"Es war einmal..." - Das Ende des Disney-Märchens
Abschied einer Ära: Der 50. Disney-Animationsfilm "Rapunzel - Neu verföhnt" soll der vorerst letzte Märchenfilm aus dem Traditionshaus sein. Die Zukunft gehört den neuen Animationsfilm-Helden.

Foto © Disney EnterprisesDer womöglich letzte Disney-Märchenfilm
"Es war einmal ..." - mit diesen Worten fangen sie an: Märchen, die eine längst vergangene, romantisch-magische Geschichte erzählen. Bei Disney sollen Märchen ebenso wie die Geschichten, die sie erzählen, schon bald ebenfalls der Vergangenheit angehören. Vor mehr als 70 Jahren wurde sie mit "Schneewittchen und die sieben Zwerge" (1937) eingeläutet, die goldene Ära der Disney-"Fairy tales". Mit "Rapunzel - Neu verföhnt", dem mittlerweile 50. Film des Traditionshauses, soll das Prinzessinnen-Kapitel abgeschlossen werden. Weil "Filme und Genres eben ablaufen", heißt es aus der Animationsschmiede.
Mit "Schneewittchen" wurde ein Märchen der Gebrüder Grimm zum ersten abendfüllenden Zeichentrickfilm der Walt Disney Company; Figuren wie Cinderella (1950), Dornröschen (1959) und Belle ("Die Schöne und das Biest", 1991) folgten. Seit jeher bildet ein Märchenschloss das Logo der Zeichenschmiede und verkleidete Prinzessinnen streifen durch die Disneyland-Vergnügungsparks. Doch damit soll es laut der "Los Angeles Times" bald vorbei sein. Disney wolle in Zukunft ein breiteres Publikum ansprechen - und das sei mit Figuren wie Buzz Lightyear aus "Toy Story" oder Captain Jack Sparrow aus dem real verfilmten "Fluch der Karibik" einfacher. "Vielleicht kommen Märchen eines Tages zurück, wenn jemand einen frischen Ansatz hat", meint Ed Catmull, Chef der in Disney eingegliederten Pixar-Animationsstudios. "Aber in naher Zukunft planen wir keine weiteren Musicals oder Märchen."
Entscheidung nicht überraschend
Die Entscheidung kommt nicht überraschend. Nach dem zuvorgehenden Märchenfilm, "Küss den Frosch" (2008), zeigte sich Disney trotz Kritikerlob und stabilen Besucherzahlen enttäuscht. Man hatte sich mehr erwartet, die Schuld ortete man daraufhin in der falschen Vermarktung. Die bunte Musicalversion vom "Froschkönig" war nämlich an eine zu kleine Zielgruppe gerichtet: an Mädchen. In den USA wurde der aktuelle Disney-Streich "Rapunzel" prompt in das geschlechtsneutrale "Tangled" (dt.: "verworren") umbenannt und der diebeslustige Frauenheld Flynn Rider in den Mittelpunkt des Marketings gestellt. Das Konzept scheint bisher aufgegangen zu sein: Startete "Rapunzel" in den USA noch auf Platz zwei der Kinocharts, verdrängte der Streifen in der zweiten Woche sogar "Harry Potter" vom Thron.
Ob Disney bei seiner Märchen-Absage bleibt, wird sich nach dem Erfolg des modern-erfrischenden "Rapunzel"-Erfolgs also weisen. Vorerst konzentriert man sich im Bereich der Animationsfilme auf andere Geschichten. Mehr auf die Buben fokussiert sich Disney mit dem geplanten Projekt "Reboot Ralph" über einen alternden Videospiel-Helden. Details zur Handlung sind noch nicht bekannt, der Kinostart ist für März 2013 angesetzt. Im April kommenden Jahres kehrt indes A. A. Milnes Bär "Winnie Puuh" auf die Kinoleinwand zurück - altmodisch und handgezeichnet.
"Rapunzel" ist der erste computeranimierte Märchenfilm von Disney
Obwohl "Rapunzel" der erste computeranimierte Märchenfilm von Disney ist, erinnert er doch an die handgezeichnete Ära des Animationsstudios. Walt Disney persönlich hatte in den 40ern an einer Verfilmung des Grimm-Märchens getüftelt; die Markenzeichen wie idyllische Natur, tierische Freunde und intrigante Bösewichte sind auch heute trotz moderner Elemente erhalten geblieben. Allein optisch wird das Ganze in die moderne Animationswelt übertragen: Für Rapunzels 20-Meter-langes Haar wurde eine brandneue Software entwickelt, die Struktur und Bewegung realistisch aussehen lässt.
Seit der Gründung der Walt Disney Company 1923 durch die Brüder Walt und Roy Disney werden Zeichner im Hause ausgebildet und Techniken weiterentwickelt. Mit dem ersten abendfüllenden Zeichentrickfilm schrieb Disney 1937 Filmgeschichte, die darauffolgende Liste der Disney-Klassiker ist lang. Die eine Generation wuchs mit dem liebevoll gezeichneten "Pinocchio" (1949), dem lehrreichen "Dumbo, der fliegende Elefant" (1941), dem berührenden "Bambi" (1942) und dem amüsanten "Dschungelbuch" (1967) auf. Die nächste erinnert sich gern an "Arielle, die Meerjungfrau" (1989), "Aladdin" (1992) oder "Der König der Löwen" (1994) zurück. Neben Filmadaptionen berühmter Kinderbücher wie "Winnie Puuh" bleiben auch die zahlreichen Verfilmungen der Grimm-Märchen in Erinnerung: Lagen "Schneewittchen und die sieben Zwerge" und "Dornröschen" noch nah am Original, wichen die Geschichten über den "Froschkönig" und "Rapunzel" stark ab.
Immer wieder musste sich Disney in jüngerer Vergangenheit sagen lassen, den "guten, alten Zeiten" zunehmend den Rücken zu kehren und von handgezeichneten Landschaften, märchenhaften Charakteren und epischen Soundtracks abzukommen. "Rapunzel" wirkt - wenn auch optisch aufgemotzt - wie der endgültige Abschied von einer Ära.














