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Zuletzt aktualisiert: 23.02.2009 um 06:56 UhrKommentare

"Slumdog Millionär": Bollywood eroberte auch Hollywood

Der Film von Danny Boyle verwandelte 10 Nominierungen in 8 Oscars.

Foto © AP

Mit Hilfe eines britischen Regisseurs hat es Bollywood nun auch nach Hollywood geschafft: "Slumdog Millionär", die in der indischen Millionenmetropole Mumbai (Bombay) spielende Romanverfilmung von Danny Boyle ("Trainspotting", "The Beach") wurde nach zahllosen internationalen Filmpreisen heute mit acht Academy Awards auch zu dem großen Gewinner der Oscar-Nacht. Die insgesamt zehn Nominierungen brachten schließlich in den Königs-Kategorien Bester Film und Beste Regie sowie bei Bestes adaptiertes Drehbuch, Beste Kamera, Bester Ton, Bester Schnitt, Beste Musik und Bester Original-Song auch tatsächlich die begehrten Gold-Statuetten. In Österreich startet der Film am 20. März.

Bollywood-Dramaturgie. "Slumdog Millionär", für das der heute Oscar-gekrönte Drehbuchautor Simon Beaufoy ("Ganz oder gar nicht") den Roman "Q & A" ("Rupien, Rupien" in der deutschen Übersetzung) des indischen Diplomaten Vikas Swarup umgearbeitet hat, bedient sich sowohl bei der kitschig-rührseligen Bollywood-Dramaturgie als auch bei den klassischen Sozialromanen der britischen Literatur von Charles Dickens bis Henry Fielding. Für Boyle ist der aus den Slums stammende junge Waisenjunge Jamal Malik, der es bei der populären indischen TV-Show "Wer wird Millionär?" wundersamer Weise schafft, alle Fragen zu beantworten, "ein moderner Oliver Twist".

Großartigeer Beaufoy. Drehbuchautor Beaufoy hat einen wesentlichen Anteil daran, dass "Slumdog Millionär" nicht einfach eine weitere Variante der alten Aufsteiger-Geschichte "Vom Tellerwäscher zum Millionär" ist: Die außerordentliche Dramaturgie führt vom wenig zimperlichen Polizeiverhör, bei dem der vermeintlichen Wettbetrüger überführt werden soll, zum Verlauf der Show und von jeder einzelnen Frage in Rückblenden zurück in ein Kapitel im Leben Jamals. Denn der ist nicht ein allwissendes Genie, sondern kann jede richtige Antwort mit einer dafür verantwortlichen Episode seines Lebens belegen.

Passender Rahmen. Die zwölf Kurzgeschichten des Buches bekamen so den passenden Rahmen, gleichzeitig bot dies eine Möglichkeit, elegant die Genres zu wechseln. "Ich konnte nach allen Richtungen feuern", freute sich Beaufoy, "Es gibt eine Romanze, es gibt die Komödie, es gibt einen Gangsterfilm: Es war wunderbar, einmal nicht an ein einziges Genre gebunden zu sein." Dass dennoch die Spannung erhalten bleibt, dafür sorgt der Umstand, dass die finale 20-Millionen-Rupien-Frage erst am nächsten Tag wartet, und Jamal für sie direkt von der Polizeistation ins TV-Studio gebracht wird. Am Subkontinent, wo man "Slumdog Millionär" längst als indischen Film betrachtet, dürfte die vergangene Oscar-Nacht zu ebensolchen Menschen-Ansammlungen vor den Fernsehgeräten geführt haben wie im Film das Millionenshow-Finale.

Brilliante Kameraführung. Zu dem raffinierten Drehbuch kommt eine brillante, ebenfalls mit einem Oscar ausgezeichnete Kameraführung von Anthony Dod Mantle, der u.a. auf erfolgreiche Zusammenarbeiten mit Thomas Vinterberg und Lars von Trier zurückblickt. Mit digitalen Handkameras wirft er sich ins Getümmel der 22-Millionen-Stadt, fängt in eindrucksvollen, dynamischen Bildern sowohl die opulente Buntheit, als auch die Tristheit und Brutalität des indischen Alltags ein.

Ungeschminkte Darstellung. Diese ungeschminkte Darstellung, die religiös motivierten Hass ebenso einschließt wie Kinderhandel und organisierte Kriminalität, das mittelalterlich anmutende Indien der Armenviertel ebenso zeigt wie das moderne der Call-Center, sorgte vor Ort bereits für heftige Diskussionen: Indische Kritiker sprachen von "Armuts-Pornografie", Hilfsorganisationen von einer Chance, der Welt die "kalte Realität" von 120 Millionen in Armut lebenden Kindern in Indien zu zeigen. Danny Boyle hat die Errichtung eines Fonds für Kinder in den Slums von Mumbai versprochen: "Es ist die Chance, einer außerordentlichen Stadt etwas zurück zu geben, die uns geholfen hat, einen außerordentlichen Film zu drehen."

Keine Schauspiel-Kategorie. Während die Filmmusik des indischen Komponisten A. R. Rahman gleich zwei Oscars erhielt, war der Film in keiner einzigen Schauspiel-Kategorie nominiert - obwohl der junge britische TV-Darsteller Dev Patel in der Hauptrolle des Jamal Malik, der indische Bollywood-Star Anil Kapoor als Show-Moderator Prem Kumar und das als Moderatorin arbeitende Model Freida Pinto in ihrem Spielfilmdebüt als Jamals große Liebe Latika ihre Arbeit durchaus überzeugend machen.

Wucht der Bilder. Auch wenn der zweistündige Film in seiner letzten Viertelstunde beim Versuch, die Kurve Richtung Love Story und Happy End zu nehmen, gefährlich an den Rand des Kitschs gerät, haben die Rasanz der Geschichte und die Wucht der Bilder lange Nachwirkung. Wer beim Nachspann ganz zerschlagen im Kino sitzenbleibt, wird belohnt - mit einem fröhlichen, beschwingten Tanz des gesamten Ensembles in der Abfahrts-Halle des Hauptbahnhofes von Mumbai.


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