Marilyn Monroe - wie ein Diamant
Heute vor 50 Jahren starb Marilyn Monroe. Wenige Wochen vor ihrem Tod stand sie für Bert Stern und Lawrence Schiller vor der Kamera. Barbara Gasser hat die beiden Starfotografen in Los Angeles zur exklusiven Nahaufnahme gebeten.

Foto © AP/Bert SternMarilyn fotografiert von Bert Stern
Was macht für Sie den Mythos Marilyn Monroe aus?
BERT STERN: Die feminine Ausstrahlung war der Sex-Appeal von Marilyn Monroe. Die Magie lag in ihrer Natürlichkeit. Marilyn war die erste amerikanische "Girl Next Door"-Schönheit. Norma Jean Baker kreierte Marilyn Monroe. Dadurch wurde sie unsterblich.
Erinnern Sie sich, wo und wann Sie vom Tod Marilyn Monroes erfuhren?
STERN: Ich war zu Hause bei meiner Familie in Long Island. Die Nachricht von ihrem Ableben überraschte mich nicht. Wir, die mit ihr arbeiteten oder sie kannten, wussten, dass Marilyn große Probleme hatte.
LAWRENCE SCHILLER: Ich war in Los Angeles und fuhr umgehend zu ihrem Haus. Ihr Leichnam war bereits in die Bestattungsanstalt überstellt, dort fuhr ich hin. Obwohl ich einer der Fotografen war, die die Genehmigung hatten, sie ein allerletztes Mal zu fotografieren, lehnte ich das ab.
Die Umstände des Todes von Marilyn Monroe sind bis heute der Nährstoff für Spekulationen. Glauben Sie, dass Marilyn Monroe ein Mordopfer war?
SCHILLER: Nein. Ein Gerücht ist noch lange nicht die Wahrheit. Ich war kurz vorher bei ihr zu Hause, gemeinsam mit ihrem Presseagenten. Wir wollten die Veröffentlichung der Nacktfotos besprechen, als John F. Kennedy und Robert Kennedy vorbeikamen. Ich glaube nicht, dass die Kennedys sich auf diese Weise eines Problems entledigt hätten.
Glauben Sie, dass der Tod von Marilyn Monroe in das Kapitel der tragischen Hollywood-Schicksale fällt?
SCHILLER: Marilyn wurde in ihrem Leben von zu vielen Lkws überrollt: Die Scheidung von Arthur Miller verkraftete sie nicht; die Gallenblasenoperation verursachte unerträgliche Schmerzen; last but not least ihr Tabletten- und Alkoholmissbrauch. Eine Menge Leute wollten Marilyn helfen, waren aber machtlos.
STERN: Als Schauspielerin fürchtete Marilyn Monroe, vom Blondinen-Image überrollt zu werden.
SCHILLER: Marilyn wollte als Schauspielerin ernst genommen werden, und sie fühlte sich unterbezahlt. Die Gage ihres letzten Films "Something's Got to Give" betrug 100.000 Dollar, ihre Konkurrentin Elizabeth Taylor dagegen erhielt für "Cleopatra" das Zehnfache. Ich war einer der Fotografen bei "Something's Got to Give". Marilyn bestand darauf, dass die Fotos auf der Titelseite sind und kein Foto von Elizabeth Taylor in derselben Ausgabe veröffentlicht wird. Das Tragische war: Sie wusste, was sie wollte, bekam es aber nicht.
Aber mit den Nacktfotos in "Something's Got To Give" hat sie genau das Gegenteil getan.
SCHILLER: Die Nacktfotos waren ausschließlich ihre Idee. Ein Akt der Verzweiflung, um sicherzugehen, dass sie auf die Titelseite kommt. Die Pool-Szene sollte Nacktheit andeuten, deswegen trug sie einen fleischfarbenen Badeanzug. Kurz vor Drehbeginn verlangte sie, mich zu sehen. Das war an sich schon ungewöhnlich, denn Stars fragen nie nach einem Meeting mit den Fotografen. Marilyn erkundigte sich, was passieren würde, wenn sie mit dem Badeanzug in den Pool steigt, aber nackt herauskommt. Ihr Agent wurde leichenblass. "Das meinst du nicht ernst?" Marilyn antwortete: "Ich denke darüber nach."
Herr Stern, Sie sind der letzte Fotograf, der mit Marilyn Monroe zusammengearbeitet hat. Ihr Fototermin sechs Wochen vor dem Tod von Marilyn Monroe ist als "The Last Sitting" weltberühmt geworden. Für Sie hat sich Marilyn Monroe ebenfalls entblättert.
STERN: Vorgesehen war eine Modestrecke für die "Vogue". Marilyn Monroe hatte noch nie für die "Vogue" posiert. Ich schlug sie vor, weil ich ihr Leben und ihre Karriere verfolgt hatte. Beides schien aus den Fugen geraten zu sein. Ich vermute, sie sagte dem Termin zu, weil sie sich verändern wollte. Zum ersten Mal nahm ich eine Verletzbarkeit wahr, die mir besonders erschien. Dass Marilyn nur sechs Wochen nach unseren Fotositzungen tot sein würde, ahnte ich nicht. Wie kam es zur Modestrecke mit den Nacktaufnahmen?
