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Zuletzt aktualisiert: 12.09.2012 um 11:27 UhrKommentare

Michael Haneke: "Das Genre Komödie werde ich nicht bedienen"

Kommenden Montag hat der in Cannes preisgekrönte Film "Amour" von Michael Haneke seine Österreich-Premiere. Der Regisseur im Interview über seinen Film und warum man auf eine Haneke-Komödie weiter vergeblich warten wird.

Michael Haneke

Foto © APMichael Haneke

APA: Herr Haneke, für Ihren Film "Liebe" haben Sie Ihre zweite Goldene Palme bekommen. Wie war's denn beim zweiten Mal? Anders als beim ersten?

Michael Haneke: Schön. Was soll man sagen? Auch beim ersten Mal war's schön. Es war ja unwahrscheinlich, dass man innerhalb so kurzer Zeit zum zweiten Mal den Preis kriegt.

APA: Was bedeutet er Ihnen?

Haneke: Jeder Preis, und vor allem renommierte Preise, bedeutet eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Man kriegt dann leichter Geld für das nächste Projekt, und das ist - abgesehen von der Ehre - der entscheidende Punkt. Denn wenn man sogenannte künstlerische Filme macht, was auch immer das sein mag (lacht), sind die Preise noch wichtiger als bei einem reinen Kommerzfilm, der sich durch seine Besucherzahlen legitimiert.

APA: In Österreich ist eine ganze Generation von erfolgreichen Filmern nachgekommen, von Barbara Albert bis Markus Schleinzer. Viel mehr Leute als früher streiten sich um einen Kuchen, der annähernd so klein geblieben ist wie früher.

Haneke: Das ist ein Problem, aber ich habe keine Lösung dafür. Man muss halt aufpassen, dass man die Gelder nicht nach Gießkannenprinzip verteilt. Damit ist niemandem gedient. Die Frage ist: Will man in Österreich, das sich ja als Kulturnation begreift, den Film als wichtiges Kulturgut sehen? Filme kosten halt leider viel Geld. Es ist in jedem Land so, dass nur ein geringer Prozentsatz der Produktion eines Jahres die Grenzen des Landes verlässt - auch in Amerika. Wenn man im Jahr nur 15 Filme macht, muss man in Österreich eigentlich sehr stolz sein, dass so viele Filme die Grenzen überschreiten und auch im Ausland gefragt sind. Schleinzer hat "Michael", seinen Erstlingsfilm, in 15 oder 20 Länder verkauft - das finde ich ziemlich toll.

APA: Dafür hat "Michael" in Österreich nur an die 6.000 Zuschauer erreicht.

Haneke: Sie müssen im Ausland Erfolg haben, dann wird man Sie auch im Inland schätzen. Ich bin ja ein Musterbeispiel dafür: Meine ersten Filme, die ich hier gemacht habe und Gott sei Dank gefördert wurden, waren bei Gott kein Publikumserfolg. Aber sie wurden im Ausland und bei Festivals bemerkt und haben dazu geführt, dass ich im Ausland etwas machen konnte. Seit ich im Ausland anerkannt bin, werde ich auch hier akzeptiert.

APA: "Liebe" ist ein ungewöhnlicher, ein sehr persönlicher Haneke-Film. Hat dieses sehr Persönliche das Drehen schwerer oder leichter gemacht?

Haneke: Weder schwerer noch leichter. Wenn ich drehe, dann versuche ich ein objektiver Zuschauer dessen zu sein, was da in Szene gesetzt wird, um auch die Fehler zu sehen. Ich bin selten gerührt von meinen eigenen Filmen (lacht) - jedenfalls, während ich sie drehe. Das kann ich mir gar nicht leisten. Aber ich erzähle in dem Film auch nichts, was in unmittelbarer Nähe passiert wäre. Es ging einfach um das Thema, mit dem ich persönlich konfrontiert war.

APA: "Liebe" ist ein Liebesfilm. Aber natürlich wird alleine durch das Alter dieses Paares ein gesellschaftlich virulentes Thema angesprochen: Alter, Altenpflege, der Umgang mit den immer älter werdenden Menschen. Wie weit war Ihnen das ebenso wichtig?

Haneke: Der Film streift hoffentlich viele Themen. Ich bin immer unglücklich, wenn meine Filme auf ein bestimmtes Thema reduziert werden. Das Thema des Films ist sicher nicht das Alter. Beim Schreiben war mein Thema: Wie gehe ich mit dem Leiden eines Menschen um, den ich liebe? Das hat mich interessiert. Ich hätte genauso einen Film über ein 35-jähriges Ehepaar machen können, dessen fünfjähriges Kind an Krebs stirbt. Das hätte die gleiche Problematik, nur wäre es dann ein spezieller, tragischer Fall gewesen. Das Alter ist zwar auch ein tragischer Fall, kann man sagen (lacht) - nur: Das trifft jeden. Die Allgemeingültigkeit dieser Frage lässt sich daher an alten Menschen besser darstellen.

Die von Isabelle Huppert gespielte Tochter ist die Projektionsfigur für den durchschnittlichen Zuschauer. Sie repräsentiert genau die Haltung, die vorherrscht: Hoffentlich kann ich mich so lange wie möglich raushalten.

