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Zuletzt aktualisiert: 04.02.2010 um 13:34 UhrKommentare

Günter Wallraff: "Als nächstes komme ich nach Österreich"

Interview mit Günter Wallraff, dem deutschen Aufdeckungs-Journalisten, der im Film "Schwarz auf Weiß", der am 12. Februar in Österreich anläuft, den Afrikaner Kwami spielt.

Günter Wallraff

Foto © APAGünter Wallraff

Günter Wallraff schlüpfte schon in viele Rollen: In der griechischen Militärregierung war er Widerstandskämpfer. Bei der "Bild"-Zeitung war er Redakteur. In der deutschen Industrie war er türkischer Gastarbeiter. Für seinen jüngsten Film "Schwarz auf Weiß" reiste der Aufdeckungs-Journalist schwarz geschminkt als Kwami Ogonno durch Deutschland und dokumentierte per versteckter Kamera teils unverhohlenen Alltags-Rassismus. Im APA-Interview spricht Wallraff über Hautfarbe, integrationsunwillige Inländer und seine Pläne für Österreich.

Wie kam es zu der Idee für die Rolle des Kwami Ogonno?
Günter Wallraff: Ich suche mir immer fremde Identitäten aus, weil der Fremde der Gradmesser ist für die Demokratie in einer Gesellschaft. Ich hatte schon immer vor, in der Rolle eines Schwarzen zu leben - schon während der Apartheid in Südafrika. Ich war bereits vorbereitet, dann kam Mandela frei - und ich war einerseits erleichtert, andererseits war es wie eine Frühgeburt. Dann wollte ich als Bootsflüchtling von Afrika zu den Kanaren kommen, fand aber keinen Schlepper, den man hätte einweihen können. Aber so habe ich viele schwarze Freunde kennengelernt, auch viele schwarze Deutsche, die mir von ihren Erfahrungen erzählt haben, von Diskriminierung, von Fremdenhass, von Alltags-Rassismus. Und so wurde ich Kwami Ogonno, für ein Jahr.

Läuft man, wenn man "den Fremden" spielt, nicht Gefahr, dass man Vorurteile selbst inszeniert, dass man ein Stereotyp verkörpert?
Wallraff: Ich bin so dahergekommen, wie ich auch sonst daherkomme. Ich war freundlich, zuvorkommend, wie es so meine Art ist. Ich war nicht der "Borat", obwohl ich ständig mit ihm verglichen werde, ich finde wir haben gar nichts gemeinsam. Das Einzige was ich an mir verändert habe, ist die Hautfarbe und die Haarpracht. Ich sah vorteilhafter aus, zehn Jahre jünger. Und wer ist denn schon ein "echter Schwarzer", wie verhält er sich? Ich habe in einem Asylheim in München gelebt, die hielten mich alle für einen von ihnen. Ich habe Normalität hergestellt, Anschluss gesucht, wie ich es selbst tun würde und noch ohne, dass ich irgendwie aktiv wurde, bereits Ablehnung und Spott erfahren.

Kwami versucht in den Filmszenen, verschiedenen Vereinen - Kleingarten, Sporthunde - beizutreten, sich also zu integrieren, und man verweigert es ihm. Was kann man daraus für Erkenntnisse für eine realpolitische Integrationsdebatte ableiten?
Wallraff: Das hängt mit dem Selbstverständnis einer Gesellschaft zusammen. Selbst konservative Politiker gestehen ein, dass wir ein Einwanderungsland sind und Einwanderer brauchen. Die müssen integriert werden - aber wie man in meinem Film sieht: man lässt sie nicht, auch wenn sie es wollen und sehr gut deutsch sprechen. Was der Integration im Weg steht, ist dass etwa ein Drittel der Deutschen eine ausländerfeindliche Einstellung haben. Das ist nicht die Mehrheit, aber die anderen halten sich raus, denen fehlt meist die Zivilcourage. Sie müssen sich vorstellen: Wir mussten ja von allen, die wir gezeigt haben, die Einwilligung holen. Und die haben sie uns gegeben - in ihren Kreisen war das für sie nicht von Nachteil.

