Minichmayr dreht mit Xaver Schwarzenberger
Das spannende Leben der Schauspielerin Adele Spitzeder, die um 1872 ein geschicktes Schneeball-System aufzog, wird in Bayern und Österreich verfilmt.

Foto © ReutersBirgit Minichmayr in der Hauptrolle
Was für eine Verlockung: Zehn Prozent Zinsen, und das bar auf die Hand. Die Versprechen, mit denen Adele Spitzeder den Leuten das Geld aus der Tasche lockte, waren einfach zu schön. Heerscharen von Menschen kamen nach München und legten ihr Erspartes bei ihrer "Dachauer Bank" an, bei der die Schauspielerin geschickt Geld von einem zum anderen verschob. Doch irgendwann verlor sie den Überblick. Was dann um das Jahr 1872 geschah, ähnelt der Finanzkrise unserer Zeit: Der Zusammenbruch der Bank und der Ruin unzähliger geprellter Anleger. Der österreichische Regisseur Xaver Schwarzenberger verfilmt derzeit das bewegte Leben der Spitzeder (1832-1895) mit Birgit Minichmayr in der Hauptrolle.
Minichmayr ist sich der Parallelen zum heutigen Finanzgebaren vieler Banker bewusst: "Sie war ein altmodischer, bayerischer Madoff", zieht die Schauspielerin Vergleiche mit dem Milliardenbetrüger aus den USA, der tausende Anleger in aller Welt geschädigt hatte. Seine Masche: Ein Schneeball-System, das auch schon Spitzeder angewendet hatte. Die völlig überhöhten Zinszahlungen finanzierte sie mit dem Geld, dass ihr andere Anleger anvertrauten. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde von der wundersamen Geldvermehrung. Empfing Spitzeder die Bauern, Handwerker und anderen Zahlungswilligen zunächst in einer Wirtsstube, leistete sie sich bald ein eigenes Haus - im Film eine prachtvolle Villa im edlen Münchner Wohnviertel Bogenhausen, vor der die Menschen in langen Schlangen geduldig auf das "Bankfräulein" warten, in der Hand dicke Geldbündel.
Letzte Verfilmung mit Ruth Drexel
Zuletzt war Spitzeders Geschichte 1972 verfilmt worden. Die junge Ruth Drexel spielte damals die Betrügerin, die die Menschen mit Charme und Bauernschläue einnahm. Minichmayr zollt Spitzeder Respekt: Eine unglaublich emanzipierte und starke Frau sei sie gewesen, ein verwegener Robin-Hood, der das eingenommene Geld großzügig mit den Armen geteilt habe. Dazu passt auch das Äußere, das Regisseur Schwarzenberger für seine Hauptdarstellerin gewählt hat: Schlichte schwarze Kleider, um den Hals ein großes Kreuz. Doch privat liebte es die Spitzeder luxuriös, davon zeugen die Innenräume der Film-Villa: Auf dem Esstisch die Reste eines Festmahls, im Salon ein Flügel und im Schlafzimmer prächtige Kleider aus Seide und Spitze. Und auch ihre Amouren waren damals skandalös, liebte die Spitzeder doch Frauen.
Marianne Sägebrecht findet bedrückend, dass die Geschichte auf Tatsachen beruht. Sie spielt die Wirtin Edeltraud Staller, bei der Adele Spitzeder in München logierte. Sägebrecht bedauert vor allem die betrogenen Anleger. "Das geht mir wahnsinnig aufs Herz manchmal, weil man weiß, wie viele Menschen sich umgebracht haben danach und wie viele Menschen wirklich total verarmt sind."
Entziehen konnte sich Spitzeder der Gerechtigkeit nicht. Sie landete im Zuchthaus, auch wenn sie sich selber wohl keiner Schuld bewusst war. So sehr war sie von ihrer Idee überzeugt, dass sie nach ihrer Freilassung erneut eine Bank eröffnen wollte. Faszinierend, findet Minichmayr: "Sie hat sich maßlos aufgeregt, dass sie sie jetzt wegsperren. Sie hätten nur ein bisschen warten sollen, dann wäre schon ein Plus rausgekommen." Richten will die Schauspielerin über ihre Filmfigur nicht. "Es ist immer so schwierig, über einen Menschen zu urteilen, den man nicht kennt." Vielleicht habe sie ihre Schuld auch einfach nur verdrängt.
Bis Ende Oktober soll in Bayern, im Waldviertel und in Wien für den Bayerischen Rundfunk und den österreichischen ORF gedreht werden. In weiteren Rollen dabei sind Sunnyi Melles, Johannes Herrschmann und Maximilian Krückl. 2011 soll der von Susanne Porsche produzierte Film ausgestrahlt werden.
Features
Zur Person
Birgit Minichmayr wurde am 3. April 1977 in Linz geboren. Neben Filmrollen spielt sie derzeit hauptsächlich am Wiener Burgtheater sowie am Deutschen Theater und der Volksbühne Berlin. 2010 stelltesie im Jedermann der Salzburger Festspiele die Buhlschaft dar.