Michael Haneke: Ja, man ist überfordert. In dieser arbeitsteiligen Welt, in der wir jetzt leben, ist das natürlich ein permanentes Thema: Wie gehe ich mit den alten Familienangehörigen um? Das ist ein weites Feld, das sich auch noch verschärfen wird im Laufe der Jahre, weil die Älteren ja immer mehr und immer älter werden. Aber es gibt inzwischen eh' genügend Fernsehfilme, die sich damit auseinandersetzen.

APA: Sie zeigen nicht, wie die Gesellschaft und das Rechtssystem auf das, was sich zwischen dem alten Paar abspielt, reagiert. Auch das haben Sie bewusst ausgespart, weil es nicht Ihr Thema war?

Haneke: Ja, natürlich. Ich will den Film nicht einengen. Als Kritiker oder Zuschauer ist man immer versucht, den Film irgendwo einzuordnen. Und alle Schreiber oder Filmer wehren sich immer dagegen. Weil es das, was man gemacht hat, natürlich reduziert. Ich hab mich immer geweigert, Synopsen zu schreiben. Ich kann einen Film, für den ich zwei Stunden brauche, nicht auf drei Sätze reduzieren. Ich hoffe, dass sich jeder von etwas anderem betroffen fühlt. Ich versuche ja immer die Filme so breit wie möglich angelegt zu lassen, auch in den Enden, damit der Zuschauer sich bemüßigt oder genötigt fühlt, sich da selbst einzubringen. Es soll ja ein Dialog sein. Ein Film soll ja nicht auf der Leinwand enden, sondern im Kopf oder im Herzen des Zuschauers.

APA: Bei der Verleihung der Goldenen Palme wurden die beiden Darsteller in der Begründung besonders hervorgehoben. Wäre der Film auch ohne Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva möglich gewesen?

Haneke: Nein. Erstens habe ich den Film ja für Jean-Louis Trintignant geschrieben. Bei Emmanuelle war das nicht so, weil ich sie seit "Hiroshima Mon Amour", wo ich sie grandios fand, eigentlich in keiner größeren Rolle mehr gesehen habe. Wir haben ein ganz normales Casting gemacht mit den älteren Damen des französischen Films, und da war es dann vom ersten Moment an klar, dass sie das spielt. Der Film verdankt den beiden alles. Wenn ich diese Besetzung nicht gehabt hätte, hätte er bei weitem nicht die gleiche Qualität.

APA: Der Film wurde in Cannes euphorisch besprochen. Ein Thema zog sich aber überall durch: Die Frage, wie "Liebe" insgesamt in ihr Oeuvre einzuordnen sei. Sie haben sich früher einen Ruf als kühler Rationalist erworben, der sich mit emotionaler Vereisung auseinandersetzt, der den Finger legt auf Wunden in der Gesellschaft, der sich mit Medien und medialer Brechung auseinandersetzt. Und plötzlich kommt ein intimes Kammerspiel, ein Liebesfilm. Sind Sie sentimental geworden?

Haneke: Ich glaube, es hängt immer davon ab, was das Thema eines Films ist. Ich versuche, immer dem Thema gerecht zu werden. Wenn ich von der Kälte in der Gesellschaft rede, wird der Film eine gewisse Kälte ausstrahlen. In dem Fall rede ich von Liebe, also hoffe ich, dass sich das auch transportiert. Ob das mit Altersmilde zu tun hat, weiß ich nicht. Da müssen Sie meine nächsten Filme abwarten, dann wird man sehen. (lacht)

APA: Sie haben es mit "Liebe" geschafft, Publikum und Kritiker zu überraschen. Wann kommt die nächste Überraschung, wann kommt die erste Haneke-Komödie?

Haneke: Meine Familie hat mir schon bei meinen ersten Theaterinszenierungen gesagt: Mach' doch mal eine Komödie! Ich hab ein einziges Mal in meinem Leben am Theater eine Komödie gemacht, das ist jetzt 40 Jahre her. Das war der einzige wirkliche Flop, den ich mir geleistet habe. Ich kann's einfach nicht. Man soll von einem Hutmacher nicht erwarten, dass man Schuhe kriegt. Schuster, bleib bei deinen Leisten! Man soll das machen, was man kann. Das heißt nicht, dass ich nicht sehr gerne Komödien anschaue. Komödien sind nur extrem schwer. Und es gibt extrem wenig Leute, die das wirklich gut machen.

APA: Österreich hat ja zumindest einen genialen Komödien-Regisseur hervorgebracht: Billy Wilder...

Haneke: Ich bewundere Billy Wilder sehr, aber man soll nichts machen, von dem man weiß, dass man es nicht kann. Wenn ich von Zeit zu Zeit eine Oper mache, ist es schon Wagnis genug, weil das ja auch ein Feld ist, auf dem ich nicht zu Hause bin. Das mache ich auch sehr reduziert und beschränkt, aber ich fürchte, das Genre Komödie werde ich nicht bedienen. Übrigens: Wenn man genau hinschaut gibt es ja in allen meinen Filmen auch Szenen, die komisch sind. Sie überwiegen nicht (lacht), aber sie kommen schon vor...

APA: Ihr nächstes Projekt ist, wie schon angedeutet, eine Operninszenierung: "Cosi fan tutte" ist ein lange angekündigtes Projekt, das nun im Februar in Madrid herauskommen soll. Kann man sich ästhetisch eine Fortsetzung ihres Pariser "Don Giovanni" erwarten, den sie zu Mozarts Geburtstag 2006 radikal in der Gegenwart verankert haben?

Haneke: Lassen Sie sich überraschen!


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