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Zuletzt aktualisiert: 10.01.2011 um 22:33 UhrKommentare

Jenseits des Klischees von Liebe und Sex

Eigentlich ist sie das große Energiebündel des Theaters. Nach längerer Kunstpause fegt Sophie Rois aber auch wieder über die Kinoleinwände. Ein offenes Gespräch über etliche delikate Dinge.

Die "Drei": Devid Striesow, Sophie Rois und Sebastian Schipper

Foto © APADie "Drei": Devid Striesow, Sophie Rois und Sebastian Schipper

F rau Rois, nach längerer Zeit sind Sie wieder in einem Kinofilm zu sehen, in der Komödie "Drei". Die Dramaturgie folgt dem Qualtinger-Sager "Es gibt nichts Schöneres, als wenn sich zwei, drei Leut' recht gernhaben"?

SOPHIE ROIS (lacht): Diesen Spruch kenn' ich noch gar nicht.

Sie filmen ja nicht so oft. Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Kinorollen aus?

ROIS: Welche Sätze sage ich? Wie handle ich? Welche Bilder werden produziert? Wer macht Regie? Ich habe mich mit Tom Tykwer getroffen und festgestellt: Ich kann sehr mit seiner Art zu denken. Man teilt einen gewissen Humor, und ich bewundere seine hohe Professionalität.

Sie sollen einmal gesagt haben, im Drehbuch wäre Ihnen von Anfang an zu viel Sex gewesen. Stimmt das?

ROIS: Ich bin katholisch! Ich hasse es, mich vor fremden Leuten auszuziehen. Noch schlimmer ist es, wenn die sich vor mir ausziehen. Eine Zumutung! Aber wissen Sie, das sind alles erwachsene Leute auf dem Set, die wissen, dass die Sache delikat ist. Obwohl, nach einer gewissen Zeit vergessen das auch wieder alle. Anfangs darf keiner rein, aber wenn man zwei gute Stunden gedreht hat, läuft plötzlich das Catering mit den Käsebroten an dir vorbei.

Die Katholikin Sophie Rois. Oder Folklore-Katholikin, wie Sie sich einmal bezeichnet haben. Wie darf man das verstehen?

ROIS: Dass ich etwa die katholischen Feiertage rituell begehe und immer merke, dass ich sehr von christlicher Dramaturgie durchdrungen bin. Ostern zum Beispiel beeindruckt mich jedes Mal sehr, und mir würde auch nie einfallen, an einem Karfreitag saufen zu gehen.

Was hat Ihnen generell an "Drei" getaugt?

ROIS: Dass ein Ausnahmedrehbuch da war. Da musste ich mich nicht blöder stellen, als ich bin. Obwohl ich mich nicht für besonders schlau halte. Dieser Film produziert Bilder jenseits des Klischees von Liebe und Sex. Es ist ja nicht so, dass Geschichten, die im Fernsehen, Kino oder in Büchern erzählt werden, unser Leben erzählen. Wir sehen sie und gestalten danach unser Leben. Es gibt einen schönen Satz von La Rochefoucauld: "Kaum jemand würde sich verlieben, wenn er nicht schon einmal davon gehört hätte." Das ist eine wichtige Frage, die dieser Film auch "spielt": Gibt es uns jenseits von Erzählungen über uns?

Um auf die verlangten Sexszenen zurückzukommen: Sie sind Mitglied der Berliner Volksbühne, einer Bühne, wie es heißt, für "enthemmte Schauspieler"?

ROIS: Ist ja grauenhaft, wenn das gesagt wird. Ich kenne das nur aus anderen Theatern: Schauspieler fassen sich gegenseitig in den Schritt, schreien und produzieren Hässlichkeiten. Möglicherweise ein Volksbühnen-Epigonentum, das auf einem schweren Missverständnis beruht. Die Volksbühne agiert aus einer ganz bestimmten Tradition heraus. Sie hat Volkstheater jenseits der Psychologie des 19. Jahrhunderts, Meyerhold und Brecht inhaliert. Sie hat eine Architektur mit einem nicht-hierarchischen Zuschauerraum ohne Logen und einer riesigen Bühne, die einen bestimmten Spielstil einfordert. Schönes Kammerspiel würde hier sang- und klanglos untergehen. Es werden hier keine Abbilder von Wirklichkeit produziert, sondern Realitäten gestaltet. Das kommt mir sehr entgegen. Ich habe nämlich keine Lust, das, was mir in der Realität schon auf die Nerven geht, auf der Bühne nochmals herzustellen.

Wie ist es beim Film?

ROIS: Gleich: Gegenrealitäten schaffen, das Hirn befreien.

In "Drei" geht es um eine Dreierbeziehung. Wie sieht Ihr persönliches Ideal von Liebe aus? Himmelstürmende Liebe und Verliebtsein, die berühmten Schmetterlinge im Bauch, glauben Sie als reife Frau noch daran?

ROIS: Dieser psychotische Zustand von Verliebtsein interessiert mich nicht.

Sie haben 2010 wieder eine schöne Auszeichnung erhalten, den Theaterpreis "Der Faust" für Ihre Leistung in das "Mädchen in Uniform". Was bedeuten Ihnen Preise?

ROIS: Bekomm' ich einen, dann freue ich mich. Aber ansonsten beschäftige ich mich nicht viel damit.

Ist wieder ein Rois-Gastspiel in Österreich in Sicht?

ROIS: Zu den Festwochen komme ich für Dostojewskis "Der Spieler" nach Wien, in einer Inszenierung von Frank Castorf.

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