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Zuletzt aktualisiert: 19.02.2012 um 10:37 UhrKommentare

Angelina Jolie: Eine Missionarin auf Kriegspfaden

Angelina Jolie, Hollywoods Teuerste, stand erstmals als Regisseurin hinter den Kameras. Ein Gespräch über die Liebe in Zeiten des Krieges und ihre Versuche, die Welt ein wenig besser zu machen.

Foto © APA

Frau Jolie, auch wenn Sie eine Armada von Babysittern und Assistenten haben, sind Sie letztlich doch eine Mutter von sechs Kindern. Wie schafft man es, da noch einen Film zu drehen?

ANGELINA JOLIE: Mein Mann Brad ist ein großartiger Vater, während meiner Dreharbeiten hat er eine Arbeitspause eingelegt, um sich voll und ganz um die Kinder zu kümmern. Zudem bin ich überzeugt, dass es sehr viele weitaus anstrengendere Jobs auf dieser Welt gibt als meine Regiearbeit. Ich mache schon immer viel in meinem Leben, aber ich habe dafür ja auch einen großen Ausgleich.

Für Ihr Regiedebüt hätten Sie sich einen leichteren Stoff aussuchen können. Was hat Sie am Thema Bosnienkrieg so fasziniert?

JOLIE: Ich hatte eigentlich nie die Absicht, selbst Regie zu führen oder ein Drehbuch zu schreiben. Aber zuweilen gebe ich mir selbst Hausaufgaben und beschäftige mich mit bestimmten Themen. Ich finde das eine gute Übung, um sich geistig fit zu halten. Auf Bosnien kam ich, weil ich seit mehr als zehn Jahren in diese Krisengebiete reise und enttäuscht war, dass dort keiner eingriff. Mich hat interessiert, was in Menschen vorgeht, die in solchen Situationen leben müssen. Was geschieht, wenn jede Form der Menschlichkeit plötzlich nicht mehr existiert. Wie können aus guten Nachbarn plötzlich Feinde werden?

Wie haben Sie sich dem heiklen Thema genähert?

JOLIE: Dieser Konflikt ist wirklich kompliziert und schwierig zu verstehen, mir konnte das niemand plausibel erklären. Also bin ich nach Bosnien gereist, um direkt mit Kriegsopfern zu sprechen. Diese Gespräche haben mich enorm erschüttert, vieles davon ist in den Film eingeflossen. Bei der Suche nach Schauspielern der verschiedenen Bevölkerungsgruppen hatte ich mit Ablehnung gerechnet. Doch das Gegenteil war der Fall: Alle waren interessiert, jeder brachte seine ganz eigenen Erfahrungen mit diesem Krieg mit ein.

Ist eine Liebesgeschichte der beste Weg, vom Krieg zu erzählen?

JOLIE: Für mich ist es gar nicht so sehr eine Liebesgeschichte, sondern vielmehr die Geschichte einer nicht mehr möglichen Liebe. Das ist durchaus symbolisch zu verstehen, denn vor dem Krieg gab es in Sarajewo einen ganz großen Anteil von Mischehen verschiedener Religionen und Nationalitäten. Neben diesem Paar im Zentrum der Geschichte gibt es die Vater-Sohn-Beziehung, das Verhältnis der Schwestern und der Freunde: Es ist also ein Spiegel der gesamten Gesellschaft.

Wer hat für Sie die Schuld an diesem Konflikt?

JOLIE: Schuld hat vor allem die internationale Gemeinschaft mit ihrem langen Zögern, dadurch ist die Gewalt in diesem Land immer größer geworden. Weil dieser Konflikt so lange dauern konnte, wuchsen Schmerz und Verluste auf allen Seiten ins Unermessliche. Mein Anliegen mit diesem Film ist es, dass die Zuschauer erkennen, welch großer Fehler es war, dass hier nicht viel früher von außen interveniert wurde.

Sie haben den Film auf Bosnisch und zugleich auch auf Englisch gedreht. Wie kam es zu dieser verrückten Idee von zwei Fassungen?

JOLIE: Mir war wichtig, diese Geschichte in ihrer authentischen Sprache zu erzählen. Mir sind Filme in der Originalfassung schon immer lieber gewesen, weil ich den Klang der Sprachen hören möchte. Die zweite Fassung auf Englisch haben wir gedreht, weil wir so viele Zuschauer wie möglich erreichen möchten. Und gerade in Amerika gibt es eine große Skepsis gegenüber Filmen mit Untertiteln.

Ihr Mann Brad Pitt ist seit Langem auch als Produzent tätig. Wie groß war denn seine Unterstützung für Ihr Projekt?

JOLIE: Wir haben gar nicht viel über den Film gesprochen, ich wollte lieber alles für mich alleine herausfinden. Deswegen war es auch nie eine Idee, dass Brad den Film als Produzent betreut. Aber er war natürlich immer da und hat mich moralisch unterstützt. Als Paar beeinflusst man sich bekanntlich, ohne dass man es besonders wahrnimmt.

Würden Sie sich nochmals in so ein Abenteuer stürzen?

JOLIE: Ich wäre nicht unglücklich, wenn dies mein einziger Film bliebe. Ich möchte diese Erfahrungen nicht missen, ganz im Gegenteil. Aber es gibt für mich keinen Zwang, weitere Filme zu drehen. Es sei denn, eine Geschichte ist so einzigartig, dass ich ihr nicht widerstehen kann.

Sie trafen während der Berlinale den deutschen Außenminister Guido Westerwelle, zuvor waren Sie beim US-Präsidenten. Worüber reden Sie mit Politikern?

JOLIE: Mit Herrn Westerwelle unterhielt ich mich konkret über Wohnprojekte in Afrika und die Möglichkeiten von Entwicklungshilfe. Mit Barack Obama sprach ich unter anderem über Möglichkeiten von Interventionen, damals betraf das Libyen. Außerdem ging es um humanitäre Hilfen in Bosnien.

Hätten Sie Ambitionen, in die Politik zu wechseln?

JOLIE: Ich glaube nicht, dass ich eine gute Politikerin wäre. Dazu kann ich mich zu wenig an eine bestimmte Linie halten, was Politiker offensichtlich können müssen. Aber ich kann ja auch ohne diesen Status versuchen, die Dinge auf der Welt ein bisschen besser zu machen.


Zur Person

Angelina Jolie, geboren am 4. Juni 1975 in Los Angeles.

Oscar für "Durchgeknallt".

Oscar-Nominierung für "Der fremde Sohn".

Golden Globe Awards für "Wallace", "Gia - Preis der Schönheit", "Durchgeknallt", "Ein mutiger Weg", "Der fremde Sohn".

Mutter von sechs Kindern (drei sind adoptiert).

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