"Mir liegt viel eher das Leise"
Peter Henischs neuer Roman "Eine sehr kleine Frau" ist für den Deutschen Buchpreis nominiert. In Maria Saal wird er Auszüge des neuen Werkes lesen.
Wären Sie damit einverstanden, wenn man sagt, in Ihrem neuen Roman geht es um eine arisierte Frau?
Peter Henisch: Das war sogar einer der Titel, die ich im Sinn hatte. Das Buch ist im Kern schon 2001 entstanden, nachdem ich den Roman "Schwarzer Peter" abgeschlossen und bevor mich "Die schwangere Madonna" erwischt hatte. "Eine sehr kleine Frau" war damals auch schon ins Auge gefasst, und zwar in Rückverbindung zu "Die kleine Figur meines Vaters". Die "arisierte Frau" deckt nur einen Teil der Geschichte ab, allerdings einen ganz wichtigen Teil: Die Großmutter hat ja in der Ehe mit ihrem zweiten Mann, mit dem Wilhelm Prinz, ihre Identität, ihre jüdische Herkunft, zum Tabu gemacht, machen müssen. Sie ist einerseits darauf eingegangen, aber es war doch eine Zumutung, die ihr andererseits in der Nazizeit vielleicht sogar das Leben gerettet hat. Erst in der Erscheinungsform als Oma, in der ich sie in der Nachkriegszeit kennen gelernt habe, hat sie nach und nach wieder zu ihrer Identität, zu ihrer Persönlichkeit zurückgefunden. Sie schaut meiner wirklichen Großmutter ziemlich ähnlich, ist aber doch eine andere.
Diese Frau ist ein begnadete Erzählerin, sie vermittelt Kulturgut.
Peter Henisch: Ja, sie hatte eine großes Talent zum Erzählen. Sie machte keinen Unterschied zwischen Trivial- und Weltliteratur. Was sie interessierte, gab sie weiter. Und das war eine Menge. Wenn ich bedenke, wie wenig an Kulturgütern durch diese Art heute den Kindern vermittelt wird, dann muss ich sagen, ich war sehr privilegiert.
Bildung als Auslaufmodell?
Peter Henisch: Bei Lesungen, egal ob in Schulen oder vor einem Erwachsenenpublikum, merke ich, dass gewisse assoziative Zusammenhänge für einen Teil des Publikums nicht mehr selbstverständlich sind. Das so genannte bildungsbürgerliche Gut, das einst selbstverständlich da war, fehlt. Um es mit einem blöden neuen Wort zu sagen: es ist obsolet. Hier zeigt sich auch ein Versagen der Bildungspolitik.
"Eine sehr kleine Frau" steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.
Peter Henisch: Was mich freut und mir zusätzliche Aufmerksamkeit beschert. Auf der anderen Seite muss man schon sehen, diese Fokussierung auf 20 Titel ist auch ein Problem für alle, die draußen geblieben sind. Die werden vom "großkopferten" Feuilleton weniger beachtet. Das Motto "Klotzen statt kleckern" hat etwas Ekelhaftes an sich. Mir liegt viel eher das Leise. Aber ich würde den Buchpreis schon nehmen (lacht) und ich würde nicht das Gefühl haben, da gibt es Schriftsteller, die sind um Berge besser, weil sie um einige Mega-Phon lauter sind.
Features
Zur Person
Peter Henisch wurde am 27. August 1943 in Wien geboren. Literarischer Durchbruch 1975 mit dem Longseller "Die kleine Figur meines Vaters".
Präsentation
Henisch liest am 24.10. in Maria Saal, Haus der Begegnung,aus "Eine sehr kleine Frau".








