"Slumdog Millionär": Bollywood eroberte auch Hollywood
Der Film von Danny Boyle verwandelte 10 Nominierungen in 8 Oscars.

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Mit Hilfe eines britischen Regisseurs hat
es Bollywood nun auch nach Hollywood geschafft: "Slumdog Millionär",
die in der indischen Millionenmetropole Mumbai (Bombay) spielende
Romanverfilmung von Danny Boyle ("Trainspotting", "The Beach") wurde
nach zahllosen internationalen Filmpreisen heute mit acht Academy
Awards auch zu dem großen Gewinner der Oscar-Nacht. Die insgesamt
zehn Nominierungen brachten schließlich in den Königs-Kategorien
Bester Film und Beste Regie sowie bei Bestes adaptiertes Drehbuch,
Beste Kamera, Bester Ton, Bester Schnitt, Beste Musik und Bester
Original-Song auch tatsächlich die begehrten Gold-Statuetten. In
Österreich startet der Film am 20. März.
Bollywood-Dramaturgie.
"Slumdog Millionär", für das der heute Oscar-gekrönte
Drehbuchautor Simon Beaufoy ("Ganz oder gar nicht") den Roman "Q & A"
("Rupien, Rupien" in der deutschen Übersetzung) des indischen
Diplomaten Vikas Swarup umgearbeitet hat, bedient sich sowohl bei der
kitschig-rührseligen Bollywood-Dramaturgie als auch bei den
klassischen Sozialromanen der britischen Literatur von Charles
Dickens bis Henry Fielding. Für Boyle ist der aus den Slums stammende
junge Waisenjunge Jamal Malik, der es bei der populären indischen
TV-Show "Wer wird Millionär?" wundersamer Weise schafft, alle Fragen
zu beantworten, "ein moderner Oliver Twist".
Großartigeer Beaufoy.
Drehbuchautor Beaufoy hat einen wesentlichen Anteil daran, dass
"Slumdog Millionär" nicht einfach eine weitere Variante der alten
Aufsteiger-Geschichte "Vom Tellerwäscher zum Millionär" ist: Die
außerordentliche Dramaturgie führt vom wenig zimperlichen
Polizeiverhör, bei dem der vermeintlichen Wettbetrüger überführt
werden soll, zum Verlauf der Show und von jeder einzelnen Frage in
Rückblenden zurück in ein Kapitel im Leben Jamals. Denn der ist nicht
ein allwissendes Genie, sondern kann jede richtige Antwort mit einer
dafür verantwortlichen Episode seines Lebens belegen.
Passender Rahmen.
Die zwölf Kurzgeschichten des Buches bekamen so den passenden
Rahmen, gleichzeitig bot dies eine Möglichkeit, elegant die Genres zu
wechseln. "Ich konnte nach allen Richtungen feuern", freute sich
Beaufoy, "Es gibt eine Romanze, es gibt die Komödie, es gibt einen
Gangsterfilm: Es war wunderbar, einmal nicht an ein einziges Genre
gebunden zu sein." Dass dennoch die Spannung erhalten bleibt, dafür
sorgt der Umstand, dass die finale 20-Millionen-Rupien-Frage erst am
nächsten Tag wartet, und Jamal für sie direkt von der Polizeistation
ins TV-Studio gebracht wird. Am Subkontinent, wo man "Slumdog
Millionär" längst als indischen Film betrachtet, dürfte die
vergangene Oscar-Nacht zu ebensolchen Menschen-Ansammlungen vor den
Fernsehgeräten geführt haben wie im Film das Millionenshow-Finale.
Brilliante Kameraführung.
Zu dem raffinierten Drehbuch kommt eine brillante, ebenfalls mit
einem Oscar ausgezeichnete Kameraführung von Anthony Dod Mantle, der
u.a. auf erfolgreiche Zusammenarbeiten mit Thomas Vinterberg und Lars
von Trier zurückblickt. Mit digitalen Handkameras wirft er sich ins
Getümmel der 22-Millionen-Stadt, fängt in eindrucksvollen,
dynamischen Bildern sowohl die opulente Buntheit, als auch die
Tristheit und Brutalität des indischen Alltags ein.
Ungeschminkte Darstellung.
Diese ungeschminkte Darstellung, die religiös motivierten Hass
ebenso einschließt wie Kinderhandel und organisierte Kriminalität,
das mittelalterlich anmutende Indien der Armenviertel ebenso zeigt
wie das moderne der Call-Center, sorgte vor Ort bereits für heftige
Diskussionen: Indische Kritiker sprachen von "Armuts-Pornografie",
Hilfsorganisationen von einer Chance, der Welt die "kalte Realität"
von 120 Millionen in Armut lebenden Kindern in Indien zu zeigen.
Danny Boyle hat die Errichtung eines Fonds für Kinder in den Slums
von Mumbai versprochen: "Es ist die Chance, einer außerordentlichen
Stadt etwas zurück zu geben, die uns geholfen hat, einen
außerordentlichen Film zu drehen."
Keine Schauspiel-Kategorie.
Während die Filmmusik des indischen Komponisten A. R. Rahman
gleich zwei Oscars erhielt, war der Film in keiner einzigen
Schauspiel-Kategorie nominiert - obwohl der junge britische
TV-Darsteller Dev Patel in der Hauptrolle des Jamal Malik, der
indische Bollywood-Star Anil Kapoor als Show-Moderator Prem Kumar und
das als Moderatorin arbeitende Model Freida Pinto in ihrem
Spielfilmdebüt als Jamals große Liebe Latika ihre Arbeit durchaus
überzeugend machen.
Wucht der Bilder.
Auch wenn der zweistündige Film in seiner letzten Viertelstunde
beim Versuch, die Kurve Richtung Love Story und Happy End zu nehmen,
gefährlich an den Rand des Kitschs gerät, haben die Rasanz der
Geschichte und die Wucht der Bilder lange Nachwirkung. Wer beim
Nachspann ganz zerschlagen im Kino sitzenbleibt, wird belohnt - mit
einem fröhlichen, beschwingten Tanz des gesamten Ensembles in der
Abfahrts-Halle des Hauptbahnhofes von Mumbai.














