"Die Zuschauer wollen Verführung"
Eine Frau, die das Unerwartete liebt: Die Britin Charlotte Rampling (66) wurde beim Filmfestival in Locarno mit dem "Excellence Award" ausgezeichnet. Im Gespräch mit der Kleinen Zeitung erzählt von den Anfängen ihrer Film-Karriere und die Arbeit mit ihrem eigenen Sohn.

Foto © APA"Ich tauche in meine Rollen immer vollends ein": Charlotte Rampling in Locarno mit ihrem Ehren-Leoparden
Bei der Entgegennahme ihres Preises im Schweizer Filmmekka Locarno sagte Charlotte Rampling, sie wisse nicht, ob ihre Arbeit wirklich exzellent sei, "alles, was ich wollte, ist, dass die Zuschauer meiner Filme ihr eigenes Leben aus einem anderen Blickwinkel betrachten können".
Das hat die 66-Jährige, zuletzt in Lars von Triers "Melancholia" im Kino zu sehen, auf vielfache Weise geschafft - in Woody Allens "Stardust Memories" (1980) ebenso wie in Sydney Lumets "The Verdict" (1982) oder Axel Cortis "Radetzkymarsch" (1995). Mehrere Streifen, in denen Rampling mitspielt, etwa "Unter dem Sand" von François Ozon (2000), werden nun in Locarno gezeigt.
Das dortige Filmfest war stets "Beschleuniger" von Karrieren, auch für jene Luchino Viscontis. Der 1976 verstorbene italienische Regiemeister wiederum führte Charlotte Rampling auf die große Filmbühne, indem er die Britin 1969 für sein Politdrama "Die Verdammten" engagierte.
Wie kam die Arbeit mit Visconti eigentlich zustande?
CHARLOTTE RAMPLING: Ich spielte in Richard Lesters Film "The Knack . . . and how do you get it" einer der typischen junge Frauen der 60er. Jane Birkin und Jacqueline Bisset waren auch für die Massenszene gecastet. Und in diesem Film hat mich Visconti gesehen. Er hat mich bei unserem Treffen angeschaut und gesagt: "Was hinter deinen Augen ist, ist eine Welt, die du dir jetzt noch nicht vorstellen kannst".
Damals waren Sie 23. Können Sie es sich mittlerweile vorstellen?
RAMPLING: Im Ansatz. Ich hatte als 20-Jährige in den 60ern unendliche viele Möglichkeiten, Dinge auszuprobieren. Unglaublich! Das fehlt heute völlig. Ich wusste, dass ich kein "Kitchen Kino" machen wollte, weil ich das Experimentelle, das Unerwartete liebte und bis heute liebe. Ich finde immer meinen Platz in einem Film, einmal ist es ein guter Platz, einmal ist er nicht so komfortabel.
Aber Sie spielen in jedem Fall mit Ihrer unglaublich tiefgründigen erotischen Ausstrahlung.
RAMPLING: Nein, die Verführung wollen die Zuschauer! (lacht aus vollem Herzen). Für mich ist es das Wichtigste, dass hinter der Rolle ein wirklicher Charakter steckt. Ich fand mich selbst nie sonderlich aufregend.
Wann gefällt Ihnen ein Film? Welche speziellen Eigenschaften muss er haben?
RAMPLING: Er muss vor allem tief schwarz sein und undurchsichtig, das wühlt mich auf und spricht mich an.
Und die Drehbücher bieten Ihnen immer auch die Rollen, die Sie spielen mögen?
RAMPLING: Ja. Aber ich weiß, ich bin keine bequeme Schauspielerin und auch keine Garantin für einen Kassenschlager. Dafür tauche ich in meine Rollen vollends ein. Und da sind wir wieder zurück bei Visconti - das hat er hinter meinen Augen gesehen.
Sind Sie das erste Mal auf dem Filmfest in Locarno?
RAMPLING: Ja, und es hat etwas Mystisches. Es gehört zu den ältesten und ist so anders als Cannes oder Berlin. Ich bin wirklich begeistert.
Sie sind ja auch hier, um einen Film vorzustellen, den Sie an der Seite von Gabriel Byrne gedreht haben. Der Thriller "I, Anna" läuft in Österreich im November an.
RAMPLING: Es ist die erste Arbeit, die ich mit meinem Sohn als Regisseur gemacht habe. Und um es gleich vorwegzunehmen: Wenn ich mich entscheide, die Rolle in einem Film zu übernehmen, ist der Regisseur der Boss - auch wenn es mein eigener Sohn ist. Wenn ich das nicht akzeptieren kann, muss ich selbst auf den Regie- oder Produzentenstuhl.
Features
Zur Person
Charlotte Rampling, geboren am 5. Februar 1946 in Sturmer, Essex/England.
Zunächst Fotomodell, dann Kino- und Theaterschauspielerin. Drehte mit Größen wie Visconti, Lumet, Parker, Allen, Ozon.
Zwei Söhne aus der früheren Ehe mit Musiker Jean-Michel Jarre.













