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Zuletzt aktualisiert: 23.10.2010 um 20:47 UhrKommentare

"Charme eines Reptils"

Er lässt es wieder krachen an der Börse. Oliver Stone über "Wall Street 2", Gier, Bankenhaie und Schweinsohren.

Foto © APA

Mister Stone, weshalb sind wir im Kino von Profitgeiern wie Gordon Gekko in "Wall Street" so fasziniert?

OLIVER STONE: Vielleicht, weil Gekko eine getriebene Figur ist, ähnlich wie Achilles in Homers "Ilias". Achilles ist weder gut noch böse. Er vollbringt seine größten Heldentaten aus Zorn und Rachedurst.

Weshalb besetzten Sie 1987 die Rolle von Gekko mit Michael Douglas, der zuvor ausschließlich leichte, unterhaltsame Rollen gespielt hatte?

STONE: Michael und ich wussten beide, dass er am besten jenen Typ Mann verkörpert, der in seinem Landhaus sitzt und die Pantoffeln hochlegt. Aber Michael hatte dieses spezielle Lächeln, das den Charme eines Reptils versprüht. Das hatte ich sonst bei niemandem gesehen.

In "Wall Street" verkündete Gekko: "Gier ist gut!" Darauf wurde die echte Wall Street von jungen Nacheiferern überrannt. Wieviel Verantwortung übernehmen Sie?

STONE: Darauf bilde ich mir nicht allzu viel ein. Gier war in der damaligen Gesellschaft längst salonfähig und spiegelte nur wider, was US-Präsident Ronald Reagan seit 1980 unermüdlich proklamierte: Deregulierung, Rückzug des Staats, freier Markt.

Was hat sich seither verändert?

STONE: In den Achtzigerjahren waren skrupellose Investmentbanker wie Mike Milken die Ausnahme. Milken galt als König der Junk Bonds (Schrottanleihen) und wurde wegen Finanzbetrugs verurteilt. Doch es dauerte nicht lange, bis die Banken ihre Vorbehalte über Bord warfen und dasselbe taten wie Milken. Wenn Gekko in "Wall Street: Money Never Sleeps" sagt: "Ich bin ein Schmalspurganove im Vergleich zu diesen Typen", ist das kein Scherz, sondern bitterer Ernst.

Wie schätzen Sie die aktuelle Wirtschaftslage ein?

STONE: Ich denke, wir haben einen entscheidenden Wendepunkt erreicht. Das ökonomische System stockt. Die Japaner nennen das Deflation. Ich würde es Stagnation nennen.

Im Filmbusiness heißt es, dass in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ausschließlich unterhaltsame Filme ohne Realitätsbezug ziehen.

STONE: Ich war nie ein Anhänger von Modeerscheinungen. Um einen Film zu machen, brauche ich ein Jahr. Woher soll ich wissen, wo wir in einem Jahr stehen?

Worin besteht der Unterschied zwischen Ihrem aktuellen Film und dem Original von 1987?

STONE: "Wall Street" war eine moralische Fabel über den Emporkömmling Bud Fox. "Wall Street: Money Never Sleeps" ist eine moralische Fabel über Gordon Gekko. Er ist älter, verwundbarer, vielschichtiger geworden. Geld bedeutet ihm nicht mehr alles.

Sie spielen auf die familiären Werte an, die der Film preist.

STONE: Ja, an diese Werte habe ich immer geglaubt. "Wall Street: Money Never Sleeps" ist eigentlich ein Film über mangelndes Vertrauen. Auf einer Makroebene verspielen die Banken Goodwill gegenüber der Gesellschaft, während sich auf einer Mikroebene Vater und Tochter, Schwiegersohn und Mutter gegenseitig betrügen. Trotzdem bin ich Optimist. Am Ende braucht es Gekkos versöhnliche Intervention.

Sie sind als Regietyrann bekannt, der seinen Schauspielern alles abverlangt.

STONE: Da ist vieles übertrieben worden. Tatsache ist: Wenn ich von einem Schauspieler das Beste kriegen will, muss ich ihn aus seiner Komfortzone bringen. Doch wenn man zu stark pusht, kann der Schuss nach hinten losgehen. Was ebenfalls nichts bringt, ist etwas rausholen zu wollen, was nicht im Schauspieler steckt. Oder anders gesagt: Man kann aus einem Schweinsohr keine Seidentasche machen.

In Ihren Filmen benennen Sie, was in den USA falsch läuft.

STONE: So denke ich nicht. Ich bin in erster Linie Dramatiker, meine Geschichten handeln davon, wie Leute unter Druck zurechtkommen. Daraus entspringt die Gesellschaftskritik. Aber ich bin ganz sicher nicht in erster Linie Dokumentarist, das kann Michael Moore besser.

Moment mal, Sie haben zwei Dokumentarfilme über Fidel Castro und einen über die Präsidenten in Südamerika gedreht!

STONE: Ja, aber ich vermische Spielfilme und Dokumentarfilme nicht. Mit "South of the Border" wollte ich auf kreative Art aufrütteln. Der Film sagt: He, was ist verkehrt mit uns Amerikanern? Wieso glauben wir, alle attackieren zu müssen, anstatt positiv zu denken und uns einzubringen?

Werden Sie weitere Dokumentarfilme drehen?

STONE: Ja, ich arbeite zurzeit an einem 12-stündigen Projekt mit dem Titel "The Untold History of the United States".

Konnten Sie immer die Filme machen, die Sie machen wollten?

STONE: Nein. Im Filmgeschäft gibt es mehr Niederlagen als Siege. Mein letztes Projekt, "Pinkville", eine Aufarbeitung des US-Massakers in Vietnam, platzte drei Wochen vor Drehbeginn. Wir hatten ein ganzes Filmdorf aufgebaut. Aber man darf darüber nicht weinen. Wenn ich die Zeit zurückhaben könnte, die ich mit unrealisierten Filmprojekten vergeudete, käme ich auf sieben Jahre.

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