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Zuletzt aktualisiert: 23.02.2011 um 15:23 UhrKommentare

Andrea Arnolds "Fish Tank": Sozialdrama der Extraklasse

Andrea Arnold vertieft mit ihrer undogmatischen Arbeit das Gefühl für das Leben der Anderen. Der Film wurde 2009 in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet.

Foto © Polyfilm

Realismus darf als urbritische Eigenart gelten. Im Leben - und auch in der Kunst. Ließ doch bereits Shakespeare ungerührt Gewalt, Leidenschaft und Klassenaspekte auf die Bühne bringen. In unserer Zeit sind es nicht zuletzt Filmemacher wie Ken Loach und Mike Leigh, die mit Storys von Langzeitarbeitslosen, Trinkern oder Knastinsassen für eine Entwicklung stehen, die auch international Anerkennung findet. Mit ihrem Familiendrama "Fish Tank" macht Andrea Arnold dieser Tradition nun alle Ehre, das am 25. Februar in die heimischen Kinos kommt.

Preis der Jury von Cannes 2009

Auf wichtigen Festivals wurde das Werk der Drehbuchautorin und Regisseurin ausgezeichnet, zum Beispiel mit dem Preis der Jury von Cannes 2009. Die 49-jährige frühere Kurzfilmerin, die für "Wasp" einen Oscar erhalten hatte, erzählt so unaufdringlich wie eindringlich vom Kampf der 15-jährigen Mia, in einem dysfunktionalen Umfeld im Südosten Englands ohne Unterstützung, Identität und Zukunft zu finden. Dabei geht es Arnold weniger um Gesellschaftsanalyse als um wahrhaftiges Mitempfinden - und um einen Hauch Hoffnung.

Anders als Loach oder Leigh, die bisweilen mit ideologischem Überernst quälen, findet die Filmfrau einen Ton, der zwar die deprimierende Desorientiertheit eines Teenagers unter die Haut gehen lässt, der aber auch Poesie, Frische und eine eigene Freiheit ausstrahlt. Langsam und wie alltäglich, ihre Figuren weder denunzierend noch glorifizierend, lässt Arnold die in Handkameramanier aufgenommene Geschichte sich entwickeln. Bei natürlichem Licht und viel Stille entsteht im Plattenbauambiente eine Faszination, der man sich kaum entziehen kann.

Sie wird getragen von sehr nuancenreichen Profi- und Laiendarstellern. Allen voran: Katie Jarvis, die als 17-jährige arbeitslose Schulabgängerin auf dem Bahnhof der Kleinstadt Tilbury entdeckt worden war. Auf einfühlsamste Weise versteht sie es, das Rotzige und das Sensible der Heranwachsenden zu verkörpern - zart, frech und blass, die traurigen Augen mit Kajal umrahmt.

Jarvis zeigt, dass etwas passiert in der stets auf Krawall gebürsteten Mia, als sie zum ersten Mal den Liebhaber ihrer sex- und saufsüchtigen Singlemutter sieht: den charismatischen, fürsorglich wirkenden Connor (Michael Fassbender). Als der Securitymann ihr vor laufendem Fernsehapparat nahe kommt, während die Mutter (Kierston Wareing aus Loachs "It's a Free World") betrunken im Bett liegt, bricht die ganze Verlorenheit des Teenagers auf. Das führt fast in die Katastrophe.

Katie Jarvis, von der Kritik gefeiert, ließ sich danach zur Schauspielerin ausbilden. Möglicherweise ist ihr mit dem Film der Aufstieg nach oben geglückt. Und Arnold vertieft mit ihrer undogmatischen Arbeit bei ihrem meist bürgerlichen Kinopublikum gekonnt das Gefühl für das Leben der Anderen.


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