STERN: Für den Fototermin mietete ich eine Suite im Bel Air Hotelin Beverly Hills. Als Zeit hatten wir 12.30 Uhr vereinbart, aber Marilyn Monroe traf drei Stunden verspätet ein.
SCHILLER: Marilyn kam ständig zu spät.
STERN: Wir trafen uns im Foyer. Sie trug einen rosa Pulli und war ungeschminkt. "Sie sind wunderschön," stammelte ich meine Begrüßung. "Sie sind schlanker." Worauf Marilyn Monroe meinte: "Finden Sie? - Wie nett, dass Sie das sagen."
In der Suite hatte ich ihren Lieblingschampagner Dom Perignon eisgekühlt und auf dem Bett Perlenketten und Schals als Accessoires für die Modestrecke vorbereitet. Marilyn hob einen transparenten Schal auf, hielt ihn an ihren Körper und fragte: "Wollen Sie mich nackt fotografieren?" "Ich mache, was Sie möchten," antwortete ich. Ich bat sie, kein Make-up aufzutragen, nur einen Eyeliner. Bis drei Uhr in der Früh fotografierte ich sie mit Perlen, Rosen und eben den durchsichtigen Schals. Vogue fand die Fotos gut, aber ungeeignet und zu freizügig für eine Modestrecke. Also vereinbarten wir einen weiteren Fototermin. So entstanden die Schwarz-Weiß-Aufnahmen in den Dior-Kleidern. Einige Stunden später war Marilyn Monroe müde, mehr Champagner floss und Marilyn rekelte sich nur mit einem Leintuch bedeckt im Bett.
Welche Ihrer Fotos gefallen Ihnen persönlich am besten?
STERN: Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Weil sie die Verletzbarkeit Marilyn Monroes einfangen.
Fand sich Marilyn Monroe eigentlich hübsch?
STERN: Das weiß ich nicht.
Was war das Besondere an Marilyn Monroe?
STERN: Das Besondere an ihr war, dass sie die Kamera liebte und vice versa. Marilyn war kreativ, instinktiv, wandelbar und ausdrucksstark. Sie fürchtete sich nicht davor, etwas Neues auszuprobieren. Marilyn war das geborene Model.
SCHILLER: Das Besondere an Marilyn ist, dass sie auf jeden Fotografen anders reagierte. Wie ein Diamant, der je nach Lichteinfall anders funkelt. Den Diamanten Marilyn Monroe findet man kein zweites Mal.
Wie kritisch war Marilyn Monroe gegenüber Ihren eigenen Fotos?
STERN: Kein Foto durfte ohne vorherige Genehmigung von Marilyn Monroe veröffentlicht werden. In der Praxis sah das so aus: Ich schickte ihr die Abzüge und sie durchkreuzte die Fotos, die ihr missfielen mit orangem Leuchtstift. Marilyn Monroe hatte ein unglaubliches Gespür für die richtigen Fotos und sie war eine Perfektionistin, die die kleinsten Fehler entdeckte.
Marilyn Monroe hat die Veröffentlichung der Fotos nicht mehr erlebt.
STERN: Korrekt. Die Schwarz-Weiß-Modestrecke wurde schließlich posthum auf zehn Seiten in der "Vogue" veröffentlicht.
Marilyn Monroe hat auch nicht die Veröffentlichung der Nacktfotos bewilligt.
SCHILLER: Ich glaube nicht, dass die Veröffentlichung der Nacktfotos gegen ihren Willen ist. Marilyn Monroe war die erste Künstlerin, die die Publicity-Maschinerie gezielt einsetzte und ihr Image kommerziell ausschlachtete.
Features
Bert Stern
Bert Stern (82), amerikanischer Mode- und Werbefotograf, wurde vor allem durch die Fotosession mit Marilyn Monroe knapp vor ihrem Tod weltbekannt. Die Fotos, die es bisher nur in der limitierten Collectors Edition gab, sind nun auch in einer leistbaren unlimitierten Ausgabe im Regalformat zu haben - gemeinsam mit Norman Mailers Monroe-Biografie:
Marilyn Monroe. Von Norman Mailer und Bert Stern. Taschen-Verlag, 49,99 Euro.
Lawrence Schiller
Lawrence Schiller (75) fotografierte die meisten Ikonen der 1960er. Der Durchbruch gelang ihm 1962 mit den Fotos von Monroe, die bei den Filmaufnahmen für "Something's Got to Give" entstanden. Der Taschen-Verlag veröffentlicht diese Bilder jetzt samt Schillers Geschichte in limitierter Auflage (1962 Stück): Marilyn & Me: A Memoir in Word & Photographs, Von L. Schiller. Taschen-Verlag, 750 Euro.














