Mit Ironie gegen den Hexer
Nanni Moretti spiegelt in seinem Kinofilm "Der Italiener" Silvio Berlusconi. Der Regisseur hofft, dass der politische Phoenix in der Asche bleibt.

Foto © APANanni Moretti nahm für 'Der Italiener' Silvio Berlusconi aufs Korn
Was ist eigentlich so politisch an Ihrem neuen Kinofilm "Der Italiener"?
NANNI MORETTI: Die Hauptfigur ist Bruno, ein Regisseur, der viele Krisen durchlebt: Die Trennung von seiner Frau quält ihn, der Schauspieler läuft ihm davon, das Studio wird zerstört, die Finanzierung ist kompliziert, weil er einen kritischen Film über einen mächtigen Premierminister und Medientycoon machen will. Ich wollte den Film aber nicht total auf Silvio Berlusconi ausrichten, das wäre zu viel Ehre für diesen Typen. Die Figur des Regisseurs ist typisch: Zur beliebtesten Sportart in Italien zählt ja lautes Klagen und Jammern, immer sind die anderen Schuld.
Manche sagen, Ihr Film hätte im Vorjahr die Wahlen in Italien beeinflusst. Romano Prodi schlug Berlusconi nur ganz knapp.
MORETTI: Politiker und Journalisten schwätzen viel, es ging eigentlich nur darum, den Start des Films bis nach den Wahlen hinauszuzögern. Dabei hatten diejenigen, die sich das Maul am meisten zerrissen, den Film überhaupt noch nicht gesehen. Es war ein elendes Hick-Hack. In Italien wussten die Menschen auch so genau, was für eine undurchsichtige Gestalt der Premierminister war und was sie sich mit einer neuerlichen Wahl eingehandelt hätten. Hingegen beklagte sich niemand über Berlusconi Manipulationsmöglichkeiten durch seine Medienmaschinerie.
Aber politisch mitzumischen, macht Ihnen doch Spaß, oder?
MORETTI: Sicher, ich habe seinerzeit Spots gegen Berlusconi gedreht, aber Regisseure können nicht die Aufgabe der politischen Opposition übernehmen. Private Geschichten zu erzählen finde ich spannender, die können ja auch ohne Agitation politisch sein. Ich bin jedenfalls kein Messias mit Sendungsbewusstsein.
Wie konnte ein Politiker wie Berlusconi so eine Karriere machen?
MORETTI: Das Phänomen Berlusconi halte ich für sehr vielschichtig. Das Land hatte schon vorher den Glauben an die Politik und Politiker verloren, Steuern galten nur als Ärgernis, der Begriff Integrität war fast ein Schimpfwort. Er fand einen fruchtbaren Boden, auf dem er sein Imperium aufbauen konnte. Wenn Italien eine Zeitlang das Produkt von Berlusconi war, so war Berlusconi auch ein Produkt dieses Italien. Unsere Wähler waren wie verhext von ihm. Dabei fehlte ihm das staatsmännische Format: In der Innen- und Außenpolitik leistete er sich zig Fehler, erließ Gesetze, die nur ihm nützten, und tat alles, um Bushs Gunst zu gewinnen. Eklig! Jetzt ist Berlusconi erst einmal weg vom Fenster, hoffentlich taucht er nicht wieder wie der Phoenix aus der Asche auf.
Ihre Markenzeichen ist die Ironie.
MORETTI: Als Mensch und Regisseur entspricht es mir natürlich, mich an jedes Thema mit Ironie zu wagen. Selbst in "Liebes Tagebuch" von 1993, wo es um meinen Tumor ging. Manchmal weiß ich jedoch nicht, ob die Ironie nur ein Mittel der Selbstverteidigung von mir war oder ist.
Features
Zur Person
Nanni Moretti, geboren am 19. 8. 1953 in Bruneck/I.
Regisseur, Produzent und Schauspieler.
Filme: Wasserball und Kommunismus, Liebes Tagebuch (Regiepreis Cannes 1994), Das Zimmer meines Sohnes (Goldene Palme Cannes 2001).