Sie sind in ihrer Laufbahn schon in viel gefährlichere Rollen geschlüpft - vom griechischen Widerstandskämpfer zum Waffenunterhändler - aber es gab bisher wahrscheinlich keine, für die sie so wenig tun mussten, um sich in Gefahr zu begeben...
Wallraff: Richtig. Das war das Paradoxe - nur die Hautfarbe. Nur darüber wird man wahrgenommen.

Hat die Rolle Sie verändert?
Wallraff: Weniger als andere Rollen, weil die Arbeitssituation fehlte. Aber es war schon so, dass ich auch wenn ich abgeschminkt war und abends durch die Straßen lief, möglichst unauffällig war. Die Straßenseite gewechselt habe, wenn da eine Gruppe von Glatzköpfen war. Ich träumte in der Rolle. Vor allem aber habe ich viele Freunde gewonnen, vor allem unter schwarzen Deutschen. Und habe so viele Erfahrungen, Aufzeichnungen, Tagebücher bekommen, mit ähnlichen und schlimmeren Geschichten. Ich überlege da vielleicht noch einen Fortsetzung zu machen, denn die haben ja eine viel größere Berechtigung, ihre Erfahrungen zu veröffentlichen. Eine Gruppe von schwarzen Schauspielern bringen Szenen aus dem Film gemeinsam mit ihren eigenen Erfahrungen jetzt in Berlin auch auf die Bühne.

Seit den frühen 60er Jahren schlüpfen Sie in Rolle nach Rolle. Was war die längste Zeit, in der Sie einfach nur Wallraff waren?
Wallraff: Wallraff? Einige Monate vielleicht. Zwei Ehen sind gescheitert an der ständigen Abwesenheit. Ich bin zum dritten Mal glücklich verheiratet, habe fünf Kinder, die sind alle auf ihre Art toll gelungen. Auch meine jetzige Frau habe ich durch die Obdachlosigkeit - im letzten Jahr war ich ab Weihnachten Obdachloser - über Monate nicht gesehen. Das ist natürlich ein Problem.

Treffen Sie ihre Familie, während Sie in der Rolle sind?
Wallraff: Ich mache immer Tests bei meinen Kindern. Wenn man mich im engsten Kreis nicht erkennt, fühle ich mich sicher.

Als Kwami wurden sie nie erkannt?
Wallraff: Jedenfalls nie von anderen Schwarzen, da gab es kein Misstrauen. Aber gleich am zweiten Tag wurde ich erkannt, als ich ein Auto Probe fahren wollte. Zum Glück stellte sich heraus, dass der Mann meine Arbeit kannte und schätzte und er versprach, mich nicht zu verraten.

In Deutschland hat der Film und Ihr jüngstes Buch "Aus der schönen neuen Welt" eine ziemliche Debatte ausgelöst...
Wallraff: Der Film kommt auch ins Fernsehen mit einem Themenabend, da wird er sicher ein noch größeres Publikum erreichen. Ich habe in der Bevölkerung inzwischen einen ziemlichen Vertrauensvorschuss. Die Leute kommen von alleine zu mir und vertrauen sich an - von der Deutschen Bahn bis zuletzt Starbucks. Dann nämlich wenn Leitende zu Leidenden werden. Ich habe so viele Unrechtfälle liegen, die kann ich gar nicht alle berücksichtigen. Manchmal rufe ich dann einfach an und sage: Bringen Sie das in Ordnung, dann kann ich davon absehen, darüber zu berichten - und siehe da, es passiert etwas. Auch die Gerichtsfälle bleiben inzwischen aus, wahrscheinlich hat sich herumgesprochen, dass ich alle gewonnen haben. Das ist aber nicht nur positiv. Denn ein zynischer Leitsatz unserer Gesellschaft lautet ja: Erfolg gibt recht. Da muss ich auch aufpassen, dass mich nicht die Falschen vereinnahmen. Aber solange mich die Bild-Zeitung noch als Feind sieht...

Was kommt als nächstes?
Wallraff: Ich hatte Dinge, die ich im April angehen wollte, aber seit ich jetzt in Österreich bin, habe ich schon so viele Anregungen für hier bekommen - und es liegt so nah. Ich muss nur aufpassen, dass ich in Österreich nicht zum Satiriker werde. Also ich drohe das jetzt mal an, als nächstes komme ich nach Österreich. Vielleicht kommt das den hier lebenden Schwarzen ja zugute - das könnte auch ich sein, unter den nächsten Asylwerbern!


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