aus dem sie befreit und gestärkt hervorgeht. Daran lässt
Schrader keinen Zweifel.
